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Manufaktur: Handgemachte Uhren aus der Börde

Uhr | Aktualisiert 24.11.2012 17:52 Uhr

Dirk Dornblüth führt seit 1996 die Werkstatt seines Vaters in Kalbe/Milde, die inzwischen selbst Uhren herstellt. (FOTO: MZ)

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Der 45-jährige Uhrmachermeister Dirk Dornblüth hat im ländlichen Kalbe eine erfolgreiche Edel-Uhrenschmiede etabliert. Dank des Internets finden Kunden aus aller Welt die einzigartigen Produkte aus der Börde.
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Halle (Saale)/MZ. 

Stopp! Da war eine Uhr am Hausgiebel zu sehen. Also wenden. "Uhren drängen nicht zur Eile", heißt es auf der Internetseite von "D. Dornblüth & Sohn". Wohl wahr. Wer zum Uhrmachermeister will, sollte dies beherzigen und sein Fahrtempo drosseln. Auch, weil man einen dieser schmalen Stege überqueren muss, die über das Flüsschen "Milde" führen. Als "Stadt der 100 Brücken" bezeichnet sich das altmärkische Kalbe gern. "Die von weit her gereisten stehen dann auf unserem Hof und sind erst mal verwundert ob der ländlichen Idylle", sagt Dirk Dornblüth und lacht. Auf dem Firmenhof, eher ein Firmengarten", stehen Apfelbäume: "Kaiser Wilhelm", sagt Dirk Dornblüth und zeigt auf rotbäckige Früchte. Ländliche Idylle - das Sehnsuchtsgefühl nach Abkehr von Großstadthektik und Arbeitsstress liegt hoch im Trend. Eine Uhrenmanufaktur, die gerade dabei ist, sich neben "Rolex", "Lange & Sohn" und "Glashütte" einen Platz zu erobern, wird hier eher nicht vermutet.

"Kommen Sie mit", Dirk Dornblüth geht voran in seinen Beratungsraum. Durch die großen Fensterscheiben bleibt der Garten im Blick. In modernen Vitrinen präsentiert der 45-jährige Uhrmachermeister seine selbst entworfenen Modelle. Wer sich nach Beratung für eines entscheidet, bekommt die eigens für ihn und nach seinen Wünschen angefertigte Uhr, ein Unikat.

"Manchmal sitzen wir in unserem eigenen Beratungsraum und hören einfach nur dem Ticken des Uhrwerks zu", sagt Dirk Dornblüth. Wie eine Dampfmaschine sieht die Zeitmaschine aus, die dem Innenleben einer alten Turmuhr nachempfunden ist. Nur wenn dieses Uhrwerk regelmäßig aufgezogen wird, zeigt das Ziffernblatt draußen am Hausgiebel die richtige Zeit. Die Uhr erinnert die Familie an jene Zeit, als Dirk Dornblüth auf seinen Fahrten übers altmärkische Land ganz genau hinsah, wo gerade wieder eine der schönen alten Dorfkirchen im bürgerschaftlichen Engagement erneuert wurde. Er bot in den Orten sein Expertentum beim Reparieren der Uhr am Kirchturm an und erhielt so manch einen Auftrag, der dem Handwerksmeister ersetzte, was an anderer Stelle nach der Wende weggebrochen war.

Seit sich jeder schon für relativ wenig Geld eine modische neue Uhr kaufen kann, läuft das Geschäft mit dem Reparieren von Uhrwerken längst nicht so gut wie einst in der DDR. 1962 hatte Vater Dieter Dornblüth die Werkstatt übernommen, seit 1996 wird sie vom Sohn geführt.

Der also baut mittlerweile eigene Uhren. Stolz und behutsam nimmt er sie aus seinen Vitrinen, wenn von weither Kunden in das altmärkische Kalbe angereist kommen. Wenn man die Uhren umdreht, ist deren Laufwerk zu sehen; ist zu beobachten, wie die goldenen Zahnrädchen ineinander greifen und im wörtlichen Sinne mit der Zeit gehen. Und: Man kann sie dabei hören. Die Uhren Marke "D. Dornblüth & Sohn" sind tickende Begleiter. "Wer vergisst, sie aufzuziehen, verliert die Zeit", sagt Dirk Dornblüth sinnig lächelnd: "Mit ihrem leisen Ticken erinnern sie uns daran, die Zeit nicht zu vergessen. Und sie nicht zu vergeuden!"

Mit der Zeit tatsächlich beinahe vergessen hatte Vater Dornblüth seinen Jugendtraum. Er fand ihn wieder, als er in seinem Sohn den jungen Tüftler sah, der er selbst einmal war. Im Tagesgeschäft waren Vaters Entwürfe eines eigenen Uhrwerks in der Schublade verschwunden. Als sein Sohn Dirk ihm zum 60. Geburtstag 1999 eine selbst entworfene Armbanduhr schenkte, fühlte Dornblüth senior, es sei an der Zeit, seine Pläne vorzuzeigen.

Dirk Dornblüth führt durch die Produktionsräume. Ist hier die Zeit stehen geblieben? Die meisten Maschinen sind längst im Oldtimer-Alter. Anfangs, sagt Dirk Dornblüth, habe er aus Kostengründen alte Maschinen gekauft. Inzwischen sei es zu seiner Arbeitsphilosophie geworden, so viel wie möglich von den alten Gerätschaften als auch von den manuellen Techniken des Uhrmacherhandwerks zu erhalten. Inzwischen hat der Meister seines Faches längst bewiesen, dass man zum Herstellen feinster Uhrenmechanik nicht zwangsläufig aufwändige Technik braucht.

Einen Raum weiter sitzt dann doch ein Mitarbeiter an einem Gerät der Neuzeit. Er entwickelt gerade eine Computer-Animation, so dass die Funktionsweise eines Dornblüth-Uhrenlaufwerks auch auf der Internetseite bestaunt werden kann. Überhaupt macht es maßgeblich das Internet möglich, dass Kunden aus der ganzen Welt von den Uhren "D. Dornblüth & Sohn" erfahren, obwohl der Firmensitz so abgeschieden in der Altmark liegt. Der Exportanteil der Firma liegt bei stolzen zwei Dritteln.

Dornblüth, mittlerweile auch ein Meister im Umgang mit der Zeit, drängt seine Angestellten nicht zur Eile. Es würde dem Handwerksprodukt schlecht bekommen. Zirka zehn qualitativ hochwertige Uhren baut die Manufaktur im Monat, 120 im Jahr. Für das filigrane Handwerk braucht man Zeit und ruhige Hände. Dornblüth weiß: Seine Kunden schauen sich das Laufwerk mit der Lupe an, die Zeiger müssen makellos, die Rädchen ohne Kratzer sein.

Auch Bewunderung der Arbeit eines Uhrmachers ist im Spiel, wenn Liebhaber staunend in die Mechanik schauen und dabei Entdeckungen machen, die es nur bei den Dornblüths gibt. So zum Beispiel die Funktionsweise einer Gangreserve-Anzeige mit nur drei Zahnrädern auf dem Zifferblatt. Die zeigt an, wann die Uhr aufgezogen werden muss. Vater und Sohn haben lange daran getüftelt.

Drei Jahre hatten die Dornblüths gebraucht, bis die erste eigene Uhr entwickelt war. Der "Aufstieg" in die Reihe der deutschen Hersteller von Luxusuhren gelang ohne Businessplan und ohne Markt analyse. "Wir hatten das richtige Bauchgefühl, wann die Zeit reif ist für unsere Uhr", sagt der Handwerksmeister junior. Der Kunde bekommt bei ihm die individuelle Betreuung und seine persönliche Uhr mit Gravur. Dass beinahe jedes der 350 Teile dieser "Zeitmesser" in Kalbe hergestellt wird, ist das Besondere der Dornblüth-Uhren. Aber nicht nur ihr Innenleben, auch ihr Design unterscheidet sich von anderen Luxusuhren. Das Modell "Gorch Fock I" zum Beispiel ist dem Schiffs-Chronometer des berühmten Seglers nachempfunden. Und eben gerade - zum 50. Firmenjubiläum - wurde die neue Linie "Quintus" herausgegeben.

"Uhren drängen nicht zur Eile, aber sie mahnen zur Besinnung und zur Muße, damit wir den wahren Wert des Lebens nicht vergeuden" - so steht es auf der Internetseite der Firma. Etwa seit seinem 40. Geburtstag habe er sich diesen Satz verinnerlicht, sagt Dirk Dornblüth und dass er zunehmend auch seine geschäftlichen Entscheidungen so fällt, dass sie dem Wohlbefinden dienen. Eine alte und immer wieder neue Erkenntnis gehört dazu: Uhren lassen es nicht zu, dass man schneller ist als die Zeit.