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Entwicklung in Coswig: Zwei Kulturen - ein Örtchen

Unternehmer Peter Fliegenschmidt mit der Neuentwicklung.

Unternehmer Peter Fliegenschmidt mit der Neuentwicklung.

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Thomas Klitzsch

Coswig -

In Asien schläft man anders als in Europa, das Essen in Afrika und Amerika ist verschieden und letztlich ist es weltweit auch der Toilettengang. Es gibt Bodenlöcher oder Becken, in Europa benutzt man zur Reinigung Papier im arabischen, orientalischen Raum Wasser und die unreine linke Hand. Diese Unterschiede hat jeder schon mal bemerkt, der ein wenig weiter reiste und ratlos bis verstört die Toiletten fremder Kulturen nutzte. Peter Fliegenschmidt kennt so ziemlich alle Methoden, die der Mensch fürs „Geschäft“ anwendet.

Er ist der Chef des Coswiger Unternehmens „Global Fliegenschmidt“ und Hersteller mobiler Toilettenhäuschen, die er weltweit an die Vermieter dieser Dienstleistung verkauft. Fliegenschmidt hat orientalische Toiletten zum Hocken ebenso im Angebot wie die europäische Variante. Es gibt verschiedenen Farben für die Häuschen und eine Vielzahl von Ausstattungen. Eine Auswahl davon wird auf dem Firmengelände am Coswiger Wasserturm Anfang März verladen und geht auf die Reise zum Nürburgring. Mit der „Eurotoi“ findet dort am 4. und 5. März die einzige Ausstellung in Europa für mobile Toiletten statt. Peter Fliegenschmidt neuestes Produkt ist dann gerade mal ein paar Tage alt: die Multikulti-Toilette.

Reges Medieninteresse

Keines seiner Häuschen hat solch ein Aufsehen erregt wie diese Entwicklung. Fast täglich muss er deswegen Zeitungen und Zeitschriften Interviews geben. „Naja, das hing wohl mit der ersten Berichterstattung zusammen“, meint Fliegenschmidt über den Artikel einer Sonntagszeitung, die die mobile Neuerscheinung in Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation brachte. Aber da sieht Fliegenschmidt gar nicht die Zukunft des Toilettenzwitters, der europäische und orientalische Variante vereint, man kann sie also sowohl im Sitzen als auch im Hocken benutzen. Peter Fliegenschmidt denkt weiter, denn die Flüchtlingsunterkünfte sind längst mit sanitären Anlagen, meist Toilettencontainern, versorgt, aber „die kulturellen Unterschiede werden bleiben“, weiß der Unternehmer.

Mit diesem Wissen ist er deshalb auch in die Produktion der Multikulti-Toilette eingestiegen. In dieser Woche hat Peter Fliegenschmidt in seiner Firma das Werkzeug bauen lassen, mit dem die Herstellung starten kann, bei der der Plastikeinsatz für die Häuschen im Rotationsverfahren aus Granulat geformt wird. Das Modell, auf dem die Neuheit fußt, ist dabei gar nicht so neu. „Die Idee dafür liegt schon vier Jahre zurück, aber damals gab es keine Abnehmer dafür“, erzählt der Coswiger Hersteller. Damals habe Ralf Otterpohl aus Hamburg Kontakt nach Coswig aufgenommen. Otterpohl ist Leiter des Institutes für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg. Seit Jahren forscht und arbeitet er an der Entwicklung von Toiletten die mit sehr wenig oder ganz ohne Spülwasser auskommen. Das Sitz-Hock-Modell von damals war gedacht für eine feste Installation, Peter Fliegenschmidts Firma in Coswig hat es nun für den mobilen Einsatz modifiziert.

Prädestiniert für Flüchtlingsheime

Dass diese Toilette eine gute Lösung für den Einsatz in Flüchtlingsunterkünften sein könnte, glaubt Fliegenschmidt spätestens nach dem kürzlichen Besuch des Toilettenvermieters, der in Halberstadt die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber mit den mobilen Kabinen bedient. Weil dort die europäische Variante mit keiner Möglichkeit zur Handreinigung steht, bedienen sich die Nutzer einer Wasserflasche und die landet danach im Loch. „Die Reinigungskräfte müssen die rausholen“, beschreibt Fliegenschmidt die unangenehme Arbeit. „Einfach ein Wasserfass mit einem Behälter vor die Tür stellen“, rät der Hersteller zur unkomplizierten Lösung des einen Problems. Womit aber die eigentliche Nutzung immer noch kompliziert ist, wenn sich die Menschen gemäß ihrer Tradition auf die Toilettenbrille stellen. „Viele Flüchtlinge wissen einfach nicht, wie sie die europäischen Standard-Modelle nutzen sollen und haben überall hin gemacht, nur nicht dorthin, wo es sein sollte.“

Bedarf wird sich erweisen

Nach der Eurotoi-Messe Anfang März wird Peter Fliegenschmidt genauer wissen, wie groß der Bedarf an der Neuentwicklung sein wird. Er hofft vor allem auf die Sparte, in der die mobilen Häuschen aus Coswig am häufigsten anzutreffen sind: Baustellen. 60 Prozent der bei Global Fliegenschmidt produzierten Toiletten stehen dort. 30 Prozent machen Events wie Konzerte, Märkte oder Großveranstaltungen aus. „Ich sehe die Zukunft dieser Multikulti-Toilette auf den Baustellen, denn dort wird bald sicher ein Großteil der Menschen arbeiten, die jetzt zu uns kommen“, mutmaßt Fliegenschmidt. Und womöglich wird sich die Hock-Variante sogar noch mehr durchsetzen. „Da schwappt gerade ein Gesundheitstrend aus den USA herüber, der diese Art des Geschäfts propagiert, weil es gesünder sein soll, ursprünglicher“, berichtet er. Auf jeden Fall aber bleibt dieses Thema eines, das irgendwie alle angeht und jeden betrifft. (mz)


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