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Aufnahme von Asylbewerbern in Tröglitz: Angst vor kalten Herzen

Markus Nierth

Markus Nierth

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Archiv/Krimmer

Ausnahmezustand in Tröglitz. Den dritten Sonntag in Folge haben sich jetzt Menschen im Ort getroffen, um gegen die vom Burgenlandkreis geplante Unterbringung von Asylbewerbern in Tröglitz zu protestieren. Seit Ortsbürgermeister Markus Nierth kurz vor Weihnachten in einem Beitrag im Blickpunkt verkündet hat, dass der Landkreis etwa 50 Asylbewerber im Ort unterbringen möchte, rumort es im Dorf. MZ-Redakteur Torsten Gerbank hat mit Nierth gesprochen.

Wie schätzen Sie die Situation in Tröglitz ein?

Nierth: Ich glaube, dass Tröglitz weder ein brauner noch radikaler oder fremdenfeindlicher Ort ist. Ich glaube, dass die große Mehrheit der Tröglitzer gutmütig und hilfsbereit ist und erstmal abwartet. Aber ich nehme wahr, dass die Tröglitzer der Politik gegenüber sehr vorsichtig sind, zum Teil misstrauisch. Die Menschen wollen nicht übergangen werden. Sie haben Angst vor falschen Informationen. Wir haben unumstritten eine sozial angespannte Situation.

Welche Reaktionen spüren Sie persönlich?

Nierth: Viele glauben, dass ich ein politischer Entscheidungsträger bin. Das bin ich jedoch in dem Fall nicht. Aber ich fühle mich schon zuständig, Sorgen und Nöte anzuhören und dann in der Politik, etwa beim Bürgermeister, zu Gehör zu bringen. Menschen kommen zu mir, das Telefon klingelt ununterbrochen. Es gibt viele ermutigende Stimmen, die unter anderem dazu auffordern zu vermitteln, die sagen, wir werden helfen, Sachen sammeln. Es sind aber auch viele, die mich ansprechen und sagen, wir haben genügend eigene Probleme, das schaffen wir nicht. Es gibt aber auch wirklich fremdenfeindliche Äußerungen. Persönlich werde ich auch angegriffen.

Ob der Ortsbürgermeister seinen Beitrag im Blickpunkt bereut und wer seiner Meinung nach in Tröglitz gegen die Unterbringung von Flüchtlingen auf die Straße geht, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Bereuen Sie Ihre Veröffentlichung zum Thema Asylbewerber im Blickpunkt?

Nierth: Nein, ich würde den Beitrag wieder verfassen. Ich musste doch reagieren. Kreistagsmitglieder hatten bereits vor mir geredet. Dass Tröglitz Asylbewerber aufnehmen soll, war längst im Ort bekannt. Die Diskussion war schon voll im Gang. Und ich gehe davon aus, dass der Kreistag die Unterbringung von Asylbewerbern in Tröglitz beschließen wird. Auch weil es Vermieter gibt, die Wohnraum zur Verfügung stellen.

Was sagen Sie, wer ist es, der in Tröglitz gegen die Unterbringung von Flüchtlingen auf die Straße geht?

Nierth: Organisiert wurde der Protest anfangs von besorgten Tröglitzer Bürgern. Dann ist der Kontakt zum NPD-Kreisrat Steffen Thiel zustande gekommen. Von ihm haben sich Tröglitzer dummerweise an die Hand nehmen lassen. Bei der ersten Veranstaltung sind nach meiner Meinung 80 Prozent der Leute gekommen, um Informationen zu kriegen. Bei der zweiten Demo waren es vielleicht 35 bis 40 Tröglitzer von den 70 bis 80 Leuten. Der Rest waren Herbeigereiste, politisch Radikalere und NPD-Anhänger. Ich war froh, dass nur etwa zwei Prozent der Tröglitzer zu der von Rechtsextremen organisierten Veranstaltung gegangen sind.

Was halten Sie von einer Gegendemonstration?

Nierth: Nichts. Und zwar deshalb nicht, weil das der NPD nur neue Motivation geben würde. Gegendemonstrationen stehen in der Gefahr, dass sie ideologisch plakativ dem anderen etwas an den Kopf werfen, aber nicht wirklich das Herz eines anderen verändern. Also ein Rechter gibt seine Gesinnung nicht auf, nur weil er eine Gegendemo erlebt.

Wo sehen Sie jetzt Ihre Aufgabe?

Nierth: Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass wir als Tröglitzer miteinander in den Dialog kommen. Dass wir uns gegenseitig ermutigen. Schließlich stehen wir vor einer großen Herausforderung. Jeder Tröglitzer muss für sich entscheiden, ober er bereit ist, sich für Neues, für Fremdes zu öffnen. Eine Frage ist doch zum Beispiel, ob man es von jemandem fordern kann, dass er sich für Neues und Fremdes öffnen muss? Eigentlich kann man das doch nur umwerben. Knackpunkt ist: Bevor Menschen bereit sind, sich für die Not anderer zu öffnen, müssen die Menschen das Gefühl haben, dass sie ihr eigenes Leben, ihre Existenz im Griff haben. Gerade in Tröglitz haben viele Menschen existenzielle Sorgen. Dennoch werbe ich dafür, dass wir nicht aufhören, uns in andere zu investieren. Das kann natürlich auch daneben gehen.

Wie könnte denn aus Ihrer Sicht eine gute Lösung aussehen?

Nierth: Ich würde mich freuen, wenn es eine Möglichkeit gäbe, über die Anzahl der Flüchtlinge zu diskutieren, die hier untergebracht werden sollen. Für Tröglitz wäre es gut, wenn vor allem Familien kämen. Und es dürfte nicht nur Betreuung für die Flüchtlinge geben, sondern es müsste dazu jemanden geben, der mit den Tröglitzern redet und arbeitet, der sich für eine Integration engagiert.

Haben Sie jetzt schon einmal daran gedacht, Ihr Amt als Ortsbürgermeister aufzugeben?

Nierth: Ja, sogar mehrfach. Ich habe Angst, dass das Klima kippt, dass Kaltherzigkeit durchkommt und nicht die Warmherzigkeit gewinnt. (mz)

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