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Streit um Flüchtlinge in Vockerode: Zahl der Asylbewerber wird reduziert

Auch das ist Vockerode: Briefkästen vor einem der von Flüchtlingen bewohnten Häuser

Auch das ist Vockerode: Briefkästen vor einem der von Flüchtlingen bewohnten Häuser

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Andreas Stedtler

Die Straßenlaterne muss warten. Keine Zeit. „Ich kümmere mich“, hatte Renate Luckmann noch gesagt, zu dem Mann mit Jogginghose und Schnauzer, der sie auf die defekte Lampe unweit der Kaufhallen-Ruine mitten im Ort hingewiesen hatte. Luckmann, 64, ist Ortsbürgermeisterin in Vockerode, Gemeinde Oranienbaum-Wörlitz, Landkreis Wittenberg. Das Kümmern um kaputte Straßenbeleuchtung zählt quasi zu ihrer Stellenbeschreibung.

Eigentlich. Aber in Vockerode ist seit Monaten alles anders. Luckmann ist nicht mehr Bürgermeisterin, jedenfalls nicht nur. Sie ist Managerin in Sachen Flüchtlinge. Also steht die resolute kleine Frau jetzt im Flur der als Gemeindehaus genutzten ehemaligen Grundschule, vor sich eine Gruppe junger Syrer, und überlegt, wie sie an den Schlüssel für die Sporthalle kommt. „Die Syrer wollen jetzt rein, aber den Schlüssel haben noch die Afrikaner!“

Auf rund 1 300 Einwohner in Vockerode kommen mehr als 700 Zuwanderer. Exakt 717 waren es gestern. Ein Rekord-Anteil in Sachsen-Anhalt, geschuldet dem Umstand, dass der für die Flüchtlingsunterbringung verantwortliche Landkreis in dem Ort unweit vom Dessau schnell auf 150 leere Wohnungen zurückgreifen konnte. Zuvor war das Möhlauer Asylbewerberheim Ende 2012 wegen seines schlechten Zustandes geschlossen worden, die Menschen mussten untergebracht werden.

Kein Supermarkt, nur ein Bäcker

Eine Bürgerinitiative protestiert seit Monaten gegen die Unterbringungspolitik des Kreises. Sie beteuert, sie habe nichts gegen Flüchtlinge an sich. „Aber mehr als 700 an einem Ort wie Vockerode mit null Infrastruktur, das ist definitiv zu viel“, sagt ihr Sprecher Thomas Schröder. „Hier fehlt ein Konzept.“ Einen Supermarkt gibt es in Vockerode schon lange nicht mehr, bloß noch einen Bäcker. Die Grund- und die Sekundarschule sind dicht.

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Nun soll sich alles ändern. Für den Montag hat Thomas Pleye, Präsident des Landesverwaltungsamtes, Landrat Jürgen Dannenberg (Linke) zum Rapport zitiert. Zuvor hatte sich Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) eingeschaltet. Haseloff sprach mit Dannenberg, aber auch mit Mitgliedern der BI. „In sehr kurzer Zeit werden die Flüchtlinge anders verteilt“, verkündete danach Regierungssprecher Matthias Schuppe. Haseloff ist bisher ohne große Blessuren durch die Flüchtlingskrise gekommen; schlechte Schlagzeilen kann er wenige Wochen vor der Landtagswahl nicht brauchen.

Auf 580 reduzieren

Aus der Ankündigung Schuppes ist nun eine Zahl geworden: 580. Auf 580 soll die Zahl der Flüchtlinge reduziert werden. Nicht „in sehr kurzer Zeit“, sondern bis Ende März. Das habe Dannenberg zugesagt, lässt Pleye mitteilen.

Die Bürgerinitiative reagiert, wie nicht anders zu erwarten, enttäuscht. „Das kann allenfalls ein Anfang sein, aber nicht die endgültige Lösung“, sagt ihr Sprecher Schröder. „Wir hatten mehr erwartet.“ Schröder sagt auch, man freue sich, dass man nun endlich ernst genommen worden sei. Aber die Zahl müsse deutlicher reduziert werden: „Ob 580 oder 700, das macht für die Situation in Vockerode am Ende keinen Unterschied.“ Auf eine Obergrenze mag Schröder sich aber nicht festlegen.

Wie soll das gehen, hunderte Menschen aus fremden Kulturen, aus Syrien, Mali oder Eritrea, auf 1.300 alteingesessene Einwohner? Kann das auf Dauer überhaupt gutgehen? Die Antwort: Muss ja, irgendwie.

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Ibrahim Mohamed, 23, steht im Eingang eines fünfgeschossigen Wohnblocks, einer von vieren, aufgereiht wie an einer Schnur, in denen alle der mehr als 700 Flüchtlinge wohnen. An den Klingelschildern und Briefkästen wimmelt es von arabischen und afrikanischen Namen - eine schöne Illustration der Situation in Vockerode. Wer Mohamed fragt, was man denn so macht den lieben langen Tag in Vockerode, erntet ein schiefes Lächeln. Im Sommer haben er und seine Kumpel, alle aus Eritrea, mal Volleyball gespielt. Ab und an besuchen sie den örtlichen Jugendklub. Vier mal pro Woche steht die Sporthalle offen, für Fußball und Volleyball. Ansonsten heißt das Programm für viele: Warten. Zeit totschlagen. Zwischen den Häusern stehen Wäschestangen, davor reiht sich Fahrrad an Fahrrad. Für viele Flüchtlinge sind Fahrräder unverzichtbar, um im wenige Kilometer entfernten Dessau einkaufen zu können. Ein junger Mann aus Mali zeigt stolz den Kassenbon über den Kauf eines Fahrrades in einem Dessauer Geschäft vor: „Mein eigenes Rad!“, sagt er lächelnd. Wer nicht Rad fährt, geht zu Fuß oder nimmt den Bus. Mit der Folge, dass die Schulbusse regelmäßig heillos überfüllt sind. Ein extra Einkaufsbus für Geflüchtete ist bisher nicht in Sicht.

Nächtliche Partys junger Männer

Und so geht es weiter: Sprachkurse? Mittlerweile gibt es zwei von montags bis freitags, organisiert von Bildungsträgern. Dazu bieten freiwillige Helfer einmal wöchentlich zwei Kurse an. Kapazität: jeweils 20 bis 30 Leute. Dabei, sagt Ortsbürgermeisterin Renate Luckmann, sei das Interesse groß. „Aber wenn ein Kurs voll ist, muss man eben warten, bis der nächste beginnt.“ Luckmann zieht ein ernüchterndes Fazit: „Unter solchen Bedingungen ist Integration gar nicht möglich.“ Auch wenn sich alle Beteiligten noch so sehr darum bemühen.

Die Folgen? Frust. Ärger. Auf allen Seiten. Thomas Schröder von der Bürgerinitiative spricht von nächtlichen Partys alleinstehender junger männlicher Flüchtlinge, von Lärmbelästigung. Räumt aber ein: „Bei Deutschen wäre das ja nicht anders, wenn so viele auf so engem Raum zusammen wären.“ Die Zahlen dazu sehen so aus: Zehn „Vorfälle“ so nennen sie das hier, seit Mitte Oktober, darunter fünf Ruhestörungen, ansonsten Streitereien und eine Körperverletzung, jeweils unter Zuwanderern. Das sind die angezeigten Fälle, die Dunkelziffer mag höher sein.

Ibrahim Mohamed hat genug von all dem. Bald wird er nach Halle ziehen, dort hat er eine kleine Wohnung gefunden, wie viele seiner Freunde aus Eritrea. Er geht wie die meisten gehen, sobald sie ihre Aufenthaltserlaubnis haben: Dorthin, wo es das gibt, was es in Vockerode nicht gibt - Infrastruktur und Arbeit. Kurz: Perspektiven. (mz)

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