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Wein-Anbau: Neue Winzer-Generation in Region Saale-Unstrut

Uhr | Aktualisiert 23.12.2012 20:55 Uhr
Matthias Hey beschneidet die Reben, damit sie kräftig wachsen. (FOTO: BIEL) 
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Elisabeth Born und Matthias Hey stehen für eine neue Generation Winzer. Sie haben studiert, waren im Ausland und wollen Spitzenweine herstellen.
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Naumburg/Höhnstedt/MZ. 

Jeans, Wollpullover, die langen blonden Haare zum Zopf geflochten: Winzerin Elisabeth Born sitzt entspannt in der holzgetäfelten Weinstube. Ihre Familie betreibt in Höhnstedt bereits in der fünften Generation Weinbau, erzählt die 27-Jährige. Noch immer werde ein Weinberg bewirtschaftet, auf den bereits ihr Ur-Ur-Großvater gearbeitet habe. Auf dem Steilhang vor ihrer Haustür steht jedoch eine ganz neue Rebe: Sauvignon blanc. Born ist auf die Edelrebe bei der Arbeit in Neuseeland gestoßen und war von dem Johannis- und Stachelbeeraroma des Weins so begeistert, dass sie ihn auch in Höhnstedt heimisch machen will.

Matthias Hey ist Winzer in ersten Generation. Der 30-Jährige gründete vor fünf Jahren sein eigenes Weingut in Naumburg - 3,5 Hektar. Seine Eltern bewirtschafteten zuvor die Weinberge in ihrer Freizeit. Hey hat das Hobby zu seinem Beruf gemacht: Er investierte unter anderem in mehrere 225-Liter-Holzfässer und Edelstahltanks "im Wert von einigen Kleinwagen". Mit Erfolg. Der Winzer gehört zu den Senkrechtstartern in der Weinregion Saale-Unstrut.

Elisabeth Born und Matthias Hey stehen für eine neue Winzer-Generation im nördlichsten Wein-Anbaugebiet Europas. Die meisten privaten Weingüter entstanden nach 1990. Winzer, die in der DDR den Weinbau nur im Nebenerwerb betreiben durften, machten sich selbstständig. Für ihre Ausbildung ist charakteristisch: Lernen durch Handeln. Die neuen Jahrgänge unterscheiden sich da: Sie haben in der Regel eine Lehre oder ein Weinbaustudium absolviert und Erfahrungen auf ausländischen Weingütern gesammelt. Sie eint ein Ziel: Spitzenweine an Saale und Unstrut herzustellen und deutschlandweit bekannt zu machen. Dafür suchen sie den Schulterschluss.

Dass Elisabeth Born in das acht Hektar große Weingut ihres Vaters einsteigt, ist nicht selbstverständlich gewesen: "Weinbau war für mich als Kind und Jugendliche immer mit viel Arbeit verbunden", erzählt sie. Im Sommer raus auf den Weinberg, wenn andere ins Schwimmbad gingen. Die Aufforderungen des Vaters, die Fässer zu putzen. "Das habe ich nicht als meine Zukunft gesehen." Dennoch ließ sie sich nach der Schulzeit zur Weinprinzessin von Höhnstedt wählen. "Ich war dadurch viel unterwegs, habe einige Weingüter in der Region kennengelernt." So entdeckte sie ihre Liebe zum Wein. Im Jahr 2005 ging die spätere deutsche Weinprinzessin, an die renommierte Weinbauhochschule Geisenheim am Rhein. Zum Studium gehörten auch Praktika. Born zog es in die Weite. In Neuseeland war sie auf einem sehr neuen, sehr modernen Weingut tätig. "Ich bin beeindruckt gewesen, wie professionell und effizient, dort gearbeitet wurde", sagt sie. Beispielsweise wurden die Trauben mit Trockeneis gekühlt.

Auch Matthias Hey schwankte nach der Schule zwischen Philosophie-, Literatur- oder doch dem Weinbaustudium. "Glücklicherweise habe ich mich für praktische Arbeit entschieden", sagt er heute. Hey studierte zunächst ebenfalls in Geisenheim, die Kleinstadt wurde ihm aber bald zu eng. Er ging an die Universität Udine, um die Ausbildung fortzusetzen und arbeitete nebenbei auf verschiedenen italienischen Weingütern. Seither gilt seine besondere Liebe dem Rotwein. Er lernte in Italien die Feinheiten der Wein-Herstellung. Voller Ideen kam Hey nach Naumburg zurück, die er nun umsetzt. Das Haus der Familie steht am Fuße des Naumburger Steinmeisters. Hey zeigt auf die steilen, kalkhaltigen Hänge, die in mühevoller Handarbeit gepflegt werden müssen. "Aber auch nur solche Weinberge ermöglichen außergewöhnliche Weine", sagt er. Auf einem Drittel der Flächen baut Hey Rebstöcke für Rotweine an - darunter Portugieser und Blauer Zweigelt. Viel mehr als andere Winzer. Der kleine Weinkeller ist auch Labor. "Durch eine längere Gärung werden die Rot-Weine reifer und voller", verrät Hey. "Wein ist kein Zufallsprodukt."

Ein Satz, den Elisabeth Born und ihr Freund, der Winzer Jochen Hinderer, so unterschreiben würden. Auch sie sagen: "Wir setzen uns eine bestimmte Qualität zum Ziel." Die Arbeit im Weinberg sei entscheidend. So stehen Winzer vor dem Spagat, dass sie durch das Herausschneiden von Trauben während des Wachstums den Zuckergehalt der verbliebenen Früchte steigern können - und damit die Qualität des späteren Weines. Der Nachteil: die Menge sinkt. Vor die Wahl gestellt, Masse oder Qualität zu produzieren, tendieren die jungen Winzer zu Letzterem.

Auch deswegen haben sie sich zu einer Gemeinschaft mit dem Namen "Breitengrad 51" zusammengefunden. Mit diesem Namen, der auf den 51. Breitengrad als nördlichste Weinbaugrenze anspielt, wollen sie Weine adeln, die zu den besten von Saale und Unstrut gehören. Um dem Anspruch gerecht zu werden, ist die Erntemenge für diese Weine auf 55 Hektoliter je Hektar begrenzt und ein Mostgewicht auf Auslese-Niveau nötig. Dem Verein gehören neben Born und Hey auch die Weingüter Böhme, Frölich-Hake, Gussek, Kloster Pforta, Lützkendorf sowie Rollsdorfer Mühle an. Jeder Winzer will jährlich zwei Spitzenweine herstellen, die unter dem Namen "Breitengrad 51" vermarktet werden.

Der Präsident des Weinbauverbandes Saale-Unstrut, Siegfried Boy, begrüßt die Initiative: "Hochwertige Weine verbessern das Image des gesamten Anbaugebietes." Nach seinen Worten unterscheidet sich die Entwicklung von Saale und Unstrut vom Rest Deutschlands. Bundesweit ging seit 1999 die Zahl der kleineren Weinbaubetriebe mit weniger als fünf Hektar Fläche um 30 Prozent zurück. Während an Mittelrhein und Mosel immer größere Betriebe entstehen, wuchs im Gebiet Saale und Unstrut als einzigem die Rebfläche um 90 Hektar und die Zahl der Winzer nahm zu.

Im Weinkeller der Familie erklärt Born, es sei ihr Ziel, die Arbeit ihres Vaters fortzuführen. Zusammen mit ihrem Freund will sie aber auch Experimente wagen. So setze sie auf Riesling. Dies sei zwar eine anspruchsvolle Rebsorte, durch das kühlere Klima könnten hier aber exzellente Riesling-Weine entstehen. Dann zeigt sie auf die Holzfässer. "Mein Vater wollte eigentlich auch die Rotweine lieber im Edelstahltank lagern", sagt die Winzerin. Sie lieber in Holz, damit die Weine harmonischer werden. Nun steht der neue Edelstahltank leer, die Fässer sind voll. "Als Winzer muss man sich bewusst sein, dass man im gesamte Arbeitsleben nur 30 bis 40 Ernten hat."

Winzer Hey plant derzeit minutiös, welche Weine er in den kommenden Jahren anbaut. Nach Weihnachten werden bereits die ersten Reben im Weinberg beschnitten. Es ist der erste von vielen Schritten für einen guten Jahrgang.

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