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Feuerwehr in Jessen: Bis zur Erschöpfung gekämpft

Flächenbrand

Das hätte schlimm ausgehen können, der Flächenbrand in der Nähe der Jessener Sprint-Tankstelle Anfang August. Mit großem Einsatz gelang es, die Flammen nach wenigen Metern im Wald am Eichenhain zu stoppen. Wäre das Feuer davongelaufen, hätte ein zweiter Stadtwaldbrand, ähnlich dem im Jahre 1992 gedroht, hieß es in der Jahreshauptversammlung der Jessener Feuerwehr.

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Detlef Mayer

Jessen -

Dieser Satz von Jessens Ortswehrleiter Thomas Riedel hatte besonderes Gewicht: „Alle an die Feuerwehr Jessen gestellten Aufgaben konnten in hoher Qualität erfüllt werden.“ Und das waren so viele, wie wohl noch nie zuvor in der 125-jährigen Geschichte der Löschtruppe. Im ganzen Jessener Stadtgebiet wurden die Wehren 2018 zu 195 Einsätzen gerufen. Die Jessener selbst wurden 143 Mal alarmiert. 71 Mal mehr als 2017 musste da ausgerückt werden.

Das Wichtigste sei gewesen, so Thomas Riedel in der Jahreshauptversammlung im Gerätehaus, dass die Kameraden bis auf ein paar Unpässlichkeiten ohne wesentliche Verletzungen und somit unfallfrei durch das vergangene Jahr mit seinen extremen Anforderungen gekommen sind.

„Das Feuerwehr keine Einzel-, sondern eine Mannschaftsdisziplin ist, ist uns allen bewusst. Deshalb gilt als Erstes mein Dank an die Mannschaft für die geleistete Arbeit, die hohe Einsatzbereitschaft und das Engagement, alles ehrenamtlich und unentgeltlich. Dafür kann man nicht genug Respekt und Anerkennung aussprechen.“

Vorsätzlich oder fahrlässig

Gerade die Brände in Wald und Flur haben die Feuerwehrleute teilweise bis zur Erschöpfung gefordert. Es müsse aber auch klar festgestellt werden, dass ein sehr großer Teil der Feuer durch Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit entstanden ist, denn teilweise musste an sehr unzugänglichen Stellen gelöscht werden. Aber auch im Bereich der Feuerwehren habe die Fülle an Einsätzen einige Schwachstellen offenbart.

Dienstbeteiligung

Sie waren die Aktivsten in der Feuerwehr Jessen. In der Auswertung der Dienstbeteiligung belegte Michael Peschel (Mitte) den ersten Platz vor Matthias Netzel (rechts) und Marcel Böhme.

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Grommisch

Etwa, dass zum Teil für Flächenbrände ungeeignete Löschfahrzeuge angeschafft wurden. „Getrieben von Sparzwängen und einer verfehlten Fördermittelpolitik des Landes Sachsen-Anhalt stehen in vielen Gerätehäusern zwar Din-gerechte Fahrzeuge, die jedoch nur bedingt für diese extremen Einsätze geeignet sind.“ Hier lohne eine Blick in das Nachbarland Brandenburg, in dem durch zentrale Beschaffungen des Landes den Kommunen entsprechende Technik zur Wald- und Flächenbekämpfung zur Verfügung gestellt wurde.

„Hier muss den Städten und Gemeinden mehr Handlungsspielraum im eigenen Wirkungskreis gegeben werden. Wir wissen hier, so denke ich, besser darüber Bescheid, welche Bedingungen in unserer Heimat vorherrschen.“ Kreisbrandmeister Roland Kart-häuser ist der Ansicht, dass nach dem extremen Jahr 2018 in Sachsen-Anhalt ein Umdenken eingesetzt hat. „Das Land bewegt sich.“ Etwa, indem in Aussicht gestellt ist, in den folgenden Jahren spezielle Tanklöschfahrzeuge für die Waldbrandbekämpfung anzuschaffen, für jeden Landkreis eins.

Es sei jetzt auch an den Feuerwehrleuten, diesen Prozess aktiv zu begleiten und auf Schwachstellen hinzuweisen, meinte er. Apropos neue Fahrzeuge. Die Jessener Wehr konnte 2018 einen neuen Einsatzleitwagen und ein neues Löschfahrzeug in den Bestand integrieren. Das seien keine Geschenke, wie wohl einige Außenstehende meinten, merkte Bürgermeister Michael Jahn (SPD) an, sondern Grundlagen der Arbeit, „die euch zustehen“.

Mehr Personal erforderlich

Zu den aktuellen Sorgen gehört das Absichern der Einsatzbereitschaft rund um die Uhr. „Leute, wir brauchen dringend mehr Personal, um den Brandschutz in der Stadt noch sicherstellen zu können“, so Riedel. Deshalb müssten Perspektiven für junge Leute geschaffen und der wirtschaftliche Aufschwung in der Region forciert werden. Den Wunsch nach mehr Mitstreitern äußerte ebenfalls Stadtwehrleiter Hans-Peter Schaefer.

Kevin Gräbner

Kevin Gräbner überreicht das Schild an Thomas Riedel.

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Er blickt auch mit Sorge in die Zukunft. Das Ehrenamt gehöre stärker unterstützt, forderte er vehement.

Helfen statt schreiben

Ganz dringend sei auch der Abbau der Bürokratie. „Wir wollen helfen und die Sicherheit der Stadt erhöhen und nicht Formulare, Anträge und Statistiken ausfüllen.“ Zumal die wohl keiner lese und wohl auch nicht die richtigen Konsequenzen daraus ableite. Deshalb richtete Thomas Riedel seine Bitte an die Stadtverwaltung, den Stadtrat, das Landratsamt, das Landesverwaltungsamt, die Landesregierung und die Bundesregierung, endlich die Bürokratie im Feuerlöschwesen abzubauen. „Die vielen Hürden, die man in den letzten 30 Jahren aufgebaut hat, sind auch mit daran schuld, dass das System Freiwillige Feuerwehr in diesem unserem Deutschland heute fast vor dem Aus steht.“ (mz)