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IT-Branche: Informatiker der Uni Halle heiß umworben

Hiesige IT-Unternehmen setzen bei der Nachwuchssuche besonders auf Absolventen der Uni Halle.

Hiesige IT-Unternehmen setzen bei der Nachwuchssuche besonders auf Absolventen der Uni Halle.

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Silvio Kison

Halle (Saale)/MZ -

Vom Praktikum in die Festanstellung: „Bei mir lief dies sehr unkompliziert“, sagt Mathias Meissner. Im Jahr 2003 nahm der heute 31-Jährige sein Informatik-Studium in Halle auf. Wie viele Studenten jobbte der Hallenser neben dem Studium. Er arbeitete bei IT-Firmen und absolvierte Praktika. So landete er bei dem Mittelständler MSU Solutions. Dieser bietet Softwareprogramme für Wasser- oder Energieversorger an. In einem kleinen Team bekam Meissner schnell größere Aufgaben. Unternehmenschef Bodo Ruppach erkannte die Talente seines Praktikanten und stellte ihn umgehend ein. Das war 2006.

Heute entwickelt Meissner Programme etwa für Stadtwerke, die 20.000 bis 30.000 Haushalte versorgen. „Diese versenden Hunderttausende Daten - sei es an Kunden in Form von Abrechnungen oder an Stromnetzbetreiber“, sagt der Informatiker. MSU Solutions liefere dazu die Komplettsysteme. Mehr als 100 Wasser- und Energiefirmen bundesweit betreut die 2003 gegründete Firma, die auf 70 Mitarbeiter angewachsen ist. „Ohne die Absolventen der hiesigen Hochschulen wäre unser bisheriges Wachstum kaum möglich gewesen“, sagt Ruppach. „Wir benötigen Spezialisten, die auf dem Markt nur schwer zu finden sind.“ Also sucht Ruppach vor allem an der Universität Halle und den Fachhochschulen in Merseburg und Köthen. „Regelmäßig werden bei uns Bachelor- und Masterarbeiten geschrieben“, sagt der Firmenchef. Dass das Institut für Informatik an der Uni Halle nun geschlossen werden soll, ist für den Unternehmer „nicht nachvollziehbar“.

Konzerne zahlen mehr Gehalt

Junge Informatiker an sich zu binden, ist für Firmen in Sachsen-Anhalt alles andere als einfach. Software-Riesen wie IBM, SAP, Google oder Dell locken Spezialisten. Doch nicht nur die. Auch Autobauer, Pharma- oder Chemiekonzerne benötigen zunehmend Informatiker für ihre hochautomatisierte Produktion. Die Gehälter bei den Konzernen liegen laut Studien mehr als ein Drittel über dem Gehaltsniveau von Mittelständlern. Die IT-Branche ist inzwischen mit mehr als 900 000 Mitarbeitern zweitgrößter Industriesektor Deutschlands. Im Jahr 2013 schafften die Firmen laut Branchenverband Bitkom 12.000 Stellen. Es herrscht Fachkräftemangel.

Wirtschaftszweig wächst im Land

„Einen Informatiker aus München nach Halle zu locken oder von einem Großunternehmen abzuwerben, ist fast aussichtslos“, sagt Ruppach. Dies sieht nicht nur er so. Das hallesche IT-Unternehmen Gisa ist nach eigenen Angaben in den vergangenen vier Jahren von 480 auf mehr als 600 Mitarbeiter gewachsen. Für die Gisa ist es laut Geschäftsführer Michael Krüger schwierig, Fachleute aus anderen Regionen hierher zu holen. „Aber es gelingt uns bisher gut, den exzellent ausgebildeten IT-Nachwuchs aus der Region mit attraktiven Jobs hier zu halten“, sagt Krüger.

An der Uni Halle studieren insgesamt rund 450 Studierende Informatik - jedes Jahr schließen 20 bis 30 Studierende ab. Dazu zählen nicht nur die reinen Informatiker, sondern auch Bioinformatiker und Wirtschaftsinformatiker. Die Landesregierung will letztere Studiengänge auch nach der Schließung des Instituts für Informatik erhalten, was aus Sicht von Informatikprofessor Matthias Müller-Hannemann nicht möglich ist. „Wesentliche Teile der Bio- und Wirtschaftsinformatik beruhen auf der klassischen Informatik. Ohne die Informatikprofessoren sind auch diese beiden Studiengänge nicht mehr zu erhalten“, so Müller-Hannemann. Nach seinen Worten würden durch ein Aus des Studiengangs wertvolle Fachkräfte für Sachsen-Anhalt verloren gehen. „Regelmäßig erhalte ich Anrufe von hiesigen Firmen, die an guten Absolventen interessiert sind“, sagt der Informatik-Professor.

Insgesamt entwickelte sich die IT-Branche in den vergangenen Jahren positiv. Nach Angaben des Verbandes der IT- und Multimediaindustrie Sachsen-Anhalt beschäftigen die mehr als 500 Unternehmen knapp 14 000 Mitarbeiter. Gegenüber 2006 stieg die Mitarbeiterzahl der Branche um 30 Prozent. „Selbst in der Wirtschaftskrise 2009 sind wir noch leicht gewachsen“, sagt Verbandschef Marco Langhof. Für die kommenden Jahre rechnet er weiter mit Zuwächsen, da in der Industrie und im Dienstleistungsgewerbe immer mehr Prozesse über Internet gesteuert werden.

Doch nicht nur für die etablierten Mittelständler ist die Uni-Informatik ein wichtiger Standortfaktor. Im Juni 2013 gab der Software-Riese IBM bekannt, in Magdeburg ein Entwicklungszentrum mit 300 neuen Arbeitsplätzen aufzubauen. „Magdeburg wurde bewusst als idealer und neuer IBM-Standort in der Mitte Deutschlands in unmittelbarer Nähe von Bildungseinrichtungen mit technischen Schwerpunkten ausgewählt“, sagte Gregor Pillen, Leiter der Unternehmensberatungssparte IBM Global Business Services, damals. Für Magdeburg sprach insbesondere, dass die Informatik der dortigen Uni einen guten Ruf besitzt und anwendungsbezogen forscht. IBM prüfte zuvor eine Reihe von Standorten. Auf der Liste standen auch Leipzig und Dresden. Der hallesche Unternehmer Ruppach merkt dazu an: „Ohne eine Informatik in Halle braucht niemand auf Konzerne wie IBM im südlichen Sachsen-Anhalt zu hoffen.“