Vorlesen

Skispringen: Erster 250-m-Flug der Geschichte in Vikersund?

Uhr | Aktualisiert 25.01.2013 16:51 Uhr

«Die 250 Meter sind mein Traum. Möglich ist das definitiv», so Abders Jacobsen. (ARCHIVFOTO: DPA)

Herzrasen, Schwitzen - und dann abheben: Auf dem „Monster-Bakken“ in Vikersund hoffen die Skispringer auf den ersten 250-m-Flug der Geschichte. Doch auch die Gefahr fliegt auf der größten Schanze der Welt immer mit.
Drucken per Mail
Köln/Vikersund/sid. 

Der Puls steigt auf 180 Schläge, der Schweiß steht auf der Stirn, dann endlich beginnt der tollkühne Sturz in die Tiefe: Skifliegen ist die Königsdisziplin der Weitenjäger, und der „Monster-Bakken“ in Vikersund ihr Mekka. Am Wochenende beginnt der Nervenkitzel aufs Neue: Auf der größten Schanze der Welt hoffen Künstler wie Richard Freitag, Gregor Schlierenzauer und Anders Jacobsen auf den ersten 250-Meter-Flug der Geschichte.

„Die 250 Meter sind mein Traum. Möglich ist das definitiv“, sagt der Tournee-Zweite Jacobsen. Der Norweger wohnt einen Schneeballwurf von der Schanze entfernt in Hönefoss und gilt als erster Kandidat auf den Weltrekord. Noch steht die Bestmarke bei 246,5 Metern, aufgestellt von Johan Remen Evensen im Februar 2011 - natürlich in Vikersund. 10,2 Millionen Euro hat das verschlafene Nest in den Ausbau der spektakulären Anlage investiert, um dem slowenischen Planica die begehrte Marke zu entreißen. Mit Erfolg. Auch der deutsche Rekord stammt aus Vikersund, aufgestellt bei der WM 2012 von Richard Freitag.

„Wie ein Vogel“ habe er sich gefühlt, sagte der Sachse nach seinem Flug auf 230 Meter: „Das war ein sensationelles Schwebe-Gefühl und kam mir länger als die fünf Sekunden vor.“ Noch mehr als Severin Freund gilt der 21-Jährige als geborener Weitenjäger. Gut möglich, dass es schon in der Qualifikation am Freitag (17.30/Eurosport) über die 230 Meter hinaus geht. „Ich habe auch im Fliegen Reserven“, sagte Freitag der Thüringer Allgemeinen.

Heiße Anwärter auf den 250-Meter-Flug kommen fast zwangsläufig auch aus Österreich. Zum einen ist da Spezialist Martin Koch, der Skifliegen als „Surfen ohne Wasser“ bezeichnet. „Um zu verhindern, dass ich in Vikersund an den Start gehe, müsste man mich einsperren“, hat er mal gesagt. Tournee-Gewinner Schlierenzauer könnte ganz nebenbei den Nykänen-Rekord von 46 Weltcup-Siegen einholen: „Die Schanze ist respekteinflößend und eine echte Herausforderung, das Luftgefühl unbeschreiblich geil.“

Und dennoch gilt: Auch die Gefahr fliegt immer mit. „Maximal vier Sprünge am Tag“ dürfe jeder Athlet absolvieren, sagt Vikersunds Rennleiter Ole Gunnar Fidjestöl, der 1988 in Oberstdorf Weltmeister wurde: „Von einer solchen Schanze zu springen, ist eben auch eine große mentale Belastung.“ Als 1998 der deutsche Teamarzt vor der WM den Adrenalinspiegel von Martin Schmitt und Sven Hannawald maß, übertraf das Ergebnis die Obergrenze um das Vierfache. Das entspricht dem Wert bei Menschen mit Todesangst. Kein Wunder, dass Bundestrainer Werner Schuster von einem „Tanz auf der Rasierklinge“ spricht.

Fast schon froh ist der Österreicher, dass Youngster Andreas Wellinger derzeit bei der Junioren-WM in Liberec im Einsatz ist. „Vikersund ist die größte Schanze der Welt, ich wollte dort einen 17-Jährigen nicht mit dem Skifliegen beginnen lassen“, sagte Schuster: „Die Kräfte dort sind so groß, dass es einem fast die Schuhe auszieht. In letzter Konsequenz ist es eine Herzensangelegenheit.“ Viele Fragezeichen stehen derweil hinter dem Einfluss der neuen Anzüge.

„Wir werden extrem schnell in der Luft, es bremst wenig. Das kann auch gefährlich werden, wenn man das Ganze mit zu viel Anfahrtsgeschwindigkeit kombiniert“, sagt Schlierenzauer. Auch Jacobsen fürchtet: „Früher haben dich die Anzüge stabilisiert, jetzt bekommt man keine Unterstützung. Das kann sich heimtückischer anfühlen als vorher.“ Kein Zweifel: Der Monster-Bakken schüchtert ein. Auf den Punkt brachte es der Norweger Tom Hilde: „Ich bin froh, dass ich nicht als Erster springe.“

Auch interessant