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Im Visier von Investoren: „Es ist Zeit, dem Kleingartenirrsinn ein Ende zu bereiten“

Luftbild einer Kleingartenanlage

Luftbild einer Kleingartenanlage

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imago/Hans Blossey

Berlin -

Mehr als 400 Obstbäume und -Sträucher alter und exotischer Sorten säumen die Wege in der Kleingartenanlage „Am Kienberg“ in Berlin-Marzahn. „Hier wächst unser Naschobst, an dem sich auch Besucher bedienen können“, sagt der Vorsitzende Burkhard Träder.

Auch sonst zeigt sich die Anlage offen: Es gibt einen öffentlichen Spielplatz, zu Sommerfesten oder Pflanztauschbörsen sind die Nachbarn immer eingeladen. „Und natürlich freuen wir uns immer über nette Gespräche. Sich hinter hohen Hecken zu verstecken und sich nur um Gartenzwerge zu kümmern - das gibt es bei uns nicht“, sagt der Vorsitzende.

Die Anlage hat erst vor wenigen Wochen einen ersten Preis im Bundeswettbewerb Gärten im Städtebau gewonnen. Auch weil hier das praktiziert wird, was Kleingartenanlagen nach Ansicht von Experten in Zukunft auch brauchen, um in Ballungszentren weiter bestehen zu können: ein Miteinander mit der Nachbarschaft. „Wenn Sie Akzeptanz in der Bevölkerung haben wollen, geht das nur, in dem Sie sich öffnen“, sagt Burkhard Träder. Auch viele andere Anlagen haben das laut Bundesverband bereits erkannt.

Hochburg der Kleingärtner: 70.000 Parzellen in Berlin

Berlin ist Deutschlands Hochburg der Kleingärtner. Mehr als 70.000 Parzellen gibt es hier. Auch in anderen Städten boomt die Sehnsucht nach grünen Oasen. „Das geht durch alle Altersgruppen und alle Schichten“, hat die Hamburger Kleingärtnerin, Designerin und Autorin Sylvia Doria („Lust auf Laube“) beobachtet, die für ihr Buch zahlreiche Geschichten von Kleingärtnern zusammengetragen hat.

Während Vereine in dünn besiedelten Regionen mitunter so starke Nachwuchsprobleme haben, dass Anlagen geschlossen werden müssen, geraten in Zeiten der Wohnungsknappheit Flächen in Großstädten immer wieder in den Fokus von Investoren. „Es ist höchste Zeit, dem Kleingartenirrsinn ein Ende zu bereiten und für eine soziale und familiengerechte Stadt einzutreten“, heißt es zum Beispiel in einem Aufruf des Berliner Projektentwicklers Arne Piepgras, der seit langem gegen Laubenpieper wettert.

„Die Verdrängungsdiskussion gibt es in allen Metropolen mit wachsender Bevölkerung, etwa auch in München, Köln, Hamburg und Frankfurt am Main“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde, Stefan Grundei. Aus seiner Sicht müssen Kleingärtner künftig nicht nur offen, sondern auch kompromissbereit sein, was ihre Flächen angeht. „Wir können nicht in die Komplettverweigerung gehen“, betont er. Grundei plädiert für eine „intelligente Nutzung“ der Flächen.

„Eine Lösung wäre zum Beispiel, die Größe der Parzellen zu reduzieren“

„Eine Lösung wäre zum Beispiel, die Größe der Parzellen zu reduzieren und somit mehr Gärten auf der gleichen Fläche zu schaffen“, schlägt der Verbandsvertreter vor. Dann wäre es aus seiner Sicht auch möglich, in Ausnahmefällen Teile von Kleingartenflächen für wichtige Infrastrukturprojekte abzutreten. Insgesamt müsse die Zahl der Parzellen aber gehalten werden, betont er - notfalls auch auf Ersatzflächen.

Einzelne Kleingartenparzellen seien heute mitunter 600 oder 700 Quadratmeter groß. „Das ist viel mehr, als viele Leute brauchen. Sie müssen ja auch auf der Fläche gärtnern“, betont Grundei. In Hamburg sei das Modell der Nachverdichtung bereits sehr erfolgreich

Auch die Präsidentin der Architektenkammer Berlin, Christine Edmaier, plädiert für Verhandeln und Kompromisslösungen. Sie hat zum Beispiel die an Straßen gelegenen Flächen im Blick. „An einigen bestehenden Kleingärten in gut erschlossenen Gebieten könnte man doch zumindest am Rand entlang der Straßen bauen. Da braucht man kein neues Bauland zu erschließen“. Die Gebäude könnten sich ja auch anpassen, zum Beispiel durch viel Grün und Terrassen.

Klima-Experte: „Je dichter wir eine Stadt bauen, desto größer ist der Hitzeeffekt“

Im Gegenzug könne man Kleingärtnern für den Rest der Fläche langfristige Sicherheiten geben, schlägt sie vor. „Wir können nicht das Berliner Wohnungsproblem auf Kleingartenflächen lösen, aber wir können einen Teil der Wohnungen dort bauen“, so die Präsidentin.

Die Berliner rot-rot-grüne Regierung hat Kleingärtnern gerade erst neue Garantien für landeseigene Flächen angekündigt. Darüber, dass Kleingärten erhalten bleiben müssen, besteht hier Konsens. Auch aus Sicht von Klimaforschern und Stadtplanern spielen Kleingärten als Grünflächen eine wichtige Rolle in Städten.

„Die reflexartige Darstellung „Wir brauchen Wohnraum und dafür brauchen wir die Flächen“ hat zwar kurzfristige Effekte, ist aber langfristig nicht sinnvoll“, warnt etwa Jürgen Kropp vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Schon jetzt sei die Zahl der Hitzetage in Städten doppelt so hoch wie auf dem Land. „Je dichter wir eine Stadt bauen, desto größer ist der Hitzeeffekt“, so Kropp.

Im ungünstigsten Fall werde sich die Zahl der Hitzetage bis zum Ende des 21. Jahrhunderts verzehnfachen. Grünflächen seien hier als Verdunstungsflächen mit Kühleffekt ein wichtiges Mittel, um das Stadtklima zu verbessern. In Zukunft reichen sie laut Kropp aber nicht aus. „Wir brauchen auch vertikale Gärten - also Gärten in Gebäuden“, betont er.

Bemüht man sich um Öffnung und Artenvielfalt oder begreift man den Garten nur als private Liegewiese?

„Kleingärten werden auch in Zukunft Teil der Städte sein. Sie gehören zum Grünbereich, der ganz wesentlich dazu beiträgt, dass die Städte lebenswert bleiben“, ist Stadtplanerin Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik überzeugt. Elektroautos allein werden nach ihren Worten nicht dafür sorgen können, dass die Städte leise und sauber sind. „Aber Kleingärten müssen schon noch einmal einen gewissen kulturellen Wandel erfahren“, betont sie.

Dazu zählt laut Pätzold auch die „Rückführung der teilweisen Großbebauung“. Es vertrage sich einfach nicht mit bestimmten Gerechtigkeitsvorstellungen, wenn man einen gemeinnützigen Kleingartenzins bezahle, aber dort eine Art Wochenendhaus habe und nur noch alibimäßig drei Blümchen züchte. „In Zukunft wird kritischer beäugt werden, wie die Flächen vergeben und wie die Satzungen gelebt werden. Es wird stärker um die Frage gehen: Bemüht man sich um Öffnung und Artenvielfalt oder begreift man den Garten nur als private Liegewiese?“, prophezeit die Stadtplanerin. (dpa)