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CO2-Speicher: Vattenfall legt Milliardeninvestition auf Eis

Uhr | Aktualisiert 05.12.2011 17:18 Uhr
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Pilotanlage von Vattenfall

In einer Pilotanlage von Vattenfall wird CO bereits bei der Kohleverbrennung abgetrennt. Über Schläuche wird es in Tankwagen geleitet. (FOTO: DPA)

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Vattenfall hatte große Pläne: Bis 2015 wollte der Energieriese im brandenburgischen Jänschwalde ein Braunkohlekraftwerk errichten, welches kein Kohlendioxid (CO2) mehr in die Umwelt abgibt. Doch nun legt Vattenfall den Bau der 1,5 Milliarden Euro teuren Anlage voraussichtlich auf Eis.
Halle (Saale)/MZ. 

"Die sich abzeichnenden Rahmenbedingungen lassen eine solche Investition nicht zu", sagt Vattenfall-Sprecherin Katharina Bloemer. Noch gebe es aber keinen Beschluss.

Hintergrund: Am Freitag soll der Bundesrat das sogenannte CCS-Gesetz verabschieden. Damit will die Bundesregierung die CO2-Abtrennung und -Speicherung (engl. Carbon Dioxide Capture and Storage, kurz CCS) grundsätzlich ermöglichen. Doch Vattenfall gehen die gesetzlichen Auflagen zu weit.

Das Unternehmen hat in den vergangenen zehn Jahren die Entwicklung der Technologie vorangetrieben. Seit zwei Jahren betreibt der Konzern eine 30-Megawatt-Pilotanlage, die aus den Rauchgasen der Kohleverbrennung das CO2 abtrennt. Auf 300 Megawatt war das 1,5 Milliarden Euro teure Demonstrationskraftwerk ausgelegt. Das abgetrennte CO2 sollte verflüssigt und über Pipelines zu den Speichern transportiert werden. Als mögliche Standorte galten Beeskow und Neutrebbin in Brandenburg. Die EU hatte für das Forschungsprojekt 180 Millionen Euro freigegeben. Der Konzern hatte das Ziel, die CO2-intensive Kohleverstromung klimafreundlicher zu machen. Dadurch bliebe dem Kraftwerksbetreiber auch der Kauf von teuren CO2-Verschmutzungsrechten erspart. Dies macht die Technologie auch für energieintensive Konzerne etwa aus der Stahlbranche oder der Chemie interessant.

Der Konzern hat zwei wesentliche Kritikpunkte am CCS-Gesetz: "Es soll zunächst nur bis 2016 gelten. Wir können aber nicht Milliarden investieren, wenn wir nur wenige Jahre Planungssicherheit haben", sagt Vattenfall-Sprecherin Bloemer. Zudem ist Vattenfall die Haftungsdauer von 30 Jahren nach Ende der Speicherung zu lang, da die EU nur 20 Jahre vorschreibt. "Wir könnten auch 100 Jahre garantieren, dass das CO2 sicher in der Erde bleibt, doch für jedes Jahr Garantie müssen wir Rückstellungen bilden," so Bloemer. Dies mache das Projekt teurer.

Umweltschützer kritisieren bereits seit Jahren das Großprojekt. Für sie leistet CCS keinen Beitrag zu einem effektiven Klimaschutz. "Die Abtrennung von CO2 ist sehr energieintensiv und gelingt nur zu 85 Prozent. Die Kohlekraftwerke würden weniger effizient arbeiten und somit noch mehr Kohle verbrennen", sagt Klimaschutzexpertin Tina Löffelsend vom BUND. "Mit CCS will man der Kohle nur ein grünes Mäntelchen umhängen." Auch die Speichertechnologie ist nach Ansicht der Umweltschützer zu unsicher. "Es gibt keine Garantie, dass das CO2 in der Erde bleibt", sagt Löffelsend. Zudem wird befürchtet, dass das CO2 Salzwasser aus tiefen Erdschichten nach oben verdrängt und damit Grundwasser verunreinigt wird. Bürgerinitiativen in den betroffenen Regionen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt laufen gegen die unterirdische Lagerung daher Sturm. Auch die Landesregierung Sachsen-Anhalts, die Braunkohle als wesentlichen Teil des künftigen Energiemixes sieht, ist dem CCS-Gesetz gegenüber kritisch eingestellt - doch aus ganz anderem Grund als Vattenfall. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) bemängelt die Risikobeteiligung, die die Länder zwingen könnte, 30 Jahre nach Stilllegung der CO2-Speicher die Schadenshaftung der Betreiber zu übernehmen.

Der Rohstoff-Speicherfachmann Günter Pusch von der Technischen Universität Clausthal hält die technischen Probleme für lösbar. "Das CO2 soll in 3 000 Metern Tiefe gelagert werden. Darüber liegen dicke, undurchlässige Salzschichten." Grundwasser werde so nicht verunreinigt. Nach Worten von Pusch rechnet sich die Einlagerung wirtschaftlich allerdings nur, wenn die CO2-Speicherung dazu genutzt wird, fast erschöpfte Erdgaslagerstätten besser auszunutzen. Dies könnte etwa bei einem der größten deutschen Erdgasfelder in der Altmark möglich sein. Daran hat Vattenfall bereits Interesse bekundet.

Nach Einschätzung von Experten veranlasst nicht nur das geplant CCS-Gesetz Vattenfall zum Rückzug. Mit der neuen Technologie verringert sich der Wirkungsgrad von modernen Kohlekraftwerken von 43 auf etwa 30 bis 35 Prozent. Die Rentabilität der Anlagen steht damit infrage. Zudem hat Vattenfall-Deutschlandchef Tuomo Hatakka eindeutig die Richtung vorgegeben, dass nur noch in CO2-arme Technologien investiert werde. Dies lässt Spielraum für Interpretationen. Doch Hatakka hat dabei wohl eher an Gas- und Windkraftanlagen gedacht als an teure Kohlekraftwerke mit gigantischen CO2-Filtern.

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