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Silicon Valley: Ingenieurin aus Leißling geht ins Tal der Tüftler

Uhr | Aktualisiert 31.12.2012 17:09 Uhr

Anja Bog, IT-Ingenieurin aus Sachsen-Anhalt, zieht es für einige Jahre in die USA. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)

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Eine IT-Ingenieurin aus dem Burgenlandkreis arbeitet künftig im Mekka ihrer Zunft - im kalifornischen Silicon Valley. Warum sie in ein paar Jahren zurückkommen will.
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Potsdam/Leissling/MZ. 

Sie lebt schon seit Jahren nicht mehr in Leißling. Doch wenn der kleine Ort bei Weißenfels zum "Eierbetteln" einlädt, immer am Sonntag nach Pfingsten, versucht sie stets dabei zu sein. Wenn viele der rund 1 600 Einwohner nach einem alten Brauch kostümiert durch die Straßen ziehen und um Eier und andere Naturalien und Gaben bitten, wenn ein Festumzug sich durchs Dorf bewegt, "dann steht ganz Leißling Kopf", sagt Anja Bog. Ob sie das im kommenden Jahr miterleben kann, ist ungewiss. Nicht mehr lange, dann tritt die 30-jährige IT-Ingenieurin, geboren in Blankenburg (Harz), aufgewachsen in Weißenfels und Leißling, einen neuen Job in den USA an. Erster Arbeitstag: 15. Januar.

Ort mit besonderem Spirit

Es ist nicht irgendein Job. Bog hat eine Stelle bei der zum Software-Konzern SAP gehörenden Computerfirma SAP Labs im kalifornischen Silicon Valley. Dort also, wo die hochkarätigsten IT-Spezialisten versammelt sind. Wo die Großen der Branche ihren Sitz haben. Wo, der Legende nach, Tüftler in Garagen den Grundstein für multinationale Konzerne und ihren eigenen Reichtum gelegt haben. Das Mekka für Software-Entwickler. "Der Ort hat einen ganz besonderen Spirit", schwärmt Anja Bog.

Die hochgewachsene blonde Frau ist Spezialistin für Datenbanken. Bisher war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, einer Elite-Schmiede für Software-Ingenieure. Dort hat sie Software-System-Technik studiert und ist vor kurzem promoviert worden - mit der Bestnote "Magna cum laude". In ihrer Dissertation hat sie im Bereich neuartiger Datenbanken für die Wirtschaft geforscht. Dabei geht es darum, Datenbestände zu optimieren. So soll Unternehmen das tägliche Geschäft erleichtert werden.

Damit wird sie sich auch an ihrem neuen Arbeitsplatz in den USA beschäftigen: "Es geht darum, neue Ideen zu entwickeln, zu zeigen, was in diesem Bereich machbar ist." Im Team mit Kollegen ihrer neuen Firma, die rund 2 000 Beschäftigte hat. Und in engem Kontakt mit den Kunden. "Ich werde sicher nicht den ganzen Tag im Büro sitzen, sondern auch mal rausfahren zu Unternehmen." Höchste Zeit, findet Anja Bog. "Während der vier Jahre meiner Dissertation habe ich genug Zeit am Rechner verbracht", sagt sie lachend.

Völliges Neuland ist die neue Stelle für sie nicht. Die 30-Jährige kennt das Unternehmen, war schon ein paar Mal dort. "Wir haben einige Projekte zusammen gemacht." Kein Wunder: Hasso Plattner, der über eine Stiftung bisher mehr als 200 Millionen Euro aus seinem Privatvermögen in das Potsdamer IT-Institut gesteckt hat, war bis 2003 Vorstandsvorsitzender der Software-Schmiede SAP. Heute leitet er den Aufsichtsrat des Konzerns. So kommt eins zum anderen. Irgendwann hat Anja Bog im Gespräch mit US-Kollegen von SAP Labs mal Interesse geäußert, dort mitzuarbeiten. Monate vergingen, doch dann kam die Zusage. "Es liegt ja nahe", sagt sie, "dass sich SAP nicht jemanden von außen sucht." Drei bis fünf Jahre will Anja Bog im Silicon Valley bleiben. Was danach kommt, ist ungewiss. Fest steht für sie aber schon jetzt: "Ich komme auf jeden Fall wieder nach Deutschland zurück."

Familie als Anker

Die Vereinigten Staaten seien ein tolles Land, aber dort dauerhaft leben? Nein, findet Bog. Deutschland ist ihr näher, ihre Heimat der Burgenlandkreis. Ihre Familie ist ein wichtiger Anker für sie. Auch ihre zwei Jahre jüngere Schwester lebt in Leißling. "Irgendwann möchte ich selber Kinder haben. Dann wäre es schon schön, wenn ich in der Nähe meiner Familie sein könnte."

Vorerst aber will die IT-Ingenieurin erst einmal mit ihrer Karriere vorankommen, wie sie sagt. Erst in den USA. Dann in Deutschland. Vielleicht sogar in Sachsen-Anhalt? Wer weiß? Derzeit sieht Bog im Großraum Berlin / Potsdam allerdings bessere Chancen für Software-System-Spezialisten. "Die Firmen, die für mich in Frage kommen, sitzen eher dort als in Sachsen-Anhalt." So gebe es gerade in Berlin unzählige Start-up-Unternehmen. Eine Laufbahn an der Uni kann sie sich dagegen nicht vorstellen: "Ich möchte praktisch arbeiten und etwas wachsen sehen."

An den Weihnachtsfeiertagen hat Anja Bog noch einmal ihre Eltern in Leißling besucht. Das letzte Mal für einen wohl längeren Zeitraum. Ihr Trost: Ihr Verlobter Peter Weigt, der aus Bismark in der Altmark stammt, ist mitgekommen in die USA. "Ein wenig haben wir darauf auch hingearbeitet", sagt Bog und freut sich, dass es geklappt hat. Weigt, auch am Hasso-Plattner-Institut eingeschrieben, will in Kalifornien ein Praktikum absolvieren und sein Masterstudium fortsetzen.

Mit ihren Eltern, das hat Bog sich vorgenommen, wird sie regelmäßig skypen. Vor mehr als zehn Jahren war an Videotelefonie zwischen den USA und Deutschland noch nicht zu denken. 2000 und 2001 war Anja Bog als Au-pair-Mädchen schon einmal in den Staaten, in Atlanta / Georgia. "Damals war ich froh, dass ich gleichzeitig telefonieren und im Internet surfen konnte."

Auch an ihren ersten PC zu Hause in Leißling kann Anja Bog sich noch gut erinnern. 1996, mit 14, hat sie ihn sich von Geld gekauft, das sie zur Jugendweihe geschenkt bekam. "Ich war damals die erste in meiner Klasse, die einen eigenen Computer hatte" - ihrem technik-affinen Vater sei Dank. Die Festplatte des Rechners fasste 1,2 Gigabyte - sensationell für damalige Verhältnisse. "Kriegen wir nie voll!", sagte ihr Vater. Heute kann die IT-Spezialistin darüber nur müde lächeln. Ein handelsübliches Notebook, sagt sie, habe einen Speicherplatz von rund 500 Gigabyte.

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