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„Brexit“ oder „Bremain“: Darum käme den Briten ein „Brexit“ teuer zu stehen

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Der britische Premierminister David Cameron nach dem EU-Spitzentreffen in Brüssel.

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REUTERS

Was geschieht mit Großbritanniens Wirtschaft, wenn es  die EU verlässt? Befürworter eines „Brexit“ versprechen Freiheit von der Brüsseler Bürokratie und einen neuen Aufschwung. Ihre Gegner warnen vor Rezession und Währungsverfall. Die Lage ist unübersichtlich – auch weil noch nicht feststeht, welches Verhältnis Großbritannien zur EU haben würde. Relativ klar ist aber: Große ökonomische Vorteile kann sich das Land von einem Austritt nicht versprechen. Und eine vollständige Loslösung von der EU brächten es in schwere Turbulenzen.

Am 23. Juni stehen die Briten vor der Wahl: „Brexit“ oder „Bremain“ (von engl. to remain = bleiben). Gegner der EU werben für den Austritt. Sie verweisen auf Großbritanniens Nettobeitrag zum EU-Haushalt über acht Milliarden Pfund, der eingespart werden könnte. Sie werben mit der Unabhängigkeit von EU-Regularien, die die britische Wirtschaft stärken würde. Und sie erhoffen eine eigenständige Einwanderungspolitik – gerade der letzte Punkt treibt viele Briten in das Anti-EU-Lager.

Credit Suisse warnt vor „wirtschaftlichem und finanziellem Schock“

Ökonomisch jedoch wäre der Schritt gravierend. Die Schweizer Bank Credit Suisse warnt vor einem „wirtschaftlichen und finanziellen Schock“. Denn nach 43 Jahren EU-Mitgliedschaft ist Großbritannien ist eng mit der Union verflochten. Rund die Hälfte aller Ein- und Ausfuhren gehen in Länder der Union, von den zehn wichtigsten Handelspartnern sind sieben EU-Mitglieder. Britische Unternehmen profitieren voll von der Mitgliedschaft im einheitlichen EU-Binnenmarkt, der kaum Handelsschranken kennt. Diese Mitgliedschaft macht Großbritannien zum Magneten für Investitionen aus aller Welt: Konzerne und Banken siedeln sich an und nutzen das Land als Tor zum Rest der EU – dem größten Binnenmarkt der Welt.

Wählen die Briten die Exit-Option, so flöge Großbritannien aus dem Binnenmarkt. Zölle und andere Handelsschranken würden seine Exporte verteuern. „Ausfuhren in Höhe von 30 Milliarden Pfund wären in Gefahr“, so der Kreditversicherer Euler Hermes, dies entspreche acht Prozent aller britischen Ausfuhren. Großbritannien bräuchte zehn Jahre, um die verlorenen Exporte zu kompensieren. Das fürchten auch die Unternehmen: Nach einer Umfrage der britischen Handelskammer erwarten 60 Prozent der britischen Firmen Einbußen durch einen EU-Austritt.

Attaktivität für Investoren sinkt

Für Investoren aus der ganzen Welt verlöre Großbritannien darüber hinaus an Attraktivität. In einer Umfrage der Bank of England nannten über 70 Prozent der ausländischen Investoren die EU-Mitgliedschaft als wesentlichen Standortvorteil. Der fiele mit dem Brexit weg. Euler Hermes warnt für diesen Fall vor einer „erheblichen Kapitalflucht“. In den ersten vier Jahren nach dem Referendum könnten über 200 Milliarden Pfund das Land verlassen.

Das hätte weitreichende Folgen. Denn Großbritannien hat das größte Leistungsbilanzdefizit der westlichen Welt. Dieses Defizit konnte in den vergangenen Jahren problemlos über den Zufluss von Auslandskapital finanziert werden. Trocknet dieser Fluss aus, droht eine Krise und eine drastische Abwertung des britischen Pfunds. „Ein Alleingang Großbritanniens wäre für das Pfund ein Horror-Szenario“, so Währungsanalystin Esther Reichelt von der Commerzbank.

Massenhafter Rückzug von Banken?

Hart träfe ein Brexit auch London. „Seine Stellung als Europas führendes Finanzzentrum würde es wahrscheinlich verlieren“, prognostiziert Daniel Vernazza von der italienischen Großbank Unicredit. In der Londoner City kommt die Hälfte aller Banken aus dem Ausland, mehr als eine Million Briten arbeiten im Finanzsektor, der mehr als zehn Prozent der Steuereinnahmen einspielt. Finanzdienstleistung stehen für 180 Milliarden Pfund pro Jahr, etwa zwölf Prozent der britischen Wirtschaftsleistung.

Die Frage ist, wie viele Großbanken sich im Falle eines Brexit aus London zurückziehen würden? HSBC hat angekündigt, in diesem Fall ein Fünftel seiner Investmentbanker nach Paris zu verlagern. Die niederländische ING drohte mit dem Umzug auf den Kontinent.

Im ungünstigsten Fall würde ein Brexit Großbritanniens Wirtschaftswachstum bis zum Jahr 2030 halbieren, prognostiziert das Münchener Ifo-Institut. Doch könnten die Briten diesen Effekt mildern, indem sie mit der EU ein Abkommen schließen, um auch nach dem EU-Austritt den Zugang zum Binnenmarkt erhalten. Diesen Weg sind die Schweiz und Norwegen gegangen.

Briten in der Klemme

Doch das hat einen Preis: Beide Länder zahlen in den EU-Haushalt ein, beide Länder müssen sich den EU-Regeln – auch bezüglich Einwanderung - beugen, ohne sie mitbestimmen zu können. Der vollständige Zugang zum Binnenmarkt wäre für Großbritannien die beste Variante, so Reichelt. Gleichzeitig aber biete diese Option im Vergleich zum gegenwärtigen Zustand auch die wenigsten Vorteile 

Die Briten sind also in der Klemme. Das spiegelt sich in Umfragen: Laut dem British Attitudes Survey 2015, der im vergangenen Jahr erhoben wurde, sind 65 Prozent der Bevölkerung EU-skeptisch. Gleichzeitig sind nur 30 Prozent für einen Ausstieg – und nicht mal ein Viertel von ihnen glaubt, dass es Großbritannien nach einem Ausstieg wirtschaftlich besser gehen würde.