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Neuanfang: Ausweg Dorfladen

Uhr | Aktualisiert 30.12.2012 20:29 Uhr
Kleiner Laden - großer Service. Lysann Branditz aus Lieskau (Saalekreis) will ihre Chance nutzen. (FOTO: GÜNTER BAUER) 
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Weniger Geld, mehr Arbeit: Eine ehemalige Schlecker-Mitarbeiterin macht sich selbstständig und eröffnet auf dem Land ein eigenes Geschäft.
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Lieskau/MZ. 

Es klingelt in der Kasse. Die Kundin packt ein und erzählt, dass sie heute backen will. Und dann vergisst sie doch den Puderzucker... Jetzt muss sich die Verkäuferin entscheiden. Stellt sie die Ware einfach wieder ins Regal? Lysann Branditz eilt hinterher und rettet damit das Kuchenglück. Diesen Dienst am Kunden hat die Ladeninhaberin noch bei Schlecker gelernt. Nach dem Trubel um die Konzernpleite arbeitet die 36-Jährige jetzt aber auf eigene Rechnung - in Lieskau bei Halle. Mitten im Dorf, wo sie zehn Jahre lang die Schlecker-Frau aus dem kleinen Ort gewesen ist.

Die Entscheidung, im Sommer einen Neuanfang zu wagen, ist ihr nicht leicht gefallen. Aber erst 40 Prozent, weiß sie, der ehemaligen Schlecker-Angestellten haben inzwischen wieder Arbeit. Das motiviert die Mutter zweier Kinder. "Ich will einfach keine Bittstellerin mehr sein." Dafür geht die gelernte Friseurin, obwohl es nach eigener Aussage nicht ihrem Naturell entspricht, sogar ein Risiko ein: den Weg in die Selbstständigkeit.

Schritt für Schritt geht es voran, gemeinsam mit Annett Siebecke, ihrer Kollegin aus alten Schlecker-Tagen. Mit Unterstützung des Arbeitsamtes entwickelt das Duo einen Plan für die Existenzgründung. Der Bedarf an einem Tante-Emma-Laden ist da, glauben die beiden Frauen. "Bei uns gibt es viele Leute, die gar kein Auto haben, ältere Menschen vor allem", sagt Branditz. Das überzeugt. Der Existenzgründerzuschuss ist genehmigt: 300 Euro im Monat, ein Jahr lang. Allein damit ist freilich kein Laden zu machen.

Ein fester Posten, der immer pünktlich beglichen werden muss, ist beispielsweise die Miete für das gut 100 Quadratmeter große Geschäft. Auch wenn man sich als Karnevalisten seit vielen Jahren kennt, der Konditor von nebenan als Eigentümer kann auch keine Geschenke machen. Außerdem müssen, bevor es losgeht, erst Elektrokabel gezogen, Regale aufgestellt werden. Eine Tiefkühltruhe kommt hinzu, auch eine moderne Ladentheke. Damit ihr Traum vom "Lies-Kauf" in Erfüllung geht, müssen die Unternehmerinnen auch ihr Erspartes angreifen.

Die vielen Blumen, die Freunde, Verwandte und Geschäftspartner zur Eröffnung bringen, sind längst verwelkt. Aber dafür läuft das Geschäft besser als gedacht, auch manchem Miesepeter in der Umgebung zum Trotz. Seit vier Monaten geben sich die Kunden die Klinke in die Hand. Das Angebot ist breit gefächert: Lebensmittel, Getränke, Zeitschriften, Waschmittel, Tiernahrung und diverse gute Dienste von der Lotto-Annahme über die Reinigung bis zum Versandhandel. Eier und Äpfel liefern Direkterzeuger aus der Nachbarschaft. Auf aktuelle Nachfragen reagiert das Team prompt, recherchiert im Internet, kontaktiert den Großhandel und kann meist schon nach kurzer Zeit helfen.

Und es gibt auch manches, was man nicht unbedingt hier erwartet und trotzdem gut ankommt. "Gutes Vogelfutter zum Beispiel", bestätigt Tierfreundin Ramona Drauschke zufrieden. Nach ihr kommt Gerda Olscheweski, die für das Enkelkind große Wunderkerzen kauft. "Ich bin sehr froh, dass es diesen Laden gibt." Sonst müsste sie wegen jeder Kleinigkeit nach Halle fahren. Genau so sieht es Uli Liesegang, der Leberwurst im Glas und zwei Trauerkarten kauft. Einem anderen Mann verhilft Lysann Branditz kurz vor dem Jahreswechsel vielleicht noch zum ganz großen Glück. Der Glücksspieler erwirbt bei ihr Lotto-Scheine im Wert von immerhin 181 Euro.

Ob Aufwand und Nutzen in einem guten Verhältnis stehen, erfahren Branditz und Siebecke erst nach Ladenschluss. Wenn andere die Tagesschau anschalten, machen die Frauen ihre Abrechnung, geben Bestellungen auf, bezahlen Rechnungen. Wie das funktioniert, wissen sie aus Schlecker-Zeiten. Doch jetzt zahlen sie ihren Lohn aus der eigenen Kasse. 14 Euro pro Arbeitsstunde wie in der Drogerie sind bislang nicht drin. "Aber doch mehr, als ich irgendwo als Aushilfe kriegen würde", so Branditz. Dass wie einst vier Wochen bezahlter Urlaub möglich sind, erwartet sie nicht. "14 Tage im Sommer wären aber ganz schön, Chefin." Das sagt ihr Mann David. Er betreibt einen Hausmeister-Service und hält den Laden sauber.

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