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Radsport: Was ist Armstrongs Strategie?

Uhr | Aktualisiert 16.01.2013 21:59 Uhr
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Wie vom Reißbrett gleicht die spektakuläre Doping-Enthüllung bei Talkmasterin Oprah Winfrey dem klassischen Drama. Die Spannung steigt seit drei Tagen ins Unermessliche: Die Sportwelt wartet auf die Ausstrahlung der Beichte des Lance Armstrong. Und zugleich wird gemutmaßt, was genau den gefallenen Radsport-Helden veranlasst hat, nun in die Offensive zu gehen.
Austin/SID. 

"Lance Armstrong ist ein knallharter Kalkulierer und Realist", sagte der Ex-Radprofi und geständige Doper Jörg Jaksche. "Ich könnte mir vorstellen, dass er sich zum Kopf einer neuen Bewegung macht und so positioniert, dass er den Radsport ändern will. Die Frage ist: Wie viel Kalkül steckt dahinter?"

Wie Staatsdoping

Seit der Aufzeichnung der Sondersendung, die am Donnerstag und am Freitag in zwei Teilen im Oprah-Winfrey-Network (OWN) und via Sky auf Discovery Channel ausgestrahlt wird, spekuliert die Sportwelt über das Ausmaß des Geständnisses. Nur: An echte Reue glaubt kaum jemand. Professor Wilhelm Schänzer, der Leiter des Biochemischen Labors an der Deutschen Sporthochschule in Köln, vergleicht Armstrongs Machenschaften mit systematischem Staatsdoping. "Armstrong ist unheimlich strukturiert und hat sehr gut mit Anwälten zusammengearbeitet, vielleicht sogar Sportfunktionäre beeinflusst. Ähnlich strukturiert war das in der DDR, wo alles unter staatlicher Aufsicht gemacht wurde." Und weiter: "Wir haben hier einen Sportler, der sein persönliches Dopingsystem perfekt aufgebaut hat."

Konsequenzen wird das Interview zunächst nur für Armstrongs Ansehen haben - für eine mögliche Reduzierung seiner lebenslangen Sperre verlangt die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada nämlich ein "umfassendes Geständnis unter Eid". Und nur wenn er "den Behörden unter Eid alles berichtet, was er weiß, kann ein solcher Prozess beginnen", sagt Wada-Generaldirektor David Howman.

Das Ende des Weltverbandes?

Die Beichte in der Oprah-Show dürfte allerdings weitreichende Konsequenzen für Armstrongs Helfer und Doping-Förderer haben. Die "New York Times" will erfahren haben, dass Armstrong angekündigt hatte, gegen "mehrere mächtige Personen im Radsport" auszusagen. Somit werden vor allem der frühere Präsident des Weltverbandes UCI, Hein Verbruggen, und der amtierende UCI-Boss Pat McQuaid, die beide stark in der Kritik stehen, die Sendung mit Nervosität verfolgen. Der UCI wird vorgeworfen, das System Armstrong gedeckt zu haben.

Sollte Armstrong "zu 100 Prozent offen und ehrlich" gewesen sein, "kann es die UCI in dieser Konstellation nicht mehr geben", mutmaßt Jaksche. "Wenn alles rauskommt, hat das tiefgreifende Konsequenzen, all die Verstrickungen und Verbindungen. Dann wäre für den Radsport ein Sabbat-Jahr ganz gut."

Ausschluss von Olympia denkbar

Der frühere Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Richard Pound, kündigte an, der UCI könne sogar der Ausschluss aus dem olympischen Programm drohen. FOTO: REUTERS