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Arbeitsmarkt: Deutschlands fragwürdiges Jobwunder

Nie zuvor haben in Deutschland so viele Menschen gearbeitet.

Nie zuvor haben in Deutschland so viele Menschen gearbeitet.

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dpa

Berlin -

Im abgelaufenen Jahr hat es viele gute Nachrichten vom deutschen Arbeitsmarkt gegeben. Die jüngste steuerte das Statistische Bundesamt am Montag bei: Nach vorläufigen Berechnungen waren 2015 durchschnittlich erstmals mehr als 43 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig. Noch so ein Allzeitrekord. Schon die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hatte 2015 den höchsten Stand seit der Vereinigung erreicht. Für September – den letzten Berichtsmonat mit gesicherten Daten – vermeldete die Bundesagentur für Arbeit 31,35 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und damit 688 000 mehr als ein Jahr zuvor. Umgekehrt sank die Arbeitslosigkeit 2015 auf den tiefsten Stand seit 1991.

Also alles gut? Mitnichten. Das vermeintliche deutsche Jobwunder steht in Wahrheit auf tönernen Füßen, ebenso wie das - ohnehin eher schwächliche - Wirtschaftswachstum von rund 1,5 Prozent. Noch profitieren inländische Unternehmen vom stark gefallenen Eurokurs, der deutsche Waren außerhalb des Euro-Raums verbilligt und so die Ausfuhren hochhält. Noch lassen stark gefallene Kraftstoff- und Heizölpreise, eine Teuerungsrate nahe Null, um durchschnittlich drei Prozent gestiegene Tariflöhne sowie der gesetzliche Mindestlohn die Massenkaufkraft deutlich ansteigen und schieben so das Wachstum an.

Ein absehbares Ende der Hochzeiten

Doch weder Energiepreise noch Devisenkurse sind in Stein gemeißelt. Wenn Öl und Euro teurer werden, und das werden sie irgendwann, dann ist’s vorbei mit Deutschlands Sonderkonjunktur. Eine weitere Gefahr ist ausgerechnet mit der steigenden Erwerbstätigkeit verknüpft, genauer: Mit der Antwort auf die Frage, wieso die Beschäftigtenzahl überhaupt ansteigt. Preisbereinigt wuchs die deutsche Wirtschaft in den vergangenen vier Jahren nämlich nur zwischen 0,3 und 1,6 Prozent. Das ist eigentlich viel zu wenig, und Erwerbslosigkeit ab- und Beschäftigung aufzubauen. Anfang des Jahrtausends lag die Schwelle für eine spürbare Entlastung des Arbeitsmarkts zwischen 1,5 und 2 Prozent Wachstum pro Jahr. Woher rührt dann der jüngste Beschäftigungsboom?

Eine Antwort lautet: Über lange Zeit hinweg ging der Beschäftigungszuwachs ausschließlich auf das Konto der Teilzeitarbeit. So sank die Zahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden zwischen 1991 und 2005 von 60,2 Milliarden auf 55,5 Milliarden, während die Zahl der Erwerbstätigen von 38,8 auf 39,3 Millionen zunahm. Weniger Arbeit wurde also auf mehr Menschen verteilt. Anschließend stieg das Arbeitsvolumen auf zuletzt rund 58,8 Milliarden Stunden zwar wieder an. Doch die Erwerbstätigkeit wuchs noch deutlich stärker, von 39,3 Millionen Personen 2005 auf gut 43 Millionen im vergangenen Jahr.

Die Produktivität steigt nicht

Die eigentlich Besorgnis erregende Ursache für das deutsche Jobwunder liegt aber anderswo. Schon geringe Wachstumsraten lassen die Nachfrage nach Arbeitskräften nämlich nur deshalb merklich ansteigen, weil die Arbeitsproduktivität in Deutschland seit zehn Jahren kaum noch vom Fleck kommt. Zwischen 1949 und 1973 legte die Produktivität pro Erwerbstätigem noch um durchschnittlich 2,8 Prozent pro Jahr zu. Im gesamten Zeitraum 2005 bis 2014 betrug das Plus nur noch knapp vier Prozent. Ein dauerhaft geringes Produktivitätswachstum schwächt aber die Wettbewerbsfähigkeit hiesiger Unternehmen und gefährdet am Ende Arbeitsplätze. Dann heißt es: Jobwunder ade.