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Fleischatlas 2016: Widerstand gegen Massentierhaltung nimmt zu

Ferkel stehen in einem Stall.

Ferkel stehen in einem Stall.

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dpa

Berlin/Halle (Saale) -

Der Bauernhof ist ein Sehnsuchtsort. Ferkel spielen im Freien, die Kuh steht auf der Weide und der Hahn kräht auf dem Mist, friedvoll und naturnah. Die meisten Deutschen wünschen sich eine solche Landwirtschaft. Eine, die das Wohl der Tiere achtet, die Umwelt schont und die guten Gewissens zu Salami, Schnitzel und Bratwurst greifen lässt. Seit Jahren steigt die Nachfrage nach ökologisch erzeugten und regionalen Lebensmitteln, jeder Discounter hat heute Bio-Produkte im Sortiment. Umfragen zufolge wären vier von fünf Verbrauchern bereit, mehr Geld für Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren auszugeben. In Brandenburg wurde im Sommer 2015 sogar ein Volksbegehren gegen Massentierhaltung gestartet. Bio ist auf dem Vormarsch.

Bayern stark betroffen

Allerdings nur im Supermarkt, auf Seite der Kunden. In krassem Gegensatz dazu steht die tatsächliche Entwicklung der Fleischerzeugung in Deutschland. Die Tiermast nimmt immer stärker industrielle Dimensionen an.

Der am Mittwoch veröffentlichte Fleisch-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung, eine parteinahe Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen, und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zeigt, dass die Zahl der Schweinemast- und Geflügelbetriebe während der vergangenen 20 Jahre drastisch gesunken ist. Zugleich stieg die Gesamtproduktion allerdings enorm. Das aber bedeutet: Kleine Betriebe gaben auf, die großen wurden noch größer. Die Böll-Stiftung konkretisiert diesen Trend anhand von Daten des Statistischen Bundesamts. Danach ging die Zahl der Betriebe, die Masthühner halten, zwischen 1994 und 2014 von 70.000 auf nur mehr 4.500 zurück. Im gleichen Zeitraum stieg der Jahresausstoß deutscher Hühnerfleischhalter von 342.000 Tonnen auf 972.000 Tonnen. Mithin produziert ein Sechzehntel der einst vorhandenen Betriebe dreimal mehr Fleisch.

Wandel bei Schweinemast-Betrieben

Einem ähnlichen Wandel waren Deutschlands Schweinemast-Betriebe unterworfen. Seit 1994 gaben neun von zehn Mästern auf, die Zahl der Betriebe ging auf 27.000 zurück. Unterdessen nahm die jährliche Schweinefleischerzeugung um fast 50 Prozent von 3,7 Millionen Tonnen auf 5,5 Millionen Tonnen zu. Dass in Bayern und Baden-Württemberg besonders viele Masthuhn- und Schweinhalter vom Markt verschwanden, ist kein Zufall. Denn im Süden finden sich traditionell vor allem Betriebe mit kleinen Flächen. Ein Beispiel: In Bayern verschwanden seit 2001 rund 27.800 Anlagen in der Schweinehaltung. In Sachsen-Anhalt waren es „nur“ 900.

Gleich in mehreren Bundesländern sieht der Fleischatlas Probleme mit der Massentierhaltung: In Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es Widerstand der Bevölkerung gegen Großställe. Der Bericht beschreibt allerdings auch, dass die Behörden beim Tierschutz genauer hinschauen. In Sachsen-Anhalt wurden etwa in der Sauenhaltung zur Ferkelzucht Missstände aufgedeckt. So sprach im November 2014 der Landkreis Jerichower Land ein bundesweit geltendes Schweinezuchtverbot gegen den Schweinezüchter Adrianus Straathof aus. Im Sauen haltenden Betrieb in Gladau gab es anhaltende tierschutzrechtliche Verstöße wie zu enge Kastenstände, nicht ausreichend Trinkwasser und nicht behandelte Verletzungen bei den Tieren. Der Bauernverband Sachsen-Anhalt weist darauf hin, dass es „nur in geringem Umfang amtlich festgestellte Verstöße gegen geltendes Recht“ gebe. Es lasse sich kein Zusammenhang mit der Größe von Ställen feststellen.

Neue Tierplätze für Mastgeflügel

Fleischkonsum nimmt ab

Ein Ende dieses Konzentrationsprozesses ist nach Erkenntnissen der Fleisch-Atlas-Autoren nicht in Sicht. Zwischen 2012 und 2015 wurden in 15 Bundesländern mindestens 720 000 neue Stallplätze für Schweine und 10,8 Millionen Plätze für Geflügel beantragt. Solche Zahlen sind aber nicht absolut zu sehen, sondern drücken den Strukturwandel aus. Denn immer mehr kleine Betriebe geben auf.

Neue Tierplätze für Schweine

Während immer mehr Fleisch von immer weniger Landwirten erzeugt wird, sinkt die inländische Nachfrage nach Schnitzel, Bratwurst und Salami seit Jahrzehnten, wenn auch nur leicht, ab. Der Verbrauch pro Kopf lag 1991 bei 64 Kilogramm, im Jahr 2000 waren es 61 und 2014 noch 60,4 Kilogramm.

Die zusätzliche Fleischproduktion geht ausschließlich in den Export. Neben asiatischen und osteuropäischen Märkten spielen auch Entwicklungsländer zunehmend eine Rolle. Doch auch für die deutschen Mäster birgt die Exportorientierung Risiken, wie der seit Monaten anhaltende Preisverfall für Schweinefleisch auf dem Weltmarkt zeigt. (mz)