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Gebäude unbewohnbar: Anschlag auf Flüchtlingsheim in Gräfenhainichen

Das Schleifer-Gebäude in Gräfenhainichen wurde zum Ziel eines Anschlags.

Das Schleifer-Gebäude in Gräfenhainichen wurde zum Ziel eines Anschlags.

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Klitzsch

Die Hasstiraden gegen Flüchtlinge haben in Gräfenhainichen eine bisher einmalige Dimension erreicht: Unbekannte haben im Gewerbegebiet West einen Anschlag auf die geplante Unterkunft für Asylbewerber verübt. Sie sind in das Ex-Bürogebäude einer Firma eingebrochen und haben es unter Wasser gesetzt. „Große Teile wurden geflutet. Diese Bereiche sind für die nächsten vier Wochen unbewohnbar“, sagt Landrat Jürgen Dannenberg (Linke).

Über die Motive des Anschlags muss nicht gerätselt werden: Eine Art Bekennerschreiben ist auf der Straße zu lesen. „Refugee not welcome“ (Flüchtling nicht willkommen), zeigt die Gesinnung. „Das ist ein Indiz“, sagt Polizeisprecher Maik Strömer, der deshalb auch „eine politisch motivierte Tat“ nicht ausschließen will. „Wir ermitteln aber in alle Richtungen.“

Verwüstung in geplanter Flüchtlings-Unterkunft
Gräfenhainichen, 17. Dezember 2015: In Gräfenhainichen haben Unbekannte eine geplante Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge verwüstet. Das Gebäude wurde von oben nach unten unter Wasser gesetzt.

In Gräfenhainichen leben 12.500 Menschen. Nach Angaben von Bürgermeister Enrico Schilling (CDU) wohnen 101 Asylbewerber in der Stadt. „Vorwiegend Familien“, sagt der Verwaltungschef, der zur Kenntnis nehmen muss, dass sich eine rechte Szene etabliert hat.

Neonazi dementiert Beteiligung

Unter dem Deckmantel der „besorgten Bürger“ haben zwei Männer aus Gräfenhainichen eine Demo gegen Flüchtlinge für Samstag angekündigt. Im Facebook lassen sie ihre Masken fallen und outen sich mit ihren richtigen Namen als Neonazis. Und einer hat reagiert. Das Treiben der feigen Täter wird dabei verniedlicht. Das Wort Anschlag ist mit Zitatenstrichen versehen. Für Kritiker des Neoazis gibt es „die Empfehlung, von diesem Rufmord zurückzutreten und sogleich diese Verleumdung zurückzunehmen.“

Nach einem Hinweis einer MZ-Leserin wird aber sogar der Anschlag im Internet unverblümt angekündigt. Der Umzug der Flüchtlinge von der Turnhalle in Griebo - hier leben 115 Syrier - nach Gräfenhainichen werde verhindert, soll ein Mann mit Phantasienamen verkündet haben. Unmittelbar nach einer Einwohnerversammlung zur Asylpolitik wird das Schleifer-Gebäude bei Facebook als neuer Brandort bezeichnet. Eine Bestätigung der Drohungen durch die Polizei gibt es aber nicht. Trotzdem überrascht, dass das Objekt nicht - wie sonst üblich - durch einen Wachschutz gesichert ist. „Dafür sind wir zuständig bei bewohnten Not- oder Gemeinschafsunterkünften“, sagt Dannenberg, der da „den Vermieter“ in der Pflicht sieht. Der Eigentümer der Immobilie hat auch schon Kräfte geordert. Das Personal sollte an diesem Wochenende die Arbeit aufnehmen.

Äußerlich sind die Spuren des Anschlags kaum sichtbar. An den Scheiben des ehemaligen Schleifer-Firmensitzes sind kleine, kondensierte Wassertröpfchen zu sehen. Von innen, wohlgemerkt. Es muss unglaublich feucht sein in dem Gebäude, das ab 23. Dezember als Unterkunft für 80 Flüchtlinge genutzt werden sollte. Doch das wollen die Unbekannten verhindern. Sie brechen in der Nacht in das Objekt ein - ein kreisrund eingeschlagenes Türglas unter der gerade installierten Feuertreppe zeugt vom Weg der Einbrecher.

„In der obersten Etage drehten sie dann die Wasserhähne auf und manipulierten die Waschbecken“, erläutert Strömer. Das Wasser bahnt sich seinen Weg in die darunterliegenden Stockwerke - und richtet dabei laut Polizei erheblichen Schaden an. Die Beamten erhalten um 7.45 Uhr Kenntnis von dem Anschlag.

Zum Einsatz kommen sofort Beamte aus Dessau, Wittenberg und vom Staatsschutz. Zur Unterstützung wird ein Fährtenhund geordert. „Wir konnten Spuren sichern, im und am Gebäude sowie am Schriftzug“, so Strömer. Allerdings sind viele Fragen offen. Der genaue Tatzeitpunkt muss noch geklärt werden. Unklar ist auch noch, ob es sich um einen einzelnen oder mehrere Täter handelt. Die Polizei gibt um 11.55 Uhr das Gebäude wieder frei, Reinigungstrupps nehmen sofort ihre Arbeit auf.

Die Ermittlungen der Beamten laufen weiter auf Hochtouren und in Wittenberg tagen die Mitglieder das Katastrophenstabes. „Unsere Situation hat sich durch den Anschlag dramatisch verschlechtert“, erklärt der Landrat.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum der Anschlag den Landkreis vor ein großes Problem stellt.

Suche nach Alternativen

Mit dem Umzug eines großen Teil der Grieboer Flüchtlinge in das sanierte Gebäude nach Gräfenhainichen sollte ein Erlass des Innenministeriums umgesetzt werden. Wittenberg ist der einzige Kreis, in dem Kriegsflüchtlinge noch in einer Turnhalle leben müssen. „Als Gastgeber sind wir für unsere Gäste verantwortlich“, erklärt dazu Innenminister Holger Stahlknecht (CDU). Der Magdeburger spart nicht mit Schelte an den Kreis, der sich mit der Anmietung von Wohnungen sehr schwertut. Die 80 Plätze in Gräfenhainichen sind bis gestern fest eingeplant.

Die Vorgabe aus Magdeburg soll trotz des Anschlags umgesetzt werden. „Wir haben noch ein paar Varianten“, sagt Dannenberg und erklärt: „Wir schaffen das!“ Ein bisschen schwingt am Abend nach der Beratung aber auch die Hoffnung mit, dass vielleicht doch noch ein Teil des Gräfenhainichener Gebäudes genutzt werden kann. Allerdings wird erst ein Gutachter, der am Freitag vor Ort erwartet wird, diese Frage eindeutig klären. In den neuen Überlegungen spielt nun laut Vizelandrat Jörg Hartmann (CDU) die Gemeinschaftsunterkunft in Coswig eine wichtige Rolle.

Reaktionen aus der Politik

Die Landtagsabgeordneten der Linken und Grünen sind entsetzt. Die bisherigen Sanierungsarbeiten im Gräfenhainichener Schleifer-Gebäude - hier sollten bis Weihnachten 80 Flüchtlinge - einziehen - seien zunichte gemacht, teilten Henriette Quade und Uwe Loos (beide Linke) mit. Die gesprühte Botschaft „Refugee not welcome“ entlarve die Täter. „So soll ein Klima der Einschüchterung und des Nichtwillkommenseins, der Bedrohung und der Angst geschaffen werden“, sagen die Politiker.

Grünen-Politiker Sebastian Striegel geht noch einen Schritt weiter: „Hier geht die Saat auf, die AfD, NPD und Co. zum Teil mit strategisch angelegten Kampagnen gegen die Unterbringung von Geflüchteten gesät haben. Dieser Art der feigen, hinterhältigen, rückgratlosen Stimmungsmache muss die gesamte Gesellschaft entgegenstehen.“

Gräfenhainichens Bürgermeister Enrico Schilling (CDU) verurteilt die üble Tat. "Das ist höchst verwerflich und ein Angriff auf unsere Grundwerte. Mit dem Spruch, den die Täter hinterlassen haben, lassen die selbsternannten "besorgten Bürger" ihre Maske fallen und zeigen, dass sie angetrieben sind von dem Wunsch, Fremdenhass zu verbreiten und Unruhe zu stiften. Das hat nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun", erklärte er am Donnerstagmittag gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung.

"Hier ist das Ende der Fahnenstange und der Geduld erreicht. Diese vermeintlich besorgten Bürger, die am Sonnabend ihre Demo in Gräfenhainichen angekündigt haben, verstecken sich gern in der Anonymität. Durch die sozialen Medien kann man aber verfolgen, wer dahinter steckt - und ich verorte diese Menschen ganz klar in der rechten Szene. Bei allen Sorgen, die man politisch haben kann - man kann über alles vernünftig diskutieren. Ich kann nur davor warnen, mit diesen Menschen am Samstag mitzulaufen. Es besteht die Gefahr, dass man selbst dieser Szene zugeordnet wird", erklärte der Lokalpolitiker. (mz)

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