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Seltene E-Lok in Halle: „Monster aus dem Riesengebirge“ soll wieder rollen

Heinrich Thiele will die E95 wieder zum Laufen bringen.

In seiner Ausbildung ist Heinrich Thiele die Lok schon einmal gefahren. Ein halbes Jahrhundert später will er sie wieder zum Laufen bringen.

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Holger John

Halle (Saale) -

Mit einem lauten Geräusch rastet der Metallbügel mit dem dicken Knauf in der Aussparung ein. Klack! Heinrich Thiele lächelt und streichelt fast liebevoll über das kalte Metall. Sein Blick schweift über all die Hebel und Rädchen, über die Druck- und Geschwindigkeits-Anzeigen hinter dickem Glas, deren Zeiger alle auf Null stehen.

Es ist recht dunkel im historischen Führerstand der Lokomotive der Baureihe „E 95“. Der Lokführer hat nur ein kleines, rechteckiges Fenster, um auf die Strecke zu blicken. Ansonsten beeindruckt die Lok mit ihren stattlichen Ausmaßen und fasziniert Eisenbahn-Fans in ganz Deutschland.

Längste deutsche E-Lok „E 95“ gibt es nur noch in Halle

Sie gilt mit fast 21 Metern als die längste jemals in Deutschland gebaute Elektrolokomotive. Von ihr existiert nur noch ein einziges Exemplar - und das steht in Halle. Hier in Lokschuppen 4 wird es im Bahnmuseum an der Berliner Brücke von Mitgliedern der „Traditionsgemeinschaft Bahnbetriebswerk Halle“ wieder flott gemacht.

Die E 95 gilt als die längste Elektro-Lok, die jemals gebaut wurde.

Die E 95 gilt als die längste Elektro-Lok, die jemals gebaut wurde. Sie besteht aus zwei trennbaren Teilen.

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Holger John

Die Arbeit ist für Thiele, einer der fünf halleschen Eisenbahnfreunde, die seit den 2000er Jahren jede Schraube, jedes Kabel, jedes Zahnrad ausbauen, in Schuss bringen und wieder an ihren Platz zurückstecken, ein regelrechtes Déjà-vu.

Hallenser Heinrich Thiele fuhr die„E 95“ in seiner Ausbildung

Die E 95 ist für den Senior mit Blaumann und grauer Wollmütze auf den lichten Haaren keine Unbekannte. „In meiner Ausbildung bin ich diese Lok einmal gefahren“, erinnert sich der 77-Jährige. Dass er 50 Jahre später aus restauratorischen Gründen einmal mit beiden Händen in genau dieser Lok stecken würde - das hätte er damals nicht gedacht. „Die Idee, im Verein an der Erhaltung der alten Züge zu arbeiten, kam mir eigentlich mit Eintritt ins Rentenalter. Ich hatte ja schon in der Ausbildung mit Loks zu tun“, sagt er.

Warum die „E 95“ das Herz vieler Eisenbahn-Fans höher schlagen lässt

Der Schatz, den die Hallenser da in ihrem Lokschuppen pflegen, lässt dabei nicht nur Thieles Herz höher schlagen, er ringt auch bundesweit Bahnfreunden Anerkennung ab. Dass die E 95 in Halle steht, sei ein absoluter Glücksfall, wie Hans-Dieter Schmidt, Pressereferent vom Bundesverband Deutscher Eisenbahn-Freunde, sagt. „Jeder Eisenbahn-Fan kennt die E 95. Gerade weil nur sechs von ihnen gebaut wurden, sind sie interessant“, sagt er. Insofern sei der grüne Riese auf jeden Fall erhaltenswert. „Die E 95 ist etwas ganz Besonderes.“

Und Thomas Kersten, der Vereinsvorsitzende der Traditionsgemeinschaft, träumt sogar schon von Schritt zwei nach der Restaurierung. Auf feinstem Bahn-Deutsch klingt das so: „Die Betriebsfähigkeit wieder herzustellen, das wäre natürlich das I-Tüpfelchen“, sagt er.

„E 95“ soll wieder fahren: 80.000 Euro fehlen für neuen Motor

Im Moment fährt die Lok nicht aus eigener Kraft. Den Metallbügel mit dem dicken Knauf, der so etwas ähnliches wie ein Zündschlüssel beim Auto ist, kann Thiele drehen, wie er will - es passiert nichts. Von sechs Elektromotoren sind derzeit nur fünf eingebaut. Der letzte liegt in einer Bitterfelder Spezialfirma und wartet dort auf seine Aufarbeitung.

80.000 Euro sind dazu nötig, die die Eisenbahnfreunde sich unter anderem durch Ausflüge und Reisen mit historischen Zügen zusammensammeln. Dass die Lok irgendwann wieder aus eigener Kraft fährt, das wollen sie hier schließlich alle, besonders Thiele.

„E 95“ war einst das Eisenschwein aus dem Riesengebirge

„Auch wenn die Konstruktion der Lok nicht gerade als besonders gelungen gilt, sie ist viel zu verbastelt, ist sie doch etwas Besonderes für mich“ sagt er. Auch das Gewicht der grünen Lokomotive sei rekordverdächtig. 138,5 Tonnen sind auch heute noch eine Hausnummer. Bahnliebhaber sprechen hier und da von einem „Eisenschwein“, ein Fachmagazin für Bahn-Fans betitelte die E 95 in einem Artikel aus den 90er Jahren gar als das „Monster aus dem Riesengebirge.“

Dort, genau genommen in Schlesien, sollte sie ab den späten 20er Jahren lange, mit Kohle befüllte Güterzüge nach Berlin ziehen. Für die bis zu 2.200 Tonnen schweren Kohlezüge brauchte man eine besonders kräftige Lok, die die AEG 1927 in Henningsdorf bei Berlin mit der E 95 baute.

Heraus kam ein wahrer Kraftprotz mit 2.400 PS - so viel wie damals keine andere Lokomotive vorweisen konnte. Doch der Bau dieser außergewöhnlichen Lok war teuer. Von ihr wurden gerade einmal sechs Stück gebaut. Sie alle trugen laufende Nummern von 01 bis 06. Die Lok in Halle ist die 02. Alle anderen Exemplare wurden entweder als Ersatzteilspender ausgeschlachtet oder verschrottet.

Die hallesche „E 95“ überlebte nur durch Zufall

Fast wäre auch Nummer 02 diesem Schicksal zum Opfer gefallen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte sie als Reparationsleistung in die Sowjetunion und kehrte 1955 in einem erbärmlichen Zustand zurück. Im mitteldeutschen Chemiedreieck zog sie bis 1969 wieder Kohlezüge zwischen dem Geiseltal, Bitterfeld, Leipzig, Weißenfels und Halle. Dass sie, anders als ihre Schwestern, nicht verschrottet wurde, ist nur einem Zufall zu verdanken.

„Ihr Glück war, dass man im Außenbereich des halleschen Hauptbahnhofs eine Heizung für die Weichen brauchte“, erzählt Kersten. Also bauten die Techniker der Reichsbahn die Lok als Weichenheizung um und stellten sie kurzerhand im Süden des halleschen Hauptbahnhofs aufs Abstellgleis. Schon 1979 erkannte man aber selbst bei der Reichsbahn, dass diese ganz besondere Lok erhaltenswert ist und polierte sie für eine Parade zumindest äußerlich wieder auf. „Von außen sah sie schick aus, aber innen hat nichts funktioniert“, sagt Kersten. Stromschienen aus Gummi und Blenden statt funktionierender Bauteile sahen zwar gut aus, hatten aber keine Funktion.

Solch eine oberflächliche Reparatur kommt für die Bahnfreunde natürlich nicht infrage. Besucher können sie in der Werkstatt des Bahnmuseums zwar noch nicht bestaunen. Dafür fehlt der Versicherungsschutz. Doch irgendwann wird jedes Zahnrad, das Thiele in den vergangenen Jahrzehnten aufgearbeitet hat, wieder seinen Zweck erfüllen. Wenn der Senior den Metallbügel mit dem dicken Knauf herumdreht und der grüne Riese von alleine aus dem Schuppen in die weite Welt rollt. (mz)