In einem Seniorenpflegeheim wird eine Patientin von einer Pflegerin betreut. In Deutschland arbeiten immer mehr Menschen am Wochenende, in der Nacht oder im Schichtbetrieb. (BILD: DPA)
Länger, später, eigentlich immer – mehr und mehr Beschäftigte in Deutschland arbeiten in Schichtdiensten, an Wochenenden und zu nachtschlafender Zeit. Zwischen 2001 und 2011 hat die Zahl der Arbeitnehmer, die an Wochenenden und nach 18 Uhr ihrem Broterwerb nachgehen, stark zugenommen. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervorgeht, arbeitete 2011 jeder vierte abhängig Erwerbstätige an einem der beiden Wochenendtage. Gegenüber 2001 stieg die Zahl von 6,74 Millionen auf 8,9 Millionen regelmäßiger Sonnabend- oder Sonntagsdienstler.
48 Wochenstunden nicht selten
Eine ähnliche Tendenz weisen die Daten für Abend- Nacht- und Schichtarbeit auf. Gut 15 Millionen Menschen, das sind 42,7 Prozent der Beschäftigten, waren 2011 zwischen 18 und 23 Uhr erwerbstätig. Zehn Jahre zuvor waren es mit 10,76 Millionen noch beträchtlich weniger. Zwischen 23 und 6 Uhr gingen 2011 bereits 5,1 Millionen Menschen arbeiten im Vergleich zu 4,3 Millionen zehn Jahre zuvor.
Unterdessen wuchs auch der Anteil jener, die mehr als 48 Wochenstunden im Beruf stehen, von 4,8 auf 5,4 Prozent der abhängig Beschäftigten. In absoluten Zahlen: von 1,56 auf 1,92 Millionen. Es fällt auf, dass sich die berufliche Mehrbelastung auf manche Berufsgruppen konzentriert. Seelsorger und Friseurinnen, Pflegeberufe und Mediziner, Logistiker und Kraftfahrer, Verkaufspersonal, Bäcker und Landarbeiter, Hotel- und Gaststättenberufe sind häufiger von Arbeitszeiten an Wochenenden und am Abend betroffen als andere.
Im Wechselschichtdienst überwiegen Maschinenleiter und -Einrichter, Metallarbeiter und Gießer, sowie Mitarbeiter in Papier-, Spinnerei- und Textil-Betrieben. Besonders lange Arbeitszeiten leisten Führungskräfte, Kraftfahrer, Lehrer, Büroangestellte und Kaufleute sowie Ingenieure.
Die Ursachen liegen auf der Hand: Immer mehr Maschinen laufen der optimalen Auslastung willen im Vierschichtbetrieb; Ansprüche an die Flexibilität der Mitarbeiter steigen ebenso rasch wie die Ansprüche der Kunden auf Späteinkäufe, Online-Shopping und prompte Anlieferung. Besonders gut qualifizierte Kräfte erliegen der „interessierten Selbstgefährdung“: Sie verhalten sich wie Selbstständige, arbeiten bis zur Erschöpfung, um unternehmerische Ziele zu erreichen – und ruinieren damit nicht selten ihre Gesundheit.
Die Psyche leidet
Die drastische Zunahme psychischer Erkrankungen ist gewiss nicht allein, aber doch wesentlich wachsendem Druck und steigenden Ansprüchen am Arbeitsplatz geschuldet. Nach einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes aus dem vergangenen Jahr nahm die Zahl der psychisch bedingten Krankheitstage zwischen 2001 und 2010 von 33,6 auf 53,5 Millionen im Jahr zu.
Darin steckt, so makaber es klingt, auch ein Funke Hoffnung: Der betriebswirtschaftliche Nutzen des Flexibilisierungsdrucks stößt an Grenzen, wenn Mitarbeiter massenhaft krank werden. Weitsichtige Arbeitgeber haben das erkannt und pflegen ihr Personal, auf dass es seine Leistungskraft erhalte. Gewiss nicht nur uneigennützig hat Volkswagen Geschäftsmails an Mitarbeiter nach Feierabend untersagt. Ein Gewinn für das Unternehmen und seine Beschäftigten.
Die Arbeitsmarktexpertin der Linksfraktion im Bundestag, Jutta Krellmann, nannte die Zahlen alarmierend. „Der Psychostress ist eine tickende Zeitbombe in der Arbeitswelt und muss endlich eingedämmt werden.“ Sie fordert wie die IG Metall eine Anti-Stress-Verordnung im Arbeitsschutzgesetz.