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Kreis Wittenberg: Flucht nach vorn mit Worten

Uhr | Aktualisiert 23.12.2012 18:40 Uhr
Frieda Obst ist die erste Kliekenerin, die 100 Jahre alt wurde. (FOTO: ACHIM KUHN) 
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Frieda Obst feierte am Sonntag in Klieken ihren 100. Geburtstag. Neben Bürgermeisterin Doris Berlin (parteilos) und Ortsbürgermeister Karl-Heinz Schröter (CDU) gehörten die Vorsitzende des Seniorenclubs zu den ersten Gratulanten im Hause Obst in der Bodenreformsiedlung.
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Klieken/MZ. 

"Sonntag komme ich wieder", hat Dörte Werner am Freitag nach dem wöchentlichen Hausputz bei ihrer Großmutter zu Frieda Obst gesagt. "So? Warum denn?" wollte die Seniorin wissen. "Na, da wirst du doch 100. " Und Frieda Obst: "100? Da haue ich ab!"

"Das ist Frieda Obst - immer humorvoll und immer schlagfertig", sagt Herta Stier, nachdem Dörte Werner das erzählt hat. Neben Bürgermeisterin Doris Berlin (parteilos) und Ortsbürgermeister Karl-Heinz Schröter (CDU) gehört die Vorsitzende des Seniorenclubs an diesem Sonntagvormittag zu den ersten Gratulanten im Hause Obst in der Kliekener Bodenreformsiedlung. Herta Stier freut sich, als hätte sie selbst Geburtstag: "Es ist unsere erste Hundertjährige in Klieken und Buro", würde sie das Ereignis deshalb am liebsten ins Guiness-Buch der Rekorde eintragen lassen.

Suche nach Heimat

Die Jubilarin lässt derweil einige Minuten auf sich warten. Sie wohnt im Obergeschoss des Häuschens, das sie 1952 bezogen haben, als die achtköpfige Familie aus der Nähe von Profen nach Kieken kam. Nach der Flucht aus Niederschlesien - Frieda Obst wurde in Liegnitz geboren - hatte ihr Mann Erich Obst zunächst im Braunkohletagebau gearbeitet. Und noch einmal mussten sie weiterziehen, weil der Ort weggebaggert wurde. "Ich wurde 1953 hier in diesem Wohnzimmer geboren", erzählt der jüngste Sohn Wolfgang Obst, der bei seiner Mutter im Haus wohnt.

Da betritt die Jubilarin die Küche: "Ihr habt wohl schon wieder 'ne Kuh geschlachtet!", entfährt es ihr angesichts des mit Platten voller Canapés und Kuchen gedeckten Tisches. Seit früh um sechs, erzählt ihr Jüngster, "haben wir gewirbelt". Die Enkelin hat zur Feier des Tages ein neues Kirschkuchenrezept ausprobiert, aber die Hundertjährige greift lieber zu Herzhaftem. Gratulationen lässt Frieda Obst gelassen über sich ergehen, als gelte der ganze Aufriss nicht ihr. Sie hört nicht mehr gut. "Und manchmal", sagt ihr Sohn, "steht sie schon neben sich."

Bis vor zwei Jahren sei sie noch ganz unternehmungslustig gewesen. Sie ließ sich zu den Veranstaltungen bringen und hat sogar noch Fahrten mitgemacht, berichtet Herta Stier. Und Wolfgang Obst erzählt die Episode, wie er seine Mutter suchte und "bei Schumanns", also am Hotel Waldschlösschen, aufgabelte, wohin sie sich mit ihrem Rollator aufgemacht hatte. "Ich will zum Ball", hat sie ihrem Sohn erklärt.

Mutter von sechs Kindern

Körperlich ist sie auch jetzt noch ganz fit, sogar die Treppe schafft sie noch allein. Gleichwohl kümmert sich täglich ein Pflegedienst um ihr gesundheitliches Wohlergehen. Frieda Obst schaut leidenschaftlich Fernsehen. Bei ihr läuft fast nur das erste Programm. "Die Werbung nervt", sagt die 100-Jährige. Agil war Frieda Obst ihr ganzes Leben. Immerhin hat sie sechs Kinder groß gezogen und immer gearbeitet, unter anderem in der LPG-Küche. Sie hat im Chor gesungen und war ehrenamtlich Schöffin am Kreisgericht Roßlau. Ihr Mann ist 1982 gestorben. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1933 hatten sie geheiratet. Ungefähr 30 Enkel - sie weiß es nicht so genau - und ebenso viele Urenkel gibt es. Drei ihrer Kinder leben noch, eine Tochter, Ursula Freßdorf wohnt ebenfalls in Klieken. Mit ihr, dem Sohn und dem nächsten Anhang wird der 100. Geburtstag den ganzen Tag über gefeiert.

In Klieken und Buro müsse niemand Angst haben, in Alter und Krankheit allein zu sein, wenn niemand aus der Familie am Ort ist, sagt Herta Stier. "Wir sind gern für die Senioren da." Dabei gehe es nicht nur um Geselligkeit, sondern um echte Nachbarschaftshilfe "von Gardinenwaschen bis Grabpflege".

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