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Demonstrationen in Wittenberg : 500 Teilnehmer setzen ein Zeichen für Toleranz

Drei über Parteigrenzen hinweg

Drei über Parteigrenzen hinweg

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Baumbach

Wittenberg -

Reiner Haseloff ist gebürtiger Bülziger, seine Vorfahren sind seit Jahrhunderten in der Region ansässig. Mai Chi Ngo ist Wittenbergerin, die Elfjährige besucht die fünfte Klasse des Luther-Melanchthon-Gymnasiums, ihre Eltern sind aus Vietnam nach Deutschland gekommen. Markus Schuliers ist Wittenberger, der gebürtige Westfale kam nach der Wiedervereinigung in den 90er Jahren in die Lutherstadt. Amer Al Dibiz lebt seit einem Jahr in Wittenberg, er floh mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien. Der Ministerpräsident und die Schülerin, der Theatermann und der Flüchtling, der seit kurzem im Mehrgenerationenhaus (MGH) arbeitet, sie alle - und noch ein paar hundert Menschen mehr - waren Teil eines Bürgerfestes auf dem Arsenalplatz am Sonnabend.

Breites Bündnis

Unter dem Motto „Wittenberg ist weltoffen“ hatte sich innerhalb kürzester Zeit ein breites Bündnis formiert. Die Initiative ging von einzelnen, jungen Wittenbergern wie Sven Meffert und Maria Jonas aus. Doch schon bald waren staatliche und kirchliche Institutionen, Parteien und Privatleute, Vereine und Verbände mit von der Partie. Der Wunsch über alle Differenzen hinweg, gemeinsam für Toleranz und Weltoffenheit zu werben und so ein Zeichen gegen die Kundgebung der NPD auf dem Marktplatz zu setzen, führte sie zusammen.

„Das war schon lange überfällig hier in Wittenberg“, sagt Barbara Steinborn. Die Leiterin der Kindertagesstätte „Himmelsschlüsselchen“ steht am Sonnabend gemeinsam mit Kolleginnen an einem Stand, verkauft selbstgebackenen Kuchen und freut sich über „die tolle Stimmung“. Gleich daneben wird gebastelt: Amer Al Dibiz zeigt, wie man kleine Papierblumen faltet, um ihn herum ein Haufen Kinder, darunter sein Sohn Hamza und Tochter Maria. Der Syrer erzählt, dass er im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes eine Arbeit im Mehrgenerationenhaus fand. Dort hat er auch Deutsch gelernt. „Nicht in einem Sprachkurs, sondern durch Kontakte mit Deutschen.“ Das Fest, findet er, sei eine gute Chance, mehr solcher Kontakte zu knüpfen – für alle.

Nicht das Problem

Während die jüngsten Festbesucher sich beim Basteln, beim Kinderschminken, mit Riesen-Seifenblasen oder auf einer der beiden Hüpfburgen vergnügen, verfolgen die Erwachsenen das Geschehen auf der Bühne. Zum Auftakt um 13 Uhr wird erst einmal geredet. Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) spricht mit Blick auf die NPD-Kundgebung von der Veranstaltung einer Minderheit, deren öffentliches Auftreten man in einem freien Land aushalten, aber nicht widerspruchslos hinnehmen müsse. „Es liegt an uns, ob wir uns gegen diese laute kleine Minderheit mit ihren ausländerfeindlichen Parolen stellen.“ Was Unterbringung und Integration von Flüchtlingen angeht, stellt er klar: „Wir haben Probleme, aber die Menschen sind nicht das Problem.“

Ministerpräsident Haseloff (CDU) betont, für ihn zeige sich hier, nicht auf dem Markt „das wahre Gesicht von Wittenberg“. Er hält eine Traube Luftballons in die Höhe und ruft „Wittenberg ist bunt“. Landrat Jürgen Dannenberg (Linke) gibt sich eher nüchtern und kommt mit Fakten: Seit Januar habe der Kreis rund 1 300 Menschen aufgenommen, „Das ist gerade einmal ein Prozent der Bevölkerung“, rückt er Ängste zurecht, lobt die Unterstützung seitens der Bürger bei der Aufnahme der Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten und fordert: „Weiter so, wir brauchen Sie.“ Die Mitglieder der Kreissynode stoßen nach Ende ihrer Tagung hinzu und verlesen eine einstimmig verabschiedete Resolution. Sie beginnt mit Auszügen aus dem Matthäusevangelium: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ Aus dieser Haltung speisten sich christlicher Glauben, europäische Kultur und das Einstehen „für eine offene und demokratische Gesellschaft“.

Chorgesang und Kampfkunst

Sinnlicher geht es weiter: mit Bläsermusik made in Germany, mit dem Auftritt eines Chores, den syrische Flüchtlinge aus Griebo bilden, die zunächst Xavier Naidoos „Dieser Weg wird kein leichter sein“ auf Deutsch intonieren, dann mit Festgästen zu arabischen Klängen tanzen, mit Sportlern die in die koreanische Kampfkunst Hapkido einführen, mit Line-Dancern aus dem Nachbarschaftstreff Wittenberg West. Deren Sprecherin Inge Harrazin berichtet von den Sprachpaten dort, den Begegnungen mit „Jungs aus Syrien, Somalia und Eritrea“ und bekundet: „Wir sind ihnen dankbar, dass unser Alltag durch sie bunter geworden ist.“

An den Ständen auf dem Platz wird derweil informiert, wie bei der Dessauer Initiative GegenPart. Die Fußballer von Victoria Wittenberg haben Kleidung gesammelt und geben sie gegen eine freiwillige Spende ab; der Erlös soll Flüchtlingen zugutekommen. Christian Gatniejewski steht für die Johanniter auf dem Arsenalplatz. Es sei ihm „ein Herzensanliegen, heute dabei zu sein“, sagt der Rettungssanitäter, der schon bei zahlreichen Auslandseinsätzen als Katastrophenhelfer aktiv war, unter anderem im Libanon und Jordanien, um dort die Lebensbedingungen für Flüchtlinge zu verbessern. Fluchtursachen bekämpfen und Flüchtlinge hier willkommen zu heißen und zu integrieren, das gehört für ihn zusammen. Integration sei eine „große Langzeitaufgabe“, so Friedrich Schorlemmer. Das Ziel gemeinsamen Handelns müsse sein, „Ängste zu benennen, zu diskutieren, „auf ihren rationalen Kern zurückzuführen und Konflikte gemeinsam zu lösen“.

Bürgerfest als Zeichen in Wittenberg
Wittenberg, 07.11.2015: Etwa 400 Bürger kamen am Sonnabend zum Bürgerfest auf dem Wittenberger Arsenalplatz zusammen, um ein Zeichen für Weltoffenheit und Toleranz zu setzen. 

Als Wittenbergs Ehrenbürger am Rednerpult steht, haben die Teilnehmer der NPD-Kundgebung den Markt schon verlassen. Um 17 Uhr ist der Platz wieder in Wittenberger Kinderhand und von deren Lampions erleuchtet. „So viel Potenzial war da nicht da“, sagt der Oberbürgermeister und freut sich über die Vielzahl weltoffener Wittenberger. „Wir waren eher da und länger. Wir waren bunter, fröhlicher und niveauvoller.“ Auch Tobias Thiel, der die Veranstaltung für die Evangelische Akademie mit vorbereitet hatte, zeigt sich zufrieden. Jetzt müsse es darum gehen, das Entstandene auszubauen. (mz)


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