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Mopeds von Unumotors: Rückkehr der Roller

Der Jungunternehmer Pascal Blum (sitzt auf einem E-Roller) und Elias Atahi sind nach Berlin umgezogen. An der Spree wollen sie neue Modelle entwickeln und einen weltweiten Vertrieb aufbauen.

Der Jungunternehmer Pascal Blum (sitzt auf einem E-Roller) und Elias Atahi sind nach Berlin umgezogen. An der Spree wollen sie neue Modelle entwickeln und einen weltweiten Vertrieb aufbauen.

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AKUD/Lars Reimann

Halle (Saale) -

Im Grunde hatte alles mit einem Zufall angefangen. Damit, dass sich die Mainzer Schulfreunde Elias Atahi und Pascal Blum ein paar Jahre nach der Abi-Prüfung als Studenten via Facebook in Peking wiederfanden. Wäre das nicht geschehen, stünde diese Fabriketage am Berliner Landwehrkanal nun womöglich leer, und es wäre ziemlich still hier.

Blum und Atahi stehen in der vierten Etage am Fenster und schauen auf einen vorbeifahrenden Zug der U1. Hinter ihnen sitzen junge Leute vor Laptops. In einer Nische faucht eine Espressomaschine, zwei Männer knien vor bunten Motorrollern, an der Wand hängt eine Deutschlandkarte, und von nebenan dringt das Klacken eines Tischtennisballs herüber.

Montage erfolgt in China

Hier wollen die beiden Jungakademiker mit ihrem Start-up zeigen, dass Elektromobilität eigentlich kein Problem ist, und Fahrzeugbau im 21. Jahrhundert nicht mehr viel gemein haben muss mit dem, was man bei VW in Wolfsburg während einer einstündigen Werksbesichtigung erleben kann. Den Elektroroller-Fabrikanten von Unumotors genügen dafür 200 Quadratmeter am Tempelhofer Ufer.

Die Firma ist erst vor wenigen Tagen von München in dieses Haus gezogen, in dem vor etwa 140 Jahren die Norddeutsche Gummi- und Guttapercha-Waaren-Fabrik AG gegründet wurde. Damals stellte man hier Spielzeug her, und als wären die aktuellen Nachmieter dieser Tradition verpflichtet, haben sich Elias Atahi und Pascal Blum mit spielerischem Leichtmut vorgenommen, von hier aus Europas Großstädte zu retten. Jedenfalls wollen sie in Europa damit anfangen.

„Wir haben in Peking und Shanghai gesehen, wo unsere Metropolen in vielleicht zehn Jahren sein werden“, sagt der 26-jährige Atahi. Die Städte würden weiter verstopfen und an Lebensqualität verlieren. Dass eine Renaissance des Motorrollers, freilich in elektrifizierter Form, bei der Lösung dieses Problems helfen könnte, darauf sind vor Unumotors auch schon andere gekommen. Bekanntermaßen produziert BMW in Berlin-Spandau einen 15 000-Euro-Roller und anderswo gibt es Stromscooter für 3 000 Euro. Bei Unu aber sollte ein Roller schon für 1 500 Euro zu bekommen sein. Das war die Idee. Das motorisierte Citybike sollte wieder cool und massentauglich werden.

Dafür kalkulierten Betriebswirt Blum und Elektrotechniker Atahi ohne Lagerkosten und ohne Händlermargen, weshalb es in der Unu-Welt nur das Produkt, die Fabrik und den Nutzer gibt. Es läuft ein bisschen wie bei Apple und Foxconn, wobei die eigene Entwicklungsleistung eher überschaubar ist. Denn zunächst ist ein Unu-Scooter kaum mehr als ein modifizierter und mit hochwertiger Panasonic-Batterie bestückter Yamaha-Roller. Unu kauft die Teile und lässt daraus in China seine Zweiräder auf Bestellung montieren.

Unu-Roller im Online-Shop

Wird nun in Leipzig oder Düsseldorf ein Unu-Roller im Online-Shop geordert, wird dieser am folgenden Montag in China zusammengeschraubt, verpackt und verschifft, und rund fünf Wochen später steht der Scooter samt montiertem Nummernschild, TÜV-Zertifikat und geladenem Akku in einer Box vor der Haustür des Bestellers. Komplettpreis: 1.700 Euro. Um das Projekt zum Laufen zu bekommen, halfen zwei Investoren mit zusammen 100 000 Euro. Als dann die Firma im vergangenen Sommer an den Start ging, wurde Michael Baum aus dem Silikon Valley auf sie aufmerksam, jener Start-up-Großförderer, der mit seinen Investments bereits 3 000 Jobs und 150 Millionäre initiiert haben soll.

Die drei trafen sich zu einem Essen, und nach 15 Minuten habe Baum per Handschlag die Zusage für 1,2 Millionen Euro gegeben, erzählt Atahi. „Das war irre!“ Inzwischen ist Unu republikweit in 30 Städten vertreten. Dort haben sie jeweils eine Bosch-Niederlassung als Servicepartner akquiriert.

Aber längst sind die Elektro-Partisanen dabei, mit ihrem massenkompatiblen Asphalt-Pop im Vespa-Stil den knatternden Benzin-Rollern europaweit den Kampf anzusagen und sich der Generation Facebook als saubere und spaßige Fortbewegungsart zu empfehlen. Bis zum Jahresende will Unu zwischen Oslo und Madrid in 200 Städten vertreten sein und rekrutiert dafür bereits in den Metropolen des Kontinents sogenannte Unu-Pioniere, die Probefahrten und Service organisieren sollen. Dabei geben sie sich wenigstens so siegessicher wie ein Profiboxer vor einem WM-Fight. „Wenn alles gut läuft, werden wir auch schon den Schritt nach Amerika schaffen.“

Fonds investieren in die Firma

Und eben das will Unu von Berlin aus angehen. „Wir haben uns gut überlegt, welche die beste Stadt wäre, um Unu wirklich groß zu machen“, sagt Atahi, und dass dafür letztlich nur zwei Städte infrage gekommen seien: San Francisco und Berlin. In beiden Städten sei die urbane Struktur, das Ökosystem für Start-ups und die kulturelle Vielfalt perfekt. Am Ende hätten die Kosten für die Spree gesprochen.

Zu zweit hatten Blum und Atahi angefangen, zu acht sind sie von München nach Berlin gezogen. Hier sind sie mittlerweile 16. Zum Jahresende sollen bis zu 100 Mitarbeiter zur Firma gehören. Bis dahin wird Unumotors 9.000 Roller verkauft haben und das Jahr mit einem Umsatz von 20 Millionen Euro abschließen. Doch das ist für Unu nur ein Zwischenziel.

Gerade haben die beiden Roller-Rebellen die nächste Finanzierungsrunde unter Dach und Fach gebracht. Der Venture-Capital-Fonds Capnamic stellte Unu 1,6 Millionen Euro zur Verfügung. Damit sollen Expansion und Produktentwicklung vorangetrieben werden. Denn im nächsten Jahr soll der erste wirklich eigene Roller startklar sein, selbst entwickelt. „Wir sind wie Tesla“, sagt Elias Atahi und verweist darauf, dass der E-Mobil-Bauer aus Kalifornien ebenfalls mit einem umgebauten Lotus Elise, einem Elektromotor und Panasonic-Akkus angefangen hatte. „Jetzt baut Tesla eigene Autos, und wir machen das auch so“, sagt der Unu-Chef, der längst darüber nachdenkt, ob es nicht endlich Zeit wäre, die Deutschlandkarte durch eine Weltkarte zu ersetzen. (mz)