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Krise der Stahlindustrie: Was die Politik tun muss, um die Stahlindustrie zu retten

Ein Stahlarbeiter steht am Hochofen Schwelgern 1 bei ThyssenKrupp in Duisburg. (Symbolbild)

Ein Stahlarbeiter steht am Hochofen Schwelgern 1 bei ThyssenKrupp in Duisburg. (Symbolbild)

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dpa

Die Stahlindustrie steht vor der vielleicht größten Krise seit Jahrzehnten. Vor allem in China und Russland gibt es riesige Überkapazitäten, die die Preise massiv drücken. Wir erläutern, was die Politik tun kann.

Wie steht es um die deutsche Stahlindustrie?

Im vorigen Jahr ist die Menge des hierzulande produzierten Stahls nur leicht zurückgegangen. Doch die Lage hat sich zuletzt massiv verschlechtert. In den drei Monaten von Anfang November bis Ende Januar sankt die Produktion deutlich. Die Branche erwartet für dieses Jahr, dass die Rohstahlproduktion um drei Prozent auf 41,5 Millionen Tonnen sinken wird.

Kann die Branche den Rückgang der Produktion verkraften?

Drei Prozent, das hört sich nicht sehr dramatisch an. Aber das viel größere Problem sind die Preise. Sie sind nach Branchenangaben so niedrig wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Das bedeutet, viele Werke können nicht mehr profitabel arbeiten. Dies wird durch gigantische Überkapazitäten gesteigert. Die weltweiten Produktionskapazitäten sind nur noch zu zwei Drittel ausgelastet. Im Sommer lag dieser Wert noch bei knapp 73 Prozent. Zudem sind die Auftragsbestände für die 16 hiesigen Standorte eingebrochen. Vor allem von außerhalb der EU wird erheblich weniger geordert. Holger Fechner, Analyst der NordLB, sieht denn auch eine „deflationäre Tendenz“. Das bedeutet: Die Kunden der Stahlwerke, unter anderem Autobauer, bestellen nur stark zurückhaltend, weil sie erwarten, in absehbarer Zeit die gleichen Mengen Stahl zu günstigeren Preisen zu bekommen – hier können sich selbst verstärkende Effekte entstehen. 

Worauf läuft die Kombination aus negativen Nachrichten hinaus?

Die Lage der Branche in ganz Europa könnte sich in den nächsten Monaten massiv verschlechtern, wenn es mit der globalen Konjunktur weiter nach unten geht. Wichtige Märkte in Schwellenländern wie Brasilien sind bereits zusammengebrochen. Das gilt auch für Russland. Der wichtigste Faktor aber ist China – das Land mit der mit Abstand größten Nachfrage nach Stahl. Auch dort schrumpft jetzt nach vielen Jahren des Booms der Absatz. Chinesische Stahlkonzerne haben ihre Produktion zwar zurückgefahren, aber bei weitem nicht so stark wie der Bedarf gesunken ist. Deshalb werden riesige Mengen auf den Weltmarkt geworfen. Das ist der Treiber des Preisverfalls. Auch Russland gehört zu den Billiganbietern.

Wie wirkt sich dies auf die Unternehmen aus?

Der hiesige Branchenprimus Thyssenkrupp hat schwer zu kämpfen. Der Konzern konnte im letzten Quartal vorigen Jahres noch Gewinne machen, weil die Aufzugsparte extrem gut dasteht. Die luxemburgische Arcelor-Mittal, Weltmarktführer, hat 2015 einen gigantischen Verlust von 7,9 Milliarden Dollar ausgewiesen. Jetzt will sich das Management über eine Kapitalerhöhung eine Finanzspritze bei seinen Aktionären besorgen. Der Konzern, der auch im Eisenerz-Geschäft aktiv ist, leidet auch unter den sinkenden Rohstoffpreisen.

Was droht der Branche?

Wirtschaftsminister aus allen wichtigen EU-Staaten haben in einen Brandbrief an die EU-Kommission vor dem Zusammenbruch der Branche auf dem Alten Kontinent gewarnt. Tausende von Arbeitsplätzen seien in Gefahr. Wobei die Stahlindustrie sich in einer Art Dauer-Konsolidierung befindet. In Indien, China oder anderen Schwellenländern ist die Produktion billiger, weil Arbeiter erheblich weniger verdienen und weil dort laxere Umweltstandards gelten. In Europa sind seit 2008 gut 20 Prozent der Arbeitsplätze verschwunden – das sind 85000 Jobs. Die Minister appellieren an die EU-Kommission, vor allem gegen China vorzugehen.

Was ist China vorzuwerfen?

Milan Nitzschke, Sprecher des europäischen Industriebündnis Aegis formuliert es so: „Chinas Regierung finanziert Dumpingexperte nach Europa mit Milliardenbeträgen. Die Waren werden unter Herstellungskosten verkauft, um Wettbewerber aus dem Markt zu drängen.“ Zigtausende Stahlarbeitsplätze stünden auf dem Spiel. Die chinesische Regierung bestreitet die Vorwürfe und droht mit einem Verfahren vor der Welthandelsorganisation.

Die reagiert die EU-Kommission?

Sie hat bereits regiert. Mittlerweile hat die Behörde wegen chinesischer Stahlimporte in 37 Fällen entweder  Dumpingermittlungen eingeleitet oder bereits Sanktionen in Form von Strafzöllen verhängt - erstmals schon im Januar. Zuletzt geschah dies Ende voriger Woche gegen bestimmte Bleche, die auch  in der Autobranche gebraucht werden. Die Zölle bedeuten Aufschläge bis zu 16 Prozent für China-Stahl. Auch auf russisches Blech muss bei der Einfuhr ein Aufschlag, und zwar von bis zu 26 Prozent gezahlt werden. EU-Handelskommissarin Cecilia Malström sagte, es gelte, Waffengleichheit herzustellen. Unfairer Wettbewerb durch künstlich billige Importe könne die Kommission nicht zulassen.   

Wie geht es weiter?

Weitere Sanktionen gegen verschiedene Stahlsorten sind zu erwarten. Gleichwohl stehen auch in Europa die Stahlkocher vor der Frage, wie es langfristig weitergehen soll. Branchenkenner fordern, dass sich die Unternehmen angesichts der Überkapazitäten noch stärker auf hochwertige Produkte konzentrieren sollen und zugleich die Weiterverarbeitung ausbauen – so wie Thyssenkrupp es mit den Aufzügen macht.

Welche Rolle spielt die Handelspolitik?

Das Aegis-Bündnis hat für den heutigen Montag eine Demonstration in Brüssel organisiert. 5000 Beschäftige und Manager wollen kommen. Sie wollen gegen einen Plan der EU protestieren:  Die Kommission will China den Status einer Marktwirtschaft verleihen. Das soll den Handel erleichtern. Aegis und die Wirtschaftsvereinigung Stahl aber warnen, dass dies einen „effektiven Handelsschutz gegen China“ in Zukunft praktisch unmöglich machen werde.  Aegis-Sprecher Nitzschke fragt sich, wie man der „größten Planwirtschaft der Welt“ den Status einer Marktwirtschaft geben kann. Er befürchtet, dass sich das Problem mit dem  Dumping in Zukunft massiv ausweiten könnte. Wenn kein Einhalt geboten werde, würden bald auch die Chemieindustrie, der Maschinenbau oder die Autobranche in Mitleidenschaft gezogen würden.