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Nachruf Volkmar Genterczewsky: Jessener Kantor ist gestorben

Volkmar Genterczewsky ist tot.

Volkmar Genterczewsky ist tot.

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Christel

Mügeln -

Volkmar Genterczewsky ist tot. Er erlag am Sonntag im Wittenberger Krankenhaus einer Krebskrankheit, auf den Tag genau drei Monate nach seinem 66. Geburtstag. Der langjährige Kantor der Jessener Stadtkirche und Kreiskantor war bei vielen Menschen in der Region beliebt, wie kaum ein anderer.

Deshalb trifft die Nachricht von seinem Tod umso schmerzhafter. Dabei resultiert der Widerhall, den „Genti“, wie ihn viele nannten, fand, nicht ausschließlich aus seinem beruflichen Wirken.

Er war darüber hinaus vielfach engagiert und von einer unerhörten Schaffenskraft geprägt. Und nicht zuletzt war es seine bodenständige, menschliche Art mit anderen umzugehen, die viele seiner Weggefährten für ihn einnahm.

Dabei ist er seit seiner Jugend nie ein Angepasster. Weil der Randberliner zwar Pionier war, dann aber nicht in die FDJ eintreten will, darf er in der DDR nicht zum Abitur. Wohl auch, weil der Vater Handwerker ist und in der Kirche aktiv.

Volkmar Genterczewsky ist tot.

Im Kreis der Kantorei.

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Archiv/Christel

In Dahme bietet sich für ihn die Chance, ein kirchliches Proseminar zu besuchen. Dessen Abitur ist zwar staatlich nicht anerkannt, eröffnet ihm jedoch Studienchancen auf der Kirchenmusikschule. Die schließt er mit dem Diplom ab. Nach vier Jahren Kirchenmusik in Halle steigt er aus, um Rock zu machen.

Volkmar Genterczewsky tourt mit verschiedenen halleschen und Berliner Rockbands durch die Lande. Die Armeezeit und die Hochzeit mit seiner langjährigen Ehefrau Elisabeth krempeln sein Leben dann erneut um. Anfang der 80er Jahre prägt er mehrere Chöre in Leipzig als musikalischer Leiter.

Volkmar Genterczewsky ist tot.

Volkmar Genterczewsky, so wie ihn viele Menschen kannten: als Dirigent.

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Archiv/Christel

In einem Gespräch mit der MZ nennt er es einmal einen inneren Reifeprozess, der ihn dann wieder zurück zur Kirche und zur Kirchenmusik bringt. Seine ersten Stellen sind auf Dörfern im Umfeld von Leipzig. In dieser Zeit beginnt er sich auch politisch-gesellschaftlich zu engagieren.

Die vakante Kantorenstelle in Jessens Stadtkirche, von der er durch einen Kommilitonen erfährt, führt ihn 1984 an die Schwarze Elster. Die Region soll fortan für immer sein Lebenszentrum bleiben. Hier hat der damals 34-Jährige wahrliche Aufbauarbeit zu leisten.

Volkmar Genterczewsky ist tot.

Volkmar Genterczewsky mit Partnerin Mandy Ziehe.

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Kunze

In seinem ersten Chef, Superintendent Michael Sommer, seinerzeit selbst gerade neu im Amt, findet er einen Befürworter und Förderer. Die Kirche ist Baustelle - die Kantorei und die Kirchenmusik im Allgemeinen nicht weniger. Nichtangepasst ist Genterczewsky auch in seinem Beruf. Schon früh beginnt er die Kirche und „seine“ Musik für alle zu öffnen. Also auch die nicht christlich Gläubigen.

Und so scheuen sich Volkmar und Elisabeth Genterczewsky nicht, zur Lokalredaktion der damals noch SED-kontrollierten Heimatzeitung zu gehen, um die Konzerte öffentlich anzukündigen. Eine Initiative, die in der Kirchenleitung Fragen aufwirft, wie er später erzählt. Und auch die Redakteure müssen sich damals vor den politisch Verantwortlichen behaupten.

Beide Seiten bleiben bei ihren Haltungen, was sich in wachsendem persönlichen Respekt und Freundschaft manifestieren sollte.

Über die Jahre hat Genterczewsky die Kantorei zu einem Ensemble geformt, das zahlreiche anspruchsvolle Werke der Kirchenmusikliteratur interpretiert. Vielfach im Verbund mit der heutigen Anhaltischen Philharmonie und Solisten, die immer wieder gern unter seiner Stabführung arbeiten.

Werke wie „Elias“, „Messias“ und nicht zu vergessen jedes Jahr das „Weihnachtsoratorium“ sind in den mehr als drei Jahrzehnten zu besonderen Musikerlebnissen geworden - und eben nicht nur für die Christen in der Region.

Darüber hinaus fasst Volkmar Genterczewsky auch politisch Anspruchsvolles an, etwa das „Requiem für einen polnischen Jungen“ von Lohff zum 75. Gedenken der Reichskristallnacht. Oder das „Luther“-Oratorium, das unter seiner Leitung 2005 in Wittenberg und 2007 in Jessen erklingt. Und dessen Proben für das Reformationsfest gerade angelaufen waren.

Privat finden Volkmar und Elisabeth Genterczewsky nach der Jahrtausendwende in Mügeln ihr Refugium, wo sie sich wohl fühlen und alt werden wollen. Der Tod seiner Frau nach schwerer Krankheit vor fast zehn Jahren ist für Volkmar ein schwerer Einschnitt in dieses Idyll.

Die Arbeit und die Zuwendung vieler Bekannter und Freunde helfen ihm, nach vorn zu schauen. Er findet wieder eine Partnerin und neues Glück im Privaten. In seiner Wahlheimat Mügeln gehört er fortan zu den Unruhegeistern.

Die Renovierung der Halle auf dem Badareal, die Naturierung des Badesees, die Rekonstruktion des Krahlisch’schen Dorfbackofens und nicht zuletzt die Sanierung der Orgel - Genterczewsky gehört zu den Initiatoren. 2009 übernimmt er den Jessener Frauenchor als musikalischer Leiter und springt in eine Bresche, die der Unfall vom langjährigen Leiter Bernd Siegmund reißt.

Nicht erst seit er vor einem Jahr in den Ruhestand verabschiedet wurde, hat er wieder zu seinen musikalischen Wurzeln zurückgefunden. Die er freilich nie aufgegeben hat - er rockt wieder. Mit Freunden in einer Band, die keinen Namen hat. Und die mehrheitlich auch nur für sich spielt. Eric Clapton zum Beispiel, eines seiner Rockidole.

Das Leben geht weiter. Das der Region ist um eines ärmer, das sie zu einem kleinen Teil mit geprägt hat.

(mz)