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Paralympics: Happy End für Kober nach Krankheitsdrama

Uhr | Aktualisiert 04.09.2012 16:19 Uhr
Birgit Kober holt sich vor 80.000 Zuschauern die Goldmedaille. (FOTO: DPA) 
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Speerwerferin Birgit Kober hat Gold bei den Paralympics in London geholt. Mit ihrem letzten Versuch kam sie auf die Rekordweite von 27,03 Metern. 80.000 Menschen sahen der 31-jährigen Rollstuhlfahrerin begeistert bei ihrem Goldwurf zu.
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London/dpa. 

80 000 Menschen feuerten Birgit Kober bei ihrem letzten Versuch im Olympiastadion an, sie sah sich selbst auf der Riesenleinwand, musste schmunzeln - und schleuderte ihren Speer auf die Rekordweite von 27,03 Meter.

«Das war alles so viel größer als man selbst auf diesem Bildschirm», erzählte eine in Tränen aufgelöste Leichtathletin, die sich selbst den größten Augenblick ihrer Karriere und ein kleines Happy End nach ihrem Krankheitsdrama beschert hat. Den Paralympics-Sieg widmete sie ihrer an Krebs gestorbenen Mutter.

«Man hat mir mein Leben weggenommen», meinte Kober, die 2007 nach einem Epilepsie-Anfall und falscher Behandlung im Rollstuhl sitzt. Ihr Körper reagierte auf eine viel zu hohe Dosierung in einer Klinik mit massiven Koordinationsstörungen. Die Folge: Sie musste ihr Pädagogik-Studium vor der Magisterarbeit abbrechen, eine Umschulung zur Heilpädagogin schaffte sie wegen ihrer Einschränkungen nicht.

Im Oktober steht der Prozess am Landgericht München an, die 31-Jährige will Gerechtigkeit: «Die Ärzte geben den Behandlungsfehler ja zu, aber ich werde von den Anwälten mit Schlamm beworfen und soll keinen Ausgleich bekommen.» Absahnen will sie nicht, aber weiter von Hartz IV zu leben, sei sehr schwer.

Die schon als Jugendliche aktive Athletin sah nach ihrem Drama vor vier Jahren die Behindertenspiele von Peking im Fernsehen, fühlte sich inspiriert und probierte trotz ihrer massiven Probleme ein paar Kugelstöße in der Tiefgarage aus. Sie fragte bei Münchner Vereinen nach, doch keiner wollte die Rollstuhlfahrerin.

Da war Kober mit ihrem langjährigen Coach Joachim Lipske zu ganz ungewöhnlichen Trainingsmethoden gezwungen. Auf einer Wiese in München-Neuperlach bauten sie Bierkisten zusammen, auf der sich die Kämpferin beim Speerwurf abstützen kann. «Ich muss mich nur mit den Hundebesitzern einigen», erzählt Kober mit einem Lachen, «und die Kisten verstecke ich hinterher wieder im Busch.» Im Winter geht es dann wieder zum Kugelstoßen in die Garage.

Offiziell startet sie inzwischen für Bayer Leverkusen, dem Vorreiter im deutschen Behindertsport. Einen richtigen Heimatclub hat die Weltrekordhalterin mit Kugel und Speer aber immer noch nicht.

«Das ist ganz toll, was Birgit leistet», findet die ehemalige Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius, «es muss so schwer sein, fast ohne Beineinsatz zu werfen.» Für Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, ist Kobers Erfolg «die Krönung ihrer Trainingsfleißes. Es ist so wunderbar für sie mit dieser Geschichte.»