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Dritter Anschlag: An 19 Stellen Buttersäure in Karl-Marx-Schule in Wittenberg verteilt

Die ehemalige Karl-Marx-Schule in Wittenberg-West soll als Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge umgebaut werden.

Die ehemalige Karl-Marx-Schule in Wittenberg-West soll als Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge umgebaut werden.

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Baumbach

Wittenberg -

Lange war es ruhig geblieben im Kreis Wittenberg, lange herrschte die Hoffnung, der Kelch dumpfer Fremdenfeindlichkeit geht vorüber. Jetzt hat es den Anschein, als machten die Flüchtlingsgegner mobil. Jedenfalls häufen sich die Anschläge in einem Besorgnis erregenden Maße.

Jüngster Fall: Auf die ehemalige Karl-Marx-Schule in Wittenberg-West ist in der Nacht zum Montag ein Anschlag vermutlich mit Buttersäure verübt worden. Kurz vor 7?Uhr wurde die Polizei von einem Mann darüber informiert, dass Fenster und Türen des Gebäudes offen stünden und ein „merkwürdiger Geruch“ herrsche. Eine stark unangenehm riechende Flüssigkeit wurde nach Angaben eines Polizeisprechers in dem Gebäude ausgebracht. Außerdem sind Aufkleber mit fremdenfeindlichen Parolen an einem Absperrgitter neben dem einstigen Schulgelände gesichtet worden. Die hauptamtliche Wachbereitschaft der Wittenberger Feuerwehr rückte aus.

Deren Kameraden stellten nach den Worten von Gerd Geier, Fachbereichsleiter Brand- und Katastrophenschutz bei der Stadt, bereits draußen den „typischen stechenden, üblen Geruch“ fest. Unter Atemschutz ist ein Trupp der Feuerwehr vorgeschickt worden, um die Lage zu erkunden. Laut Geier sind sowohl Erdgeschoss als auch Obergeschoss und Seitenflügel betroffen.

Säure an 19 Stellen entdeckt

An insgesamt 19 Stellen ist offenbar Buttersäure verschüttet worden, in Fluren, Klassenräumen und der Aula.

Die Feuerwehr entschied, dass zunächst niemand das Gebäude ungeschützt betreten darf. Im Freien, so Geier, sei Buttersäure nicht so problematisch, in geschlossenen Räumen aber schon. Sie kann dort auch nicht einfach mit viel Wasser verdünnt werden.

Buttersäure-Anschlag auf ehemalige Karl-Marx-Schule
Wittenberg, den 21.12.2015: In der Nacht zum Montag wurde auf die ehemalige Karl-Marx-Schule in Wittenberg vermutlich ein Buttersäure-Anschlag verübt. Fenster und Türen des Gebäudes hätten nach Angaben eines Mitarbeiters offen gestanden, zudem roch es "merkwürdig".

Der Landrat bestätigte am Mittag, dass der Zugang zu sämtlichen Räumen des großen Komplexes untersagt ist. Eine Spezialreinigungsfirma aus Wittenberg sei beauftragt, den Schaden zu beseitigen, erklärte Jürgen Dannenberg (Linke). Wie schnell das gelingt, ist noch unklar. In einigen Tagen soll geprüft werden, ob die Umbauarbeiten beginnen können. Die ersten Ausschreibungen sind bereits gelaufen, die Handwerker stehen bereit. Der Kreistag hatte unlängst beschlossen, die einstige Karl-Marx-Schule für rund 1,6 Millionen Euro zu einem Quartier für Flüchtlinge umzubauen.

Auch der Staatsschutz ermittelt

„Der Anschlag wirft uns zurück“, gibt der Landrat unumwunden zu. Im Mai sollten die ersten Flüchtlinge einziehen, ob der Termin zu halten ist, steht dahin. Konsequenz könnte sein, dass Notunterkünfte wieder reaktiviert werden müssen. Dannenberg spricht von einer „schlimmen Entwicklung“. Das sei „kein gutes Bild für ein weltoffenes Wittenberg“. Allerdings handele es sich bei den Tätern um Einzelne. „Die Bürgerfeste in Wittenberg und Gräfenhainichen zeigen mir, ein Großteil der Bevölkerung unterstützt uns.“

Die Kriminalpolizei und auch der Staatsschutz ermitteln jetzt wegen des Anschlags in Wittenberg. „Es wird geprüft, ob es Zusammenhänge zu den Ereignissen in Gräfenhainichen gibt“, erklärte Maik Strömer, Pressesprecher der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost auf Nachfrage der Mitteldeutschen Zeitung am Montag. Außerdem sei ein Diensthund im Einsatz gewesen, um eventuelle Täter-Spuren zu verfolgen.

Erst am vergangenen Donnerstag hatten Unbekannte auf eine geplante Gemeinschaftsunterkunft in Gräfenhainichen einen Anschlag verübt. In der Nacht waren sie in das ehemalige Schleifer-Gebäude in der Heidestadt eingedrungen und hatten das Haus von oben nach unten unter Wasser gesetzt. Es ist auf unbestimmte Zeit nicht mehr nutzbar. Landrat Dannenberg sagte gestern, dass vermutlich eine sechsstellige Summe aufgewendet werden muss, um die angerichteten Schäden zu beseitigen. „Damit kostet die Sache den Steuerzahler gleich zwei Mal Geld.“

Am Sonnabend musste die Polizei wiederum in Gräfenhainichen aktiv werden. In der Nacht zum Samstag hatten Unbekannte Pferdemist auf dem Marktplatz platziert, dort, wo am Nachmittag eine Demonstration von Rechtsextremen und „besorgten Bürgern“ stattfand. Gegen 10 Uhr am Sonnabendmorgen musste die Feuerwehr anrücken, weil auf den Kirchplatz in Gräfenhainichen ein Buttersäure-Anschlag verübt worden war. Dort fand wenige Stunden später ein Bürgerfest für Toleranz und Weltoffenheit statt, die Buttersäure konnte das nicht verhindern.

Der Geruch, der am Montagmorgen an der ehemaligen Karl-Marx-Schule herrscht, ähnelt dem Geruch, der am Sonnabend in Gräfenhainichen auf dem Kirchplatz zu riechen war. Butter- oder Butansäure ist eine bei Zimmertemperatur farblose Flüssigkeit, die im Wesentlichen den unangenehmen Geruch in Erbrochenem oder ranziger Butter ausmacht. Ihre Dämpfe reizen Augen und Atemwege.

Ungeschützt übrigens war der für den Umbau vorbereitete Gebäudekomplex der einstigen Karl-Marx-Schule nicht. Nach Angaben von Dannenberg ist ein Wachschutz mit der „Bestreifung“ beauftragt. Dass das Haus nicht permanent unter Beobachtung steht, begründet der Landrat damit, dass es ja noch längst kein Flüchtlingsquartier ist: „Da sind keine Medien, keine Bauarbeiten. Wir sind nicht davon ausgegangen, dass dort etwas passiert.“

Unterdessen geht die Polizei nach ersten Ermittlungen davon aus, dass die Täter im Laufe des Wochenendes in das Gebäude eingedrungen sind. „Da es sich bei dem ehemaligen Schulhaus um eine geplante Flüchtlingsunterkunft handelt, kann eine politische Motivation der Tat nicht ausgeschlossen werden“, heißt es in einer Information.

Die Polizei bittet Zeugen, die Hinweise zur Aufklärung der Straftat geben können, sich unter der Telefonnummer 0340/6?00?02?91 oder per Mail an lfz.pd-ost@polizei.sachsen-anhalt.de zu melden. (mz)


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