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Burgenlandkreis: Beratung, wenn die Schulden erdrücken

Uhr | Aktualisiert 30.12.2012 19:40 Uhr

Die Berater Claudia Lübke und Thorsten Steger haben immer mehr zu tun bekommen. (FOTO: PETER LISKER)

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Die Schuldnerberatung des Deutschen Roten Kreuzes hat immer mehr Anfragen. Mitarbeiter beobachten eine Tendenz, sich Dinge auf Kredit zu kaufen.
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WEISSENFELS/MZ. 

Die Wartezeit wächst: Wer sich heute für eine Schuldnerberatung beim Deutschen Roten Kreuz in Weißenfels anmeldet, muss sechs bis acht Wochen auf einen Termin warten. Früher sei die Wartezeit kürzer gewesen, sagen die Berater Claudia Lübke und Thorsten Steger. Da sie an der Beratungshäufigkeit nichts geändert haben, bedeutet das: Mehr Menschen suchen ihre Hilfe. Dies bestätigen die Daten des jüngsten Schuldneratlasses, den der Wirtschaftsinformationsdienst Creditreform herausgegeben hat.

Die meisten ihrer Klienten kämen relativ spät, sagen Lübke und Steger, nämlich erst wenn sie überschuldet sind, also auf Dauer mit ihren Einnahmen nicht mehr die Ausgaben decken. Bis sie den Schritt zur Beratung machen, habe sich bei ihnen ein Schuldenberg zwischen 3 000 Euro und 1 000 000 Euro angehäuft. Die hohen Summen erreichten vor allem ehemalige Selbstständige.

Plötzlich ein Einkommen weniger

Das erste Gespräch dauere oft zwei Stunden, in denen die Hilfesuchenden mit den Beratern ihre Situation aufarbeiten: Was verdienen sie, was geben sie wofür aus?

Diese erste Beratung hat auch eine soziale Komponente. "Bei uns sitzen ganz viele Leute, die gerade eine Trennung oder Krankheit hinter sich habe, die wie ein Häufchen Unglück wirken", sagt Claudia Lübke. So passiere es, dass Paare ein Haus bauen, dafür einen Kredit aufnehmen, sich dann aber trennen. Die Schulden bleiben trotzdem. Oder von zwei Verdienern fällt einer wegen Krankheit oder auch wegen eines an sich freudigen Ereignisses wie der Geburt eines Kindes aus. Waren die Raten hoch angesetzt, kommen die Menschen dann in finanzielle Bedrängnis.

Ein ebenfalls großer Teil der Probleme geht auf Arbeitslosigkeit zurück. Hier sieht Claudia Lübke auch systemische Ursachen: So gebe es viele Menschen, die aus dem Niedriglohnsektor, im schlechtesten Fall 400-Euro-Jobs, nicht herauskämen. Andere müssten plötzlich Kurzarbeit hinnehmen, was nach einem Kredit, der auf Vollzeitarbeit mit entsprechendem Gehalt aufbaut, finanziell kaum auszugleichen sei.

Claudia Lübke und Thorsten Steger beraten seit über zwölf Jahren in dieser Form. Sie beobachten dabei Veränderungen. Habe es nach der Wende oft Konsum-Schuldner gegeben, sei das heute seltener der Fall. Jetzt kämen auch Opfer der Wirtschaftskrise. Selbstständige, die aufgrund schlechter Zahlungsmoral anderer rote Zahlen schreiben mussten. Wenn sie aufgeben mussten, unter 19 Gläubiger haben und keine Löhne schuldig sind, werden sie ebenfalls in einer der zwei Schuldnerberatungsstellen im Landkreis - neben der in Weißenfels gibt es noch eine in Naumburg -, beraten.

Ebenfalls eine Erfahrung von Lübke und Steger: Die Anzahl der Jugendlichen, die überschuldet sind, nehme zu. Der Schuldneratlas bestätigt den Eindruck auf Bundesebene: Von 2004 bis 2012 hat sich die Zahl der Schuldner unter 20 Jahren mehr als vervierfacht (von 53 000 auf 216 000).

Privatinsolvenz als letztes Mittel

Für einige von ihnen sei es heute normal, Dinge auf Kredit zu kaufen. Nicht untypisch sei der Jugendliche, der während der Ausbildung einen Dispo-Kredit erhält, nicht übernommen wird, den Kreditrahmen aber weiter ausschöpft, ohne dass Geld zufließt. "Einige wachsen so ins Schuldenmachen hinein", sagt Claudia Lübke.

Schuldner und Berater schauen gemeinsam, welches Geld zur Verfügung steht. Sie suchen nach Lösungen. Und die heißt oft, dass das Geld nach und nach bei den Gläubigern abgestottert wird. In manchen Fällen können die Berater Sonderkonditionen vereinbaren, oft aber auch nicht.

Andere Schuldner entscheiden sich für die Privatinsolvenz, "das letzte Mittel", wie Steger sagt. Sie bedeutet: Die Schuldner legen alle ihre Finanzen vor Gericht offen. Dann wird geurteilt und über sechs Jahre wird alles Geld, das über eine Pfändungsfreigrenze hinausgeht, eingezogen und gleichberechtigt an die Gläubiger weitergeleitet. Danach gibt es einen Schuldenschnitt. Allerdings kann das Gericht noch vier Jahre lang Geld einfordern - für das Verfahren der Privatinsolvenz.

Steger und Lübke sagen, es gebe nicht den einen Schuldner: "Jeder Fall ist einzigartig und muss entsprechend bearbeitet werden." Doch die Zunahme der Anfragen beunruhige sie. Gleichwohl nehmen die Verschuldeten ihre Situation offenbar als stigmatisiert wahr: Jene, die bei der Beratung anklopfen, wollen nicht öffentlich über ihre Situation sprechen.

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