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Tückisch wie kein anderer Krebs: Aber es gibt Hoffnung bei Bauchspeicheldrüsen-Karzinom

Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse gilt das besondere Augenmerk des  Bauchchirurgen Professor Jörg Kleeff.

Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse gilt das besondere Augenmerk des  Bauchchirurgen Professor Jörg Kleeff.

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Andreas Stedtler

Halle (Saale) -

Es sind Schmerzen im Unterbauch, die Hans-Heinrich Hofmann plagen. Sie treten kolikartig auf. Der 70-Jährige läuft monatelang von Arzt zu Arzt. Doch die Ursache seiner Beschwerden liegt lange Zeit im Dunklen.

Der anfängliche Verdacht, dass es sich um eine chronische Magenschleimhautentzündung handelt, kann durch eine Magenspiegelung ausgeräumt werden. Auch urologische Untersuchungen führen zu keinem Befund. Seine Schmerzen indes kann der Mann nur durch Tabletten in Schach halten.

Hans-Heinrich Hofmann ist für seine Operation an der Bauchspeicheldrüse extra aus Langelsheim bei Goslar nach Halle gekommen.

Hans-Heinrich Hofmann ist für seine Operation an der Bauchspeicheldrüse extra aus Langelsheim bei Goslar nach Halle gekommen.

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Andreas Stedtler

Drei Monate quält sich Hans-Heinrich Hofmann mit ihnen - und mit der Ungewissheit, was ihm denn fehlt. Schließlich kommen Ärzte eines Krankenhauses in der Nähe seines Wohnortes - das ist das niedersächsische Langelsheim bei Goslar - dem Übel auf die Spur: Es ist die Bauchspeicheldrüse (Pankreas), die den Ruheständler zu schaffen macht. In ihr hat sich ein Tumor gebildet. Doch Glück im Unglück. Noch ist er nicht bösartig, Es handelt sich vielmehr um eine Krebsvorstufe, und zwar um eine der seltenen, die überhaupt erkannt werden können.

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist die tückischste aller bösartigen Tumorerkrankungen

Die Ärzte raten zur Operation. Hans-Heinrich Hofmann überlegt gründlich, stimmt aber dann zu. Doch wenn solch ein großer Eingriff schon sein muss, dann möchte er ihn dort ausführen lassen, „wo die besten Spezialisten“ arbeiten. Und das ist seinen Recherchen zufolge die Universitätsklinik und Poliklinik für Viszerale, Gefäß- und Endokrine Chirurgie in Halle. Dafür nimmt der Niedersachse auch einen Anreiseweg von 140 Kilometern in Kauf.

Die Mediziner in Halle bestärken Hans-Heinrich Hofmann in seinem Entschluss. Abwarten sei gefährlich, sagt Klinikdirektor Professor Jörg Kleeff, ein international anerkannter Experte für Bauchchirurgie. Aus der relativ harmlosen Vorstufe könne sich ein bösartiger Krebs entwickeln. Er spricht von einer tickenden Zeitbombe. Denn es sei ungewiss, ob das in einem Monat oder in einem Jahr passiere.

Gewiss ist jedoch: Bauchspeicheldrüsenkrebs ist die tückischste aller bösartigen Tumorerkrankungen des Menschen. Er trete zwar relativ selten auf, aber die Mehrzahl der Patienten sterben daran, sagt Jörg Kleeff. Bauchspeicheldrüsenkrebs sei mittlerweile die dritt- bis vierthäufigste krebsbedingte Todesursache. In einigen Jahren, so sagen es die Prognosen, werde er in dieser Statistik sowohl bei Frauen als auch bei Männern auf dem zweiten Platz landen. Nach dem Lungenkrebs.

Bauchspeicheldrüsenkrebs: Warum ist ausgerechnet bei dieser Art die Prognose so schlecht?

Warum ist ausgerechnet bei dieser Krebsart die Prognose so schlecht? „Bauchspeicheldrüsenkrebs wird fast immer zu spät entdeckt, nämlich dann, wenn er schon gestreut hat, wenn es bereits Lebermetastasen oder Metastasen im Bauchfell gibt“, sagt Jörg Kleeff. Er bereite zudem relativ spät Beschwerden. Und wenn, dann seien diese meist unspezifisch. Der Mediziner nennt zum Beispiel Rückenschmerzen. Wer denkt da schon an Bauchspeicheldrüsenkrebs? In einigen Fällen sei auch ein neu aufgetretener Diabetes zu beobachten. Auch eine Gelbsucht könne ein entsprechender Hinweis sein. Nämlich dann, wenn der Tumor auf den Gallengang drücke, der durch den Kopf der Bauchspeicheldrüse läuft.

Doch der Krebs wird nicht nur häufig zu spät erkannt. „Er ist nach wie vor auch schwierig zu behandeln“, sagt der Mediziner, der sich bereits seit seiner Zeit als Assistenzarzt intensiv mit den Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse beschäftigt. Gegenüber Chemo- und Strahlentherapie sei er relativ unempfindlich. „Die einzige Chance, den bösartigen Tumor loszuwerden, ist die Operation, sprich: die komplette Entfernung des Tumors“, betont er. Sinnvoll sei das allerdings - bis auf ganz wenige Ausnahmen - nur bei Patienten, bei denen der Krebs noch nicht gestreut habe.

Fortschritte in der Behandlung des Bauchspeicheldrüsenkrebses

Doch es gibt auch hoffnungsvolle Nachrichten. Jörg Kleeff verweist auf Fortschritte in der Behandlung des Bauchspeicheldrüsenkrebses. So betrage der Anteil der Patienten, die fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben seien, heute bis zu 50 Prozent. Zwar sei das nichts, worauf sich die Medizin ausruhen könne. Aber noch vor 15, 20 Jahren habe diese Überlebensrate bei weniger als fünf Prozent gelegen. Selbst bei Patienten, die operiert werden konnten. Da sei das schon ein deutlicher Fortschritt.

Aber was hat sich geändert? Da sind zum einen neue Therapiekonzepte zu nennen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass der Tumor auch nach der kompletten Entfernung wiederkomme. Deshalb sei es wichtig, ihn nicht nur von einer Seite anzugreifen. „Das heißt, nicht nur mit der Chirurgie, sondern zusätzlich mit den neuesten Chemotherapien“, sagt Jörg Kleeff. Das könne, je nach Beschaffenheit des Tumors, vor oder nach der OP geschehen. Der Mediziner spricht von einer multimodalen Behandlung.

Bauchspeicheldrüsenkrebs: Heute gibt es gute Chancen auf Heilung

Zudem machten es neue Operationstechniken möglich, Tumore zu entfernen, an die sich die Chirurgen noch vor wenigen Jahren gar nicht herangetraut haben, weil sie zu nahe an Venen oder Arterien saßen. „Diesen Patienten konnte nicht geholfen werden, selbst wenn der Krebs noch keine Tochtergeschwülste gebildet hatte“, betont der Mediziner. Ein Patient mit einem Tumor, der operativ entfernt werden kann, habe heute gute Chancen auf Heilung, unterstreicht Jörg Kleeff. Auch weil die Eingriffe selbst sicherer geworden seien. Es werde vermehrt, so wie an der Uniklinik in Halle, in zertifizierten Krebszentren operiert, in denen sich die Erfahrung bündele. 60 bis 80 Mal im Jahr steht hier die Entfernung eines Tumors in der Bauchspeicheldrüse auf dem OP-Plan.

Dabei, so betont Jörg Kleeff, komme es jedoch nicht allein auf die Erfahrung des Operateurs an. „Genauso wichtig, wenn nicht noch wichtiger, ist die Erfahrung des ganzen Teams“, unterstreicht er. Anästhesisten, Röntgenärzte, Onkologen, Spezialisten für den Magen-Darm-Trakt (Gastroenterologen) müssten bei den anspruchsvollen Operationen, die bis zu acht Stunden dauern könnten, gut aufeinander eingespielt sein. Das garantiere von vornherein eine niedrige Rate an Komplikationen. Aber selbst wenn welche auftreten, könnten die von den erfahrenen Kollegen besser beherrscht werden.

Bauchspeicheldrüsenkrebs: „In den meisten Fällen ist das schicksalhaft“

Anders ausgedrückt: Die Gefahr, an den Folgen einer solchen OP zu sterben, sinkt mit der Höhe der Fallzahlen einer Klinik. Das sei international eindrücklich nachgewiesen worden, betont Jörg Kleeff. Die Zentralisierung dieser komplexen Operationen sei in vielen europäischen Staaten deutlich weiter fortgeschritten als aktuell in Deutschland.

Hans-Heinrich Hofmann ist jedenfalls von den Leistungen der halleschen Mediziner überzeugt. Auch wenn er kurz nach der schweren Operation noch ein bisschen wackelig auf den Beinen ist - die Schmerzen im Unterbauch sind Vergangenheit. Nun freut er sich, wieder nach Hause zu können. Doch die regelmäßig notwendigen Nachsorge-Untersuchungen werden den Niedersachsen wieder nach Halle führen, zu „den besten Spezialisten“.

Hans-Heinrich Hofmann gilt als geheilt. Natürlich hat er sich so manches Mal gefragt, wie es zu der Erkrankung kommen konnte. Ernährt er sich doch bewusst, geht zweimal in der Woche ins Fitnessstudio. „Die meisten Patienten haben sich nichts vorzuwerfen“, sagt Jörg Kleeff. Zwar erhöhe das Rauchen ein wenig die Gefahr für einen Tumor in der Bauchspeicheldrüse. „In den meisten Fällen ist das aber schicksalhaft.“(mz)