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Jeff Bezos: «Ich wollte Mr. Spock sein»

Uhr | Aktualisiert 07.01.2013 14:00 Uhr
Amazon-Chef Jeff Bezos ist einer der erfolgreichsten Internet-Unternehmer der Welt. (FOTO: DPA) 
Sein Lachen ist so laut, dass man mitunter zusammenzuckt, wenn es plötzlich aus ihm herausbricht. Und Jeff Bezos lacht oft während er spricht. Der Gründer und Präsident des weltweit größten Online-Kaufhauses Amazon wirbt vor dem Weihnachtsgeschäft für neue Produkte und Angebote.
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Halle (Saale)/MZ. 

Sein Lachen ist so laut, dass man mitunter zusammenzuckt, wenn es plötzlich aus ihm herausbricht. Und Jeff Bezos lacht oft während er spricht. Der Gründer und Präsident des weltweit größten Online-Kaufhauses Amazon ist nach München gekommen, um - rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft - für neue Produkte und Angebote zu werben: den E-Reader Kindle Paperwhite (ab Ende Dezember lieferbar), eine E-Book-Leibibliothek und den neuen hausgemachten Tablet-Computer Kindle Fire HD. Der ist für 199 Euro (16 Gigabyte) oder 249 Euro (32 Gigabyte) erhältlich - das sind Kampfpreise, mit denen Amazon Konkurrenten wie Apple angeht.

Bezos ist ein pragmatischer Visionär, der es meisterhaft versteht, sich und sein Unternehmen zu verkaufen. Für Bill Gates ist der Mann, der den Kindle erfunden hat, so eine Art moderner Gutenberg, frühere Mitarbeiter von Amazon haben sich dagegen weniger euphorisch über den knallharten Leistungs- und Erfolgsdruck in dem Unternehmen geäußert.

Mit Jeff Bezos sprach Martin Scholz.

Bezos: Was haben Sie denn da für ein Gerät auf dem Tisch liegen?

Das ist ein - zugegebenermaßen ziemlich antiquierter Walkman - ich nehme ihn immer zur Sicherheit mit, falls das digitale Aufnahmegerät mal aussetzt.

Bezos: Verstehe. Es ist immer gut, einen Backup zu haben. Das Ding hat Ihnen vermutlich gute Dienste erwiesen. Und wissen Sie was, wir verkaufen auch solche Dinger heute noch auf Amazon.

Wo wir gerade von Vergangenem reden, Mr. Bezos, mein letztes Interview mit Ihnen liegt zwölfeinhalb Jahre zurück…

Bezos: Nach meiner Zeitrechnung fühlt sich das wie vor tausend Jahren an (lacht).

Damals prophezeiten viele Kritiker, Ihr Internet-Konzern sei auch nur ein Teil der großen E-Commerce-Blase und würde irgendwann mit ihr platzen.

Bezos: Ja, ich erinnere mich gut an den Gegenwind, das war eine Zeit der großen Herausforderungen.

Heute ist Amazon ein Welt-Konzern, der online fast alles verkauft: Bücher, CDs, DVDs, auch Mode, Spielzeug, Werkzeug oder E-Reader. Seit neuestem gibt es auch einen Tablet-Computer aus eigener Herstellung in Deutschland - den Kindle-Fire, mit dem Sie Apple Konkurrenz machen. Sind Sie gerade dabei, Ihr Online-Warenhaus zu einem Technologiekonzern umzurüsten?

Bezos: Ja. Wir haben mit dem E-Reader Kindle vor acht Jahren damit angefangen, Hardware zu entwickeln und bauen das kontinuierlich aus. Inzwischen haben wir mit Kindle Paperwhite die fünfte Generation unserer Kindle-E-Reader auf den Markt gebracht. Und mit dem Kindle Fire HD gehen wir diesen Weg auf dem Tablet-Markt weiter. Sie können darauf wetten, dass wir in Zukunft nachlegen, ständig neue Generationen solcher Geräte entwickeln werden, die eben viel mehr bieten als die elektronischen Lesegeräte.

Sie sind nicht nur der Gründer von Amazon, Sie gelten auch als das kreative Superhirn des Konzerns. Inwieweit mischen Sie sich bei der Entwicklung beispielsweise eines neuen Tablets mit ein?

Bezos: Ich knie mich da immer sehr tief rein. Natürlich arbeiten darüber hinaus stets eine Menge Leute in Entwicklungsteams. Ich bin derjenige, der bei allem immer den Blick auf den Kunden lenkt. Ich konzentriere mich auf das Design, die Handhabung oder Nutzbarkeit, von solchen Geräten.

Ich habe mich selbst in die luxuriöse Lage versetzt, dass ich einen Großteil der Aufgaben, die ein Geschäftsführer vielleicht bewältigen sollte, an andere delegiert habe. Also kann ich mich auf Innovationen und neue Produkte konzentrieren. Das hier (hält den Kindle-Fire hoch) macht mir einfach viel mehr Spaß.

Reden wir noch ein bisschen über andere Dinge, die Ihnen Spaß machen. Sind Sie immer noch Trekkie, ein Star-Trek-Fan?

Bezos: Bin ich. Als Kind wollte ich wie Mr. Spock sein. (lacht)

Haben Sie vor ein paar Jahren den letzten Star-Trek-Kino-Film gesehen, das Prequel, in dem beschrieben wird, wie sich Käptn Kirk und Mr. Spock in jungen Jahren erstmals treffen?

Bezos: Natürlich, was glauben Sie denn?!

In einer Szene kann der schon sehr gealterte Spock nach einem Zeitsprung sein jüngeres Ich treffen und ihm Ratschläge für sein weiteres Leben geben. Wenn der junge Jeff Bezos auf den älteren träfe, was würde der ihm sagen?

Bezos: Puuh. Das ist ja fast nicht zu beantworten. Da müsste ich mich ja in die Rolle des älteren Bezos hineinversetzen.

Da haben wir uns missverstanden: Ich dachte eigentlich daran, dass Sie der ältere Jeff Bezos sind, der sich an sein jüngeres Ich wendet.

Bezos: Oh, Sie wollen damit andeuten, dass ich heute schon der Alte bin (lacht)?

Na ja, zumindest älter als der blutjunge Spock in dem Film, der ja noch keinerlei Erfahrung hat.

Bezos: Ok, hab verstanden. Welchen Rat würde ich meinem jüngeren Ich geben? Wissen Sie, ich nehme es heute gerne in Kauf, dass ich missverstanden, falsch eingeschätzt werde - oft sogar über einen sehr langen Zeitraum hinweg. Warum? Weil das eine Voraussetzung dafür ist, überhaupt erfindungsreich sein zu können.

Wann immer du etwas Neues machst, das den traditionellen Verlauf der Dinge in Frage stellt und durchschüttelt, melden sich sofort die Kritiker. Wenn ich mich also wie Spock in der Zeit zurückbeamen und mit meinem jüngeren Selbst reden könnte, würde ich ihm sagen: "Wenn du Dinge auf neue Weise denkst, nimm es in Kauf, missverstanden zu werden. Lass dich nicht verrückt machen, relax, alles nicht so schlimm."

Das klingt so, als wären Sie 1994, als Sie Amazon gründeten, nicht entspannt gewesen.

Bezos: Sagen wir so: Ich hätte so einen Rat damals sehr gut gebrauchen können. Damals haben mich Kritiken emotional sehr mitgenommen, ich hatte Angst davor, missverstanden zu werden. Es kostet viel Kraft und Energie, wenn man meint, Widersacher ständig davon überzeugen zu müssen, dass man richtig liegt, ihnen immer wieder zu erklären, was man macht und warum man es macht. Heute weiß ich: Es ist okay, wenn alle an dir zweifeln.

Was treibt Sie an, ständig diese Grenzerfahrung zu suchen?

Bezos: Spaß. Erfinden macht Spaß. Ich beschreibe Ihnen mal meine Lieblingssituation: Wir stehen alle in einem Raum, vor uns eine Tafel mit weißem Papier. Dann fangen wir an zu brainstormen, und allmählich füllen immer mehr Ideen das weiße Blatt. Wir streiten, wir streichen, wir ergänzen die Liste - wir verfeinern unsere Ideen. Ich liebe diesen Prozess.

Dieser Prozess führt zuweilen dazu, dass Sie beispielsweise mit der Einführung des Kindle-E-Readers, Amazons Kerngeschäft kannibalisierten - den Verkauf von gedruckten Büchern. Haben Sie die Konsequenzen Ihrer Erfindungen immer bis zum Ende im Blick, wenn Sie sie auf den Markt bringen?

Bezos: Nein, wir wissen anfangs nicht exakt, wo es hinführen wird. Aber die Entwicklungen geben uns Recht: inzwischen verkaufen wir auch in Deutschland erstmals mehr digitale als gedruckte Bücher. Unser Job ist es, das beste Produkt, den besten Service anzubieten. Und dann lassen wir die Kunden auswählen, wie sie lesen wollen und wo sie ihre Bücher kaufen. Am Ende entscheiden immer die Kunden.

Im Amazon-Universum gibt es keine heiligen Kühe, nicht mal eigene einst erfolgreiche Geschäftsmodelle?

Bezos: Unsere einzigen heiligen Kühe sind die drei großen Ideen, die Amazon ausmachen: 1. Konzentration auf den Kunden statt auf die Wettbewerber. 2. Der permanente Wille zum Erfinden, der Drang sich zu erneuern. Das wollen viele Unternehmen nicht, weil man sich dabei oft in Sackgassen verrennt, Fehler macht oder scheitert. Scheitern ist wichtig. Dann steht man wieder auf, versucht es nochmal. 3. Geduld. Unser Geschäft ist langfristig ausgelegt.

Langfristig planen und sich dabei mit Warpgeschwindigkeit ständig neu erfinden. Wird Ihnen das nie zuviel?

Bezos: Es wäre sehr unnatürlich, damit aufzuhören. Einfach, weil es mir soviel Spaß macht.

Lesen Sie noch gedruckte Bücher?

Bezos: Kaum noch. Biographien oder Belletristik lese ich nur noch als E-Book. Ich bin fast komplett auf den Kindle umgestiegen, das Lesen ist dort einfach viel bequemer. Er ist leichter zu halten als ein Buch. Die einzige Ausnahme sind Kochbücher, die lese ich noch in der gedruckten Form.

Warum? Weil Fettspritzer auf Papier ein anderes Aroma entfalten als auf dem abwaschbaren Display eines E-Readers?

Bezos: Ich weiß nicht, ob die gedruckten Kochbücher besser sind, oder ob ich sie nur deshalb noch in der Küche benutze, weil ich dort meine bisherigen Gewohnheiten noch nicht abgelegt habe.

Fest steht: Ich benutze immer noch den Klassiker "The Joy Of Cooking", der steht als Buch in meiner Küche, und ist tatsächlich von vielen Kocheinsätzen gegerbt. (lacht)

Im April vergangenen Jahrs wurde auch in Deutschland die Plattform Kindle Direct Publishing eröffnet, auf der Autoren Ihre Werke selbst verlegen können. Wo wird das hinführen? Wird Amazon mittelfristig ein digitaler Verlag?

Bezos: Lassen Sie es mich so ausdrücken: Unsere Vision ist, dass dieser Weg eine Alternative zu den traditionellen Verlagen ist. Die Buchverlage wird es weiter geben. Und unser Weg, Bücher von Autoren direkt digital zu veröffentlichen, kann mit der traditionellen Art Bücher herauszugeben, koexistieren. Wir helfen Autoren, sich selbst herauszugeben. Und bei unserem Modell behalten sie viel mehr von den Nettoeinnahmen als bei den herkömmlichen Verlagen.

Darüber hinaus haben wir neue E-Book-Formen wie Kindle-Singles entwickelt. Das sind Texte, die nicht mehr als 60 Seiten umfassen. Für reguläre Bücher wurde das oft als zu dünn empfunden und ließ sich im Buchhandel schlecht verkaufen. Was passierte? Wenn ein Autor eine Idee hatte, die auf 60 Seiten bereits umfassend dargestellt war, musste er sie oft aufblasen, damit es ein "richtiges" Buch werden konnte. Bei uns kann er es einfach veröffentlichen.

Auf Ihren E-Readern und Tablets kann man digitale Zeitungsausgaben lesen. Der Zuwachs an Abos in diesem Segment reicht allerdings nicht, um die Verluste vieler Zeitungshäuser im Print-Sektor auszugleichen. Lesen Sie selbst noch gedruckte Zeitungen?

Bezos: Nein, schon lange nicht mehr. Die Printmedienbranche macht schon länger eine sehr schwierige Übergangsphase durch, die noch nicht abgeschlossen ist. Ich persönlich habe den Übergang schon abgeschlossen und lese Zeitungen nur noch digital.

Aber im Moment gibt es im Bereich der Tablet-Computer positive Entwicklungen für Zeitungshäuser. Es ist doch so: Im Web zahlen die Menschen nicht für Nachrichten, das wird sich auch nicht mehr ändern. Wir haben aber festgestellt, dass die Leute für Zeitungs-Abos auf Tablets durchaus bereit sind zu zahlen. Die Tablets werden unseren Alltag weiter durchdringen - in absehbarer Zeit wird es in jedem Haushalt mehrere Tablets geben. Das wird ganz normal sein. Und diese Entwicklungen wird auch den Zeitungen Rückenwind geben.

iPad und Kindle-Fire retten die Zeitungen?

Bezos: Ich würde nicht soweit gehen und gleich von Rettung sprechen. Denn diese schon länger dauernde Übergangsphase von gedruckten zu digitalisierten Zeitungen ist für viele Verlagshäuser ökonomisch schwierig zu handhaben, weil sie gleichzeitig Print und Digitales anbieten müssen. Sie müssen beide Felder beackern, und das ist ein Problem. Wenn man den Print-Bereich los wird und sich nur noch aufs Digitale konzentriert, entspannt sich zwar die ökonomische Situation.

Das Problem ist, dass immer noch sehr viele Leser nur die gedruckte Ausgabe bevorzugen. Und die will man ja nicht verlieren. Gleichzeitig sind die Tablets noch nicht so verbreitet, dass man zurzeit damit überleben könnte. Aber Übergangsphasen sind irgendwann abgeschlossen.

Haben Sie eine Vorstellung, wann das soweit sein wird?

Bezos: Das kann ich Ihnen auch nicht genau vorhersagen. Nur soviel: Es wird passieren. Und dann wird es weiterhin einen Platz für qualitativ hochwertigen Journalismus geben, weil die Leute diese Texte und Informationen lesen wollen. Der Journalismus wird nicht verschwinden.

Sprechen Sie jetzt vom gedruckten oder vom digitalen Journalismus?

Bezos: Vom digitalen. Über eines bin ich mir sicher: In 20 Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Wenn doch, vielleicht als gewisser Luxus-Artikel, den sich bestimmte Nobel-Hotels erlauben, als extravaganten Service für ihre Gäste. Gedruckte Tageszeitungen werden in 20 Jahren nicht mehr normal sein.

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