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Versicherungen: Preissprung bei Kranken- und Pflegepolicen

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Private Krankenversicherung (SYMBOLFOTO: DPA) 
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Mit neuen Unisex-Tarife steigt das Beitragsniveau für Kranken- und Pflegepolicen massiv an. Die Branche legt ihre Kalkulation jetzt offen.
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München/MZ. 

Die junge Frau wirbt penetrant. "Männer aufgepasst, Krankenversicherungen werden teurer, bis 20. Dezember Vorteile sichern", wiederholt sie im TV-Spot eines Versicherers immer wieder. Birgit König und Harald Benzing können das nur bestätigen. Auch in der Kranken- und Pflegeversicherung bringen die neuen, ab 21. Dezember geltenden Unisex-Tarife dem bislang teueren, weiblichen Geschlecht keine Vergünstigung, aber Männern einen Preisschub, bedauern die Chefs von Allianz Krankenversicherung und Bayerischer Versicherungskammer. Das Beitragsniveau steige entsprechend, habe eine Umfrage im Verband Deutscher Krankenversicherer ergeben.

Die Preissprünge sind massiv. Bislang sind private Krankenpolicen für junge Männer im Schnitt gut 20 Prozent billiger als für Frauen. Bei Pflegepolicen beträgt der Unterschied sogar 40 Prozent. Nach dem Willen der EU darf es demnächst keine Ungleichbehandlung mehr geben. Wenn Frauen aber erwartet haben, nun günstiger wegzukommen, können sie diese Hoffnung endgültig begraben.

Die neuen Einheitstarife werden branchenweit auf dem Niveau jetziger Frauentarife liegen, stellen König und Benzing klar. Abgesprochen habe man sich nicht. Die neue Kalkulation sei zwingend. Verantwortlich sind aber nicht die Unisex-Tarife an sich. Die Assekuranz nutzt die Umstellung vielmehr, um ihre Tarife grundsätzlich neu zu gestalten und sie zum Beispiel um neue Leistungen wie Psychotherapie zu ergänzen. Das wirkt beitragssteigernd. Den größten Effekt hat die Absenkung des Rechnungszinses von 3,5 Prozent auf empfohlene 2,75 Prozent.

Das ist der kalkulierte Prozentsatz, mit dem Versicherer ihre Kundengelder anlegen, um aus Kapitalerträgen die Aufwendungen für Krankheitskosten mitzufinanzieren. Weil die Marktzinsen stark gesunken sind und absehbar im Tief bleiben, senken Versicherer diesen Rechungszins realistischerweise ab. Das heißt zugleich, dass mehr Geld durch die Beiträge der Versicherten erwirtschaftet werden muss, um Arztrechnungen zu begleichen. Allein das hebe das Beitragsniveau für neue Unisex-Tarife um rund fünf Prozent, rechnet Benzing vor.

Die Gleichsetzung alter Frauen- und neuer Unisex-Tarife macht für die Branche einiges einfacher. Ursprünglich galt es als schwer kalkulierbar, wie Bestandskunden auf neue Unisex-Tarife reagieren. Lägen sie preislich zwischen heutigen Männer- und Frauentarifen, wäre eine unabsehbare Zahl dann teuer versicherter Frauen in die neuen Unisex-Tarife gewechselt. Denn im Gegensatz zu anderen Policen gibt es in der Krankenversicherung ein Wechselrecht. Wenn es aber keinen Unterschied zwischen heutigen Frauen- und künftigen Unisex-Tarifen gibt, wechselt niemand.

"Das ist schlüssig", sagt der Axel Kleinlein zur Kalkulation der Assekuranz bedauernd. Er ist Vorsitzender des Bunds der Versicherten (BdV). Auch die 40-prozentige Erhöhung des Niveaus in der Pflegeversicherung sei nachvollziehbar. Pflegekosten fielen hier erst im hohen Alter an. Über die Jahre summiert sich der Rechnungszinseffekt hier stärker auf. Falls ein junger Mann plant, eine private Kranken- oder Pflegepolice zu kaufen, solle er das besser tun, bevor die Unisextarife kommen. Wer keine solche Versicherung braucht, solle sich aber nicht von der Werbung verführen lassen.