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Größter Industriebetrieb Sachsen-Anhalts: Warum Enercons Erfolg jetzt gefährdet ist

Mit viel Handarbeit werden in einer Produktionsstätte auch die meterhohen Generatoren für die Windenergieanlagen gefertigt.

Mit viel Handarbeit werden in einer Produktionsstätte auch die meterhohen Generatoren für die Windenergieanlagen gefertigt.

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Steffen Höhne

Magdeburg -

Ein Mechaniker links, ein Mechaniker rechts: Geschickt verbauen die beiden Männer handgroße Kupferwicklungen in einen etwa sieben Meter hohen Metallring. In stundenlanger Handarbeit entsteht so ein Generator - das Herzstück einer Windenergieanlage. In ihm wird später die Drehung der Rotorblätter in elektrische Energie umgewandelt.

„Das Prinzip kennt jeder von seinem Fahrraddynamo“, sagt Enercon-Manager Dirk Hofmann. Bei der Herstellung komme es auf Genauigkeit an. Bei den metergroßen Anlagen dürfe es, erläutert Hofmann, lediglich Abweichungen von 0,2 Millimeter geben.

Als Stärken der deutschen Industrie werden gern die Ingenieurskunst und die präzise Arbeit von Fachkräften hervorgehoben. Wer sich das einmal in der Praxis anschauen möchte, dem sei ein Besuch im Enercon-Werk in Magdeburg empfohlen. In der Nähe des Hafens hat der Windkraftanlagen-Hersteller eine verfallene Gießerei in ein modernes Fertigungszentrum umgewandelt.

Leistung von Windrädern steigt immer weiter

Als sich das Unternehmen aus dem ostfriesischen Aurich 1995 ansiedelte, wurden zunächst Windräder mit einer Leistung von 1,5 Megawatt und einer Turmhöhe von 80 Metern produziert. Heute liegen die Spitzenprodukte bei sieben Megawatt, und der Turm ist 180 Meter hoch.

Mit dem Voranschreiten der Energiewende hat sich auch der Produktionsstandort entwickelt. „Wir besitzen eine hohe Fertigungstiefe“, sagt Hofmann, der gleich drei Firmen leitet. Für die Windräder werden in der Landeshauptstadt in mehreren Produktionsstätten die Türme gebaut, die Rotorblätter gefertigt und die Generatoren hergestellt. „Wir können die Anlagen fast komplett herstellen“, so der Geschäftsführer.

Mit mehr als 4000 Mitarbeitern ist das Enercon-Konglomerat inzwischen der größte Industriebetrieb Sachsen-Anhalts. „Zu verdanken ist diese Entwicklung unseren Mitarbeitern“, sagt Hofmann. Es handelt sich dabei nicht nur um das obligatorische Lob für die Belegschaft.

Enercon profitiert in Magdeburg von guten Arbeitskräften

Magdeburg war in der DDR das Zentrum des Schwermaschinenbaus, der nach 1990 in großen Teilen zusammenbrach. Viele der Ingenieure, Mechaniker, Schlosser und Elektriker haben bei Enercon eine neue Stelle gefunden. Die Mitarbeiter waren geübt darin, große Anlagen zu fertigen. Aus den Plänen der Konstrukteure des Mutterunternehmens werden in Magdeburg marktreife Produkte. Die Werkhallen sind in dem Sinn der Maschinenraum der Energiewende.

Über Jahre drang vom Erfolg allerdings wenig nach außen. Enercon berichtete in der Vergangenheit kaum über sich selbst in der Öffentlichkeit. Gewerkschaften und Betriebsräte wurden vom Windkraft-Pionier und langjährigen Firmenchef Aloys Wobben eher geduldet - erwünscht waren sie nicht unbedingt. Solange das Geschäft von Jahr zu Jahr wuchs, gab es darüber bei den Beschäftigten aber nur wenig Klagen.

Mittlerweile hat sich der Wind gedreht. Die gesamte Branche leidet unter Auftragseinbrüchen - das wird auch in Magdeburg spürbar. „Im vergangenen Jahr haben wir etwa 350 Anlagen ausgeliefert“, berichtet Hofmann. Im Jahr zuvor seien es noch 450 gewesen. Er begründet den Rückgang vor allem mit der Schwäche des deutschen Marktes. Dieser habe sich aufgrund eines veränderten Fördersystems innerhalb eines Jahres auf 2400 Megawatt Leistung halbiert. Zum Vergleich: Allein in Magdeburg werden derzeit jährlich Anlagen mit einer Leistung von 1 500 Megawatt produziert.

Geringere Nachfrage nach Windrädern trifft auch Enercon

In die Schlagzeilen geriet Enercon in Sachsen-Anhalt 2018, weil bei einem Zulieferer in der Stadt an der Elbe 130 Stellen wegfielen. Wesentlich leiser aber umfangreicher vollzog sich der Abbau von Zeitarbeitern. Die Gesamtzahl der Beschäftigten sank in den vergangenen 18 Monaten von 5000 auf etwa 4000.

Da stellt sich die Frage: Ereilt die Windkraft nun auch das Schicksal der deutschen Solarindustrie, die durch starke asiatische Konkurrenz fast verschwunden ist? Betriebschef Hofmann geht fest davon aus, dass sich Magdeburg im internationalen Wettbewerb behaupten kann. „Wir machen hier keine Massenproduktion, die Anlagen werden mitunter nach Kundenwunsch gefertigt.“

Ein Blick in eine etwa 150 Meter lange und 20 Meter hohe Werkhalle veranschaulicht das: In dieser werden die 70 Meter langen Rotorblätter gefertigt. Hofmann spricht von einer Sandwichbauweise. Die in einer Form ausgelegten Glasfasermatten werden dabei über eine Pumpe und ein Schlauchsystem im Vakuum mit Harz getränkt. Schicht für Schicht baut sich so das Blatt auf. Auf die einzelnen Teile der Windräder wirken später enorme Kräfte. „Jede Verschraubung muss daher auch dokumentiert werden, ob sie ordnungsgemäß erfolgt ist“, erläutert Hofmann.

Enercon will Effizienz des Werkes steigern

Aufgrund der komplexen Produktion und aufwendiger Zertifizierungen kommen nach seinen Angaben die Hauptwettbewerber von Enercon auch nicht aus Asien, sondern aus Europa. Um die Effizienz zu erhöhen, werden Arbeitsschritte nun zunehmend automatisiert und neue Materialien eingesetzt. So übernehmen Roboter die Wicklung von Spulen und Kupfer wird durch Aluminium ersetzt. Ziel ist es, die Produktivität jedes Jahr um drei Prozent zu erhöhen. Das wirkt sich auch auf die Effizienz der Windräder aus. Moderne Anlagen produzieren die Kilowattstunde Strom für vier Cent. Die Energie ist damit billiger als Strom aus einem Gaskraftwerk.

Doch das Sparen und Verschlanken nützen wenig, wenn sich der Markt nicht erholt. Laut Bundesnetzagentur wurden im April 2019 nur neun Windenergieanlage in ganz Deutschland am Land neu errichtet, im Mai waren es 13. „Wir benötigen dringend Änderungen im Fördersystem und mehr ausgewiesene Flächen zum Bau neuer Anlagen“, sagt Enercon-Managerin Ruth Brand-Schock. Sie vertritt in Berlin die Interessen des Unternehmens gegenüber der Politik.

Enercon: Wir brauchen mehr Flächen für Windräder

In Sachsen-Anhalt beispielsweise dürfen Windkraftanlagen nur noch auf sogenannten Vorrangflächen gebaut werden. Doch diese sind inzwischen weitgehend belegt. „Wir brauchen zusätzliche Flächen, damit die Energiewende nicht abgewürgt wird“, sagt Brand-Schock.

Der Enercon-Standort in Magdeburg versucht die Auftragsflaute in Deutschland mit steigenden Exporten auszugleichen. „Die Märkte in den USA und Südafrika rücken für uns in den Fokus“, erläutert Hofmann. Inzwischen werde bereits die Hälfte der in Magdeburg gefertigten Anlagen exportiert. Doch auch andere europäische Windradbauer verfolgen diese Strategie und produzieren teilweise noch günstiger. Werkleiter Hofmann sagt daher auch: „Wir müssen aufpassen, dass die Aufbauleistung der vergangenen Jahre nicht gefährdet wird.“ (mz)