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Zielgenaue Behandlung: Neue Therapie hilft dem Körper, selbst den Krebs zu bekämpfen

Halle (Saale) -

Am 18. Dezember 2017 hört Ingrid Weise auf zu rauchen. Schlagartig. Nach 40 Jahren, in denen sie täglich den Rauch von etwa zehn Zigaretten inhaliert hat. Es ist der Tag, an dem die heute 73-Jährige eine besorgniserregende Diagnose erhält: Lungenkrebs.

Die Krankheit hatte sich nicht angedeutet. Weder durch Husten noch durch Atemnot. Ingrid Weises Hausarzt kommt ihr bei einem Routine-Check auf die Spur. Er veranlasst ein Röntgenbild, das schließlich den Verdacht bestätigt. In der Lunge seiner Patientin sitzt ein fortgeschrittener Tumor, der aus medizinischen Gründen zwar nicht mehr operiert werden kann, aber noch keine Metastasen, also Tochtergeschwülste, gebildet hat.

„Ich war erst einmal sprachlos“, sagt die Hallenserin. Ihr seien tausend Gedanken durch den Kopf gegangen. Und die Frage: Was wird denn jetzt?

Lungenkrebs ist kein Todesurteil mehr

Das Weihnachtsfest, das Ingrid Weise mit ihrem Mann zum ersten Mal fernab von zu Hause und ohne die erwachsenen Kinder feiert, bringt zwar Abstand. Doch die Gedanken kreisen um die wenige Tage zuvor gestellte Diagnose. Und als ihr Partner vorschlägt, auch im kommenden Jahr über die Feiertage zu verreisen, antwortet sie ihm: „Wer weiß was nächstes Jahr ist.“

Nein, so sagt Ingrid Weise, Angst vor dem was kommt habe sie nicht gehabt. Sie sei viel mehr realistisch an die Sache herangegangen, habe sich gesagt: „Ich lebe gern, aber irgendwie muss man ja sterben.“

Sterben? Lungenkrebs ist heute nicht zwangsläufig ein Todesurteil. „Durch neue Therapien sind die Überlebenschancen vieler Patienten ganz deutlich gestiegen“, sagt Professor Dr. Wolfgang Schütte, ärztlicher Direktor des Krankenhauses Martha Maria in Halle-Dölau und Leiter des regionalen Lungenkrebszentrums, zu dem neben der halleschen Klinik auch die Lungenklinik Ballenstedt gehört.

Der Chefarzt denkt dabei vor allem an die Immuntherapie, die in den vergangenen zwei, drei Jahren für eine große Gruppe von Erkrankten die Behandlung regelrecht revolutioniert habe. Es sind Patienten mit einem klassischen Lungenkrebs, der sich, anders als andere Formen, durch das Rauchen oder weitere Schadstoffe gebildet hat.

Immuntherapie soll Körper helfen, sich selbst zu heilen

Was ist nun das Besondere an der Immuntherapie? Im Unterschied zur Chemo- oder Strahlentherapie richtet sie sich nicht gegen den Tumor selbst. Sie aktiviert vielmehr das körpereigene Abwehrsystem, versetzt es durch bestimmte Substanzen in die Lage, Krebszellen als „Feinde“ zu erkennen. Normalerweise ist das nicht der Fall.

Die Ergebnisse, die bisher damit erzielt wurden, sind vielversprechend. Doch noch gibt es diese moderne Therapie nicht für alle Krebsarten und Untergruppen. Aber auf diesem Feld der Medizin entwickelt sich unheimlich viel. „Die Zulassungen purzeln nur so“, sagt der Lungenspezialist.

„Die Optionen des Arztes erweitern sich dadurch enorm.“ Denn Chemo- und Strahlentherapie haben nicht etwa ausgedient.

Vielmehr können die verschiedenen Möglichkeiten miteinander kombiniert oder nacheinander eingesetzt werden. „Die Behandlung ist komplexer geworden“, sagt Wolfgang Schütte. Das heißt, der einzelne Arzt müsse viel mehr wissen und bedenken, könne die Therapie nun aber auch ganz individuell auf den einzelnen Patienten zuschneiden.

Röntgenbilder einer Lunge: Die weiß eingekreisten Punkte im linken Bild  zeigen den Krebs. Nach einer Immuntherapie (rechtes Bild) sind sie weitgehend verschwunden.

Röntgenbilder einer Lunge: Die weiß eingekreisten Punkte im linken Bild  zeigen den Krebs. Nach einer Immuntherapie (rechtes Bild) sind sie weitgehend verschwunden.

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Andreas Stedtler

Immuntherapie erfolgreich - Tumor auf dem Rückzug

So geschehen bei Ingrid Weise. Sie bekommt Anfang des Jahres zuerst eine Strahlen- und Chemotherapie. „Danach war vom Krebs auf dem Röntgenbild schon kaum noch etwas zu sehen“, erzählt sie. Kaum heißt aber nicht nichts. Und so entschließen sich die Ärzte in Halle-Dölau, die Behandlung eben mit einer Immuntherapie fortzusetzen. Seit dem Frühjahr erhält Ingrid Weise nun alle 14 Tage in der Klinik eine entsprechende Infusion.

Voraussichtlich ein Jahr lang. Vielleicht auch länger. Sie weiß um die Gefahr, dass der Krebs zurückkommen kann. „Aber ihre Heilungschancen sind mit der Immuntherapie enorm gestiegen“, betont Schütte. Ohne diese hätten sie bei 30, 40 Prozent gelegen. Jetzt sind es 70 Prozent und mehr.

Die Innovation kostet aber auch einiges - zwischen 6.000 und 10.000 Euro sind es im Monat. Pro Jahr kommen gut 100.000 Euro zusammen. Geld, das die gesetzliche Krankenversicherung anstandslos bezahlt.

Lungenkrebszentrum in Halle-Dölau eines der größten seiner Art

Eindeutig von Vorteil für die Patienten ist ihre Behandlung in einem Zentrum. Das Lungenkrebszentrum Halle-Dölau/Ballenstedt war in Mitteldeutschland eines der ersten und ist bis heute eines der größten seiner Art. 250 Neuerkrankungen werden hier pro Jahr diagnostiziert, 150 Lungenkrebs-Patienten operiert. Alles in allem gibt es etwa 1.500 Patienten-Kontakte. Die Mediziner haben somit viel Erfahrung gesammelt.

Hinzu kommt, dass in einer Art Tumorkonferenz das bestmögliche Therapie-Konzept für jeden einzelnen Patienten von Ärzten verschiedener Fachrichtungen festgelegt wird - nämlich von Pneumologen, Thoraxchirurgen, Onkologen, Strahlentherapeuten, Pathologen, Radiologen, Nuklearmedizinern und Anästhesisten.

Viele Patienten können zudem in klinische Studien einbezogen werden, mit denen die bereits nachgewiesene Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten bestätigt werden soll. Sie haben damit die Chance, von den neuesten Therapien schon vor der offiziellen Markteinführung zu profitieren. Auch derzeit laufen im Zentrum zur sich rasant weiterentwickelnden Immuntherapie mehrere Studien. „Da spielen wir deutschlandweit in der ersten Liga mit“, sagt der Chefarzt.

Ist die Immuntherapie also die neue Wunderwaffe gegen Lungenkrebs? Wolfgang Schütte ist mit solchen Superlativen vorsichtig. „Denn“, so räumt er ein, „sie kann auch Nebenwirkungen haben.“ Er spricht von Leber- oder Nierenentzündungen, von rheumatischen Erkrankungen oder Muskelschmerzen. Probleme, die zwar gut in den Griff zu bekommen seien, aber auch ein Ende der Therapie bedeuteten.

Das Dramatischste aber was passieren könne, sei eine sogenannte Hyperprogression. Das heißt, es passiert genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll: Der Tumor wächst schneller als vorher. „Das passiert bei etwa fünf Prozent der Patienten“, sagt Schütte. Wie es dazu komme, sei noch nicht erforscht.

Kein Verlangen nach Zigarette

Dennoch: „Die Immuntherapie ist für die Patienten außerordentlich segensreich“, betont der Arzt. Verliert der Lungenkrebs durch sie eines Tages vielleicht sogar seinen Schrecken? „Ja“, sagt er. „Aber noch ist es nicht soweit, auch wenn Riesenschritte in diese Richtung gemacht worden sind und noch sehr viel in der Pipeline steckt.“ Bis zum Jahr 2030, so seine Prognose, werde Lungenkrebs zwar noch nicht gänzlich heilbar sein. „Ich kann mir aber vorstellen, dass er zu einer chronischen Krankheit geworden ist, mit der die Patienten viele Jahre gut leben können“, prophezeit er.

Noch viele Jahre gut leben - das ist letztlich auch die Hoffnung von Ingrid Weise. „Ich habe seit der Diagnose nie wieder Verlangen nach einer Zigarette verspürt“, sagt sie. Angefangen mit der Qualmerei hat die ehemalige Säuglings- und Kinderkrankenschwester übrigens zu der Zeit, zu der sie im Krankenhaus Halle-Dölau auf der Neugeborenenstation gearbeitet hat. Wenn nichts zu tun war, sei sie mit den Hebammen rauchen gegangen. Ironie des Schicksals: Das passierte immer auf der Treppe vor der damaligen Lungenstation. (mz)