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Alte Lateinschule in Wittenberg: Der Neuling fasst Fuß

David Mahsman, Geschäftsführer der International Lutheran Society of Wittenberg, zeigt den Aufenthaltsraum der einstigen Lateinschule. Ein Großteil der Bücher dort stammt aus den Vereinigten Staaten. Aber auch deutsche Titel sind zu finden.

David Mahsman, Geschäftsführer der International Lutheran Society of Wittenberg, zeigt den Aufenthaltsraum der einstigen Lateinschule. Ein Großteil der Bücher dort stammt aus den Vereinigten Staaten. Aber auch deutsche Titel sind zu finden.

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klitzsch

Wittenberg -

Wenige Tage vor der Stillen Nacht ist es sehr ruhig im Haus an der Jüdenstraße. Auch ein Ort wie die Alte Lateinschule hat seine Saison. Die ist vorüber, im November gab es noch ein paar Übernachtungen, jetzt ist Ruhe, der Frühling wird neue Gäste bringen; bis März, sagt David Mahsman, ist das Haus voll.

Um die 800 Übernachtungen, rechnet der Geschäftsführer der International Lutheran Society of Wittenberg (ILSW) dank Computer flugs zusammen, sind im ersten Jahr seit der Eröffnung des christlichen Besucherzentrums am 3. Mai 2015 zusammengekommen. Studenten und andere Gruppen, die sich der US-amerikanischen Missouri Synod oder ihrem deutschen Partner SELK verbunden fühlen.

Kruzifixe als Gastgeschenk

Einige haben als Gastgeschenk Kruzifixe hinterlassen, in jedem Übernachtungszimmer hängt jetzt eines, auch in den Fluren. Ein fein ziseliertes, silbrig glänzendes aus Äthiopien, ein schlichtes dunkles aus Ghana... Der Glaube der Gäste zeigt sich in diesen Bildern. Dass Wittenberger Kindergartenkinder den Hintergrund dazu gemalt haben, ist ein hübsches Detail, auf das Mahsman beim Rundgang durchs Haus hinweist.

Leise schnurrt der Aufzug über die Etagen, Erdgeschoss und erstes Obergeschoss von 1564, die oberen deutlich jünger, 19. Jahrhundert. Sechs Jahre lang hat Mahsman, Geistlicher der Missouri Synod aus St. Louis, die Entwicklung des Hauses zwischen Kirchplatz und Jüdenstraße vom verwahrlosten Gebäude zur modernen Übernachtungs- und Begegnungsstätte für Gäste aus aller Welt begleitet. Jetzt ist er fast 66 und die Rente in Sicht.

Die Sanierung hatte, wie so oft, auch diese Bauherren mit Überraschungen nicht verschont, es gab morsche Balken, die ausgewechselt werden mussten, im Keller waren sogar Skelette gefunden worden, sie stammten aus der Zeit, als der Kirchplatz Kirchhof war, Friedhof also. Auch jetzt fehlt noch dies und das, die Beschilderung zum Beispiel. Zur Zeit weist nur ein winziger Zettel im Fenster und auch nur darauf hin, dass hier jeden dritten Samstag im Monat Gottesdienste (der SELK) stattfinden, „Pfarrer Fischer“ kommt dann immer aus Leipzig herüber.

Mit dem Denkmalschutz, der bei den Schildern ein Wörtchen mitreden wird, hat das Besucherzentrum Alte Lateinschule auch sonst noch eine Rechnung offen: Die Treppenstufen zum Wohnbereich von der Jüdenstraße aus entsprechen nicht den Erfordernissen eines solchen historischen Gebäudes und müssen ausgetauscht werden, berichtet Mahsman. Dass blankpolierter Granit hier nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist, sieht freilich ein Blinder.

Auch sonst ist das Haus aus der Aufbauphase noch nicht ganz raus. Es geht nicht nur um die Programme, die noch zu erarbeiten sind, um „so viele Menschen wie möglich nach Wittenberg zu bringen“ und ihnen ein guter Willkommens- ort zu sein (übrigens nicht in Konkurrenz zu Hotels, wie der ILSW-Geschäftsführer betont).

Es geht auch um ganz praktische Dinge, wie Mahsman amüsiert berichtet, als er der MZ den Aufenthaltsraum mit seinen vielen verglasten Bücherschränken zeigt. Dicke Wälzer sind darunter, teils aus dem 18., 19. Jahrhundert, um Luther geht es immer, es sind Ausgaben seiner Werke, die auch aus den USA quasi zurückkehren nach Wittenberg.

Sie sind der Grund, warum Mahsman sich inzwischen ziemlich gut auskennt beim Zoll in Dessau, wo manche Sendung landet, manche kommt wundersamerweise aber auch direkt per Post. Jedenfalls ist er dort jetzt öfters Kunde bei McDonald’s, weil die einen schönen Kundenparkplatz haben - so direkt neben dem Zollamt...

Folgt man David Mahsman, hat sich der Neuling Alte Lateinschule inzwischen integriert in die Wittenberger (Kirchen-)Landschaft. Die Beziehungen etwa zur Stadtkirchengemeinde oder zum Lutherischen Weltbund wie auch zur Stadt selbst seien „sehr gut“, versichert Mahsman, „wir wollen ein guter Nachbar sein“.

Öffnung in die Stadtgesellschaft

Neben dem Anliegen, Menschen für Kirche und Glauben zu interessieren, gehört dazu auch eine Öffnung in die Stadtgesellschaft. Kürzlich etwa fand im Haus eine Buchlesung statt, in der Kapelle las der Wittenberger Verleger Mario Dittrich aus seinem Werk „Lutherstraße“. Man würde gern mehr solcher Veranstaltungen im Haus haben, sagt Mahsman, der dort auch Wittenberger Stadtführer erwartet, um sie mit der Geschichte des Hauses vertraut zu machen.

Wenn alles klappt - und das sei in Amerikas (kirchensteuerlosen) Kirchen am Ende vor allem eine finanzielle Frage - wird David Mahsman im März nächsten Jahres seine Nachfolgerin vorstellen können. Kristin Lange heißt sie, was auf dem Papier vertraut aussieht, sich auf Englisch aber ein wenig anders ausspricht, die Tochter des Regionalbischofs der Missouri Synod von Kansas. Kommt alles so, wird die konservative Kirche in der Alten Lateinschule eine sehr junge Geschäftsführerin haben: Kristin Lange ist erst Mitte 20. Pastorin ist sie freilich nicht, da hält es die Missouri Synod mit den Katholiken - keine Frauen im Priesteramt.

Wie verhalten sich die Menschen?

Mahsman, der zwecks reibungslosem Übergang mit Lange zusammen noch die Wittenberger Saison 2016 in der Alten Lateinschule gestalten will, wird die Lutherstadt danach selbst nur noch aus der Gästeperspektive erleben: Selbstverständlich plane er, zum Reformationsjubiläum 2017 - aus den USA - zurückzukommen. Die grundsätzliche Anziehungskraft der Lutherstadt für Besucher aus Übersee steht für ihn dabei außer Frage. Die Frage sei, wie sich die Menschen verhalten werden. Kommen sie gerade dann, weil in diesem Jahr Besonderes versprochen wird? Oder kommen sie zu einem anderen Zeitpunkt, weil alle Welt sagt, dass es dort 2017 (zu) voll werden wird?

„Die Stadt kann das schaffen“, zeigt sich David Mahsman zuversichtlich und verweist dabei auch auf die beiden nahen Metropolen mit ihren Übernachtungsmöglichkeiten. Auch die Alte Lateinschule sei für das Jahr 2017 übrigens schon ziemlich voll. (mz)


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