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Ungewöhnlicher Wechsel in Wittenberg: Jörg Bielig kommt vom Rathaus ins Schloss

Jörg Bielig wechselt nach rund einem Vierteljahrhundert vom Rathaus zurück in die Schlosskirche.

Jörg Bielig wechselt nach rund einem Vierteljahrhundert vom Rathaus zurück in die Schlosskirche.

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thomas Klitzsch

Wittenberg -

„Sie sind der Küster?“ Der Mann, der Ende der 1980er Jahre in der Wittenberger Schlosskirche das Gotteshaus hütet, erntet oft ungläubiges Erstaunen an seinem Arbeitsplatz. „So jung.“ Mit frischen 25 Jahren entspricht er so gar nicht dem Bild, das man gemeinhin von diesem altehrwürdigen Berufsstand hat.

Für den jungen Christen ist sein Job indes ein Glücksfall - und ein Freiraum zudem. „Da war man dem üblichen DDR-Alltag ein wenig entflohen“, sagt Jörg Bielig. Von 1987 bis 1990 ist der gebürtige Norddeutsche in der Schlosskirche beschäftigt.

„Eine prägende Zeit“, nennt er diese Jahre, die in der friedlichen Revolution kulminieren, an deren Ende der Staat DDR verschwindet und Existenzen im Strudel der Ereignisse gehörig durcheinandergewirbelt werden. Bielig wirbelt es direkt ins Rathaus. Der frisch gewählte (Ober-)Bürgermeister Eckhard Naumann (SPD), der den Küster schon aus jener Zeit kennt, als der eine Ausbildung im Stickstoffwerk absolviert hat, holt ihn in sein Büro.

In den Strukturen der Macht

Hautnah erlebt er hier den Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung, nicht zuletzt auch die Höhen und Tiefen der noch jungen demokratischen Strukturen, die Gestaltungsspielräume und die Grenzen. Als 2005 die Entscheidung ansteht, ob er den Posten des Fachbereichsleiters für Bürgerservice und Ordnungswesen übernehmen soll, denkt Jörg Bielig noch einmal genau nach über diese Strukturen, die für ihn letztlich auch Strukturen der Macht sind. Er verortet sich noch einmal im System der Bundesrepublik Deutschland und sagt zu. Es ist weit mehr als ein Ja zu einem neuen Job. Die Menschheit habe noch nichts Besseres als die Demokratie erfunden, findet er und auch auf die Gefahr hin, dass es abgedroschen klinge „sie muss verteidigt werden“. Ihre Rechte und Gesetze, ihre Normen und Regeln zu überwachen, gehörte denn auch in den vergangenen Jahren zu seinen Aufgaben.

Am Mittwoch hat Jörg Bielig zum letzten Mal – zumindest als Vertreter der Verwaltung – an einer Sitzung des Stadtrates teilgenommen und wurde verabschiedet. Er sei wohl der erste Fachbereichsleiter, der nicht in den Ruhestand verabschiedet wurde, sagt der 1964 Geborene lachend. Denn Jörg Bielig hat sich entschieden, eine neue Aufgabe zu übernehmen. Vom ersten Februar an wird er als Angestellter des Predigerseminars die Verwaltung des Schlosskirchenensembles in Wittenberg leiten. Er kehrt damit zu einer seiner ersten Wittenberger Wirkungsstätten zurück, verbindet Verwaltungswissen und christliches Weltbild. Auch die Erfahrungen, die der verheiratete Vater von vier Kindern in seiner Stadtkirchengemeinde St. Marien sammeln konnte, werden ihm dabei zugutekommen, glaubt Bielig. Schließlich hat er das Baugeschehen rund um die Generalsanierung der „Mutterkirche der Reformation“ mit all seinen Widrigkeiten hautnah erlebt und als Vorsitzender des Gemeindekirchenrates begleitet. Diese Funktion wird er auch weiter ausüben. Bielig freut sich auf die neue Herausforderung. Er habe manchmal das Gefühl, die Stelle sei mehr auf ihn zugekommen, als er auf das Jobangebot.

Gottes abwechslungsreicher Plan

Als guter Christ sei er geneigt zu sagen „Gott hat einen Plan mit dir“. Wenn das so ist, handelt es sich um einen durchaus facetten- und abwechslungsreichen Plan. Er hat den in Kühlungsborn zur Welt gekommenen in die Lutherstadt geführt, als Lehrling ins Stickstoffwerk, als Lagerarbeiter im Versorgungswerk für Pharmazie- und Medizintechnik und parallel in die Abendschule zum Abitur, in die Schlosskirche, ins Rathaus und wieder in Richtung Schlosskirche. Er hat ihm Menschen zur Seite gestellt und nicht zuletzt weil er seine Frau Franka hier kennengelernt und mit ihr eine insgesamt sechsköpfige Familie gegründet hat, ist Bielig, wie er einmal gesagt hat „zwar kein gebürtiger, aber ein aufrechter Wittenberger“ geworden. (mz)


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