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Kraftstoff: Biosprit bleibt Ladenhüter

Uhr | Aktualisiert 17.02.2012 23:36 Uhr
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Raffinerie in Leuna

Die Raffinerie in Leuna gehört zu den modernsten in Europa. Der Standort soll wettbewerbsfähig bleiben. (FOTO: WÖLK)

Der Anteil von E 10 liegt bei 15 Prozent. Die Raffinerie Leuna will im harten Wettbewerb bestehen.
Leuna/MZ. 

Die Raffinerie-Landschaft in Deutschland steht vor einer Zäsur. Nicht jede Anlage wird in dem zunehmend härteren Wettbewerb bestehen. "Unser Ziel ist, dass es auch 2050 noch eine Raffinerie am Standort Leuna gibt", sagt Geschäftsführer Reinhard Kroll. MZ-Redakteur Dirk Skrzypczak hat mit ihm über den Konkurrenzkampf, die Energiekosten und den Biosprit E 10 gesprochen.

Herr Kroll, ärgern Sie sich auch über die Preissprünge an Tankstellen?

Kroll: Nein, denn ich kenne die Hintergründe. Der Wettbewerb wird angetrieben von Angebot und Nachfrage und den Einkaufspreisen für Rohstoffe und Mineralölprodukte. Wenn sich die Preise an den Zapfsäulen oft verändern, ist das ein Zeichen für einen knallharten Wettbewerb.

Die Bundesregierung geht in ihrem Energiekonzept davon aus, dass es bis 2050 nur noch maximal fünf Raffinerien in Deutschland geben wird. Was macht Sie optimistisch, dass Leuna dazugehört?

Kroll: Wir gehören zu den modernsten und effizientesten Raffinerien in Europa. Künftig wird es mehr denn je entscheidend sein, zu vernünftigen Kosten Benzin, Diesel oder Treibstoff für Flugzeuge herstellen zu können. Derzeit haben wir in Deutschland 14 Raffinerien, von denen 13 noch produzieren. Diese Kapazitäten wird es so in einigen Jahren nicht mehr geben, da der Absatz von Kraftstoffen und Heizöl rückläufig ist. Wir tun aber alles dafür, damit die Raffinerie in Leuna zu denen gehört, die den Markt auch weiter versorgen.

Zu Ihren Produkten gehört der Biosprit E 10, den die Mehrzahl der Verbraucher nicht will. Wie hoch ist der E-10-Anteil an der Gesamtproduktion heute? Politik und Wirtschaft hatten mal auf 90 Prozent gehofft.

Kroll: Die Einführung von E 10 war eine Herausforderung und hat alleine Total in Deutschland Millionen gekostet. Allerdings hatte es viele Irritationen gegeben: bei Verbrauchern, in politischen Kreisen, bei Automobilclubs. Diese Diskussionen, die oft unsachlich geführt wurden, haben die Menschen verunsichert. Heute liegt der E-10-Anteil am Otto-Kraftstoff bei Total in Deutschland bei etwa 15 Prozent.

Bekommt E 10 noch die Kurve?

Kroll: 90 Prozent Anteil waren aus meiner Sicht schon ambitioniert, 80 Prozent wären akzeptabel gewesen. Mittelfristig sehe ich einen Spielraum für Steigerungsraten zwischen zehn und 20 Prozent. Das ursprüngliche Ziel von 80 bis 90 Prozent müssen wir aber weit in die Zukunft schieben.

Das Hin und Her - erst mussten Sie die Anlagen umrüsten, dann wieder die Produktion von Super hochfahren - hat viel Geld gekostet. Wie fällt das wirtschaftliche Fazit der Raffinerie für 2011 aus?

Kroll: Gemischt, zufrieden können wir nicht sein. Dass 2011 schwierig war, lag nicht nur an E 10. Die internationalen Bedingungen haben sich für Raffinerien nicht positiv entwickelt. Der Erdölpreis ist gestiegen, die Gewinnmargen für die Raffinerien sind aber gesunken.

2010 hatten Sie mit einem Umsatz von 5,7 Milliarden Euro schwarze Zahlen geschrieben. Wie ist die Bilanz im abgelaufenen Jahr?

Kroll: Wir rechnen noch. 2011 haben wir etwa 10,5 Millionen Tonnen Erdöl verarbeitet. In Jahren ohne besondere Aktivitäten waren es schon rund 11,5 Millionen Tonnen. Der niedrigere Durchsatz ist hauptsächlich mit der planmäßigen Abstellung im Juni begründet.

Sie haben es schon gesagt, das wirtschaftliche Umfeld wird für Raffinerien komplizierter. Die chemische Industrie bemängelt fehlende Stabilität gerade in der Energiepolitik.

Kroll: Nehmen wir nur den Wassercent. Uns kostet er 500 000 Euro zusätzlich im Jahr. Und das ist nur einer der Kostenfaktoren, die für uns schmerzlich sind.

Wie soll und kann die Raffinerie wettbewerbsfähig bleiben?

Kroll: Unser Hauptaugenmerk gilt weiterhin der Produktion von Benzin und Diesel. Aber der Markt ist nicht in Balance. Die Nachfrage nach Benzin sinkt, die nach Diesel steigt. Wir versuchen, so viele Fraktionen wie möglich aus dem Benzin in Richtung Diesel zu verschieben. Das geht aber nur bis zu einem gewissen Teil. Deshalb wollen wir verstärkt auch auf ein anderes Standbein setzen, nämlich die Versorgung der chemischen Industrie mit Rohbenzin.

Wird in den Standort investiert?

Kroll: Ja, wir wollen in Leuna aktiv etwas für die Zukunft tun, aber noch sind die Investitionen vom Konzern nicht genehmigt. Wir sehen einen Investitionsbedarf von 100 Millionen Euro in größere sowie weiteren 50 Millionen Euro in kleinere Projekte. Davon würden auch Firmen aus der Region als Auftragnehmer profitieren. Umso wichtiger sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Wir benötigen kalkulierbare Risiken, sonst investiert hier bald niemand mehr.