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Handball: Konfliktpotenziale im DHB-Team

Uhr | Aktualisiert 24.01.2013 21:33 Uhr
Rückraumspieler Stefan Kneer (Mitte) vom SC Magdeburg war einer der Gewinner dieser WM. (FOTO: REUTERS) 
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Als verschworene Gemeinschaft hat es das deutsche Team bis ins Viertelfinale geschafft. Doch was wird nun aus den Spielern, die in Spanien fehlten?
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Saragossa/mz. 

Die WM endete für die deutsche Handball-Nationalmannschaft im Dunkeln. Am Donnerstagmorgen gegen 5.30 Uhr trotteten die ersten Spieler völlig übermüdet vom Teamhotel in die verregnete Nacht von Saragossa. Der Bus zum Flughafen Madrid wartete. Und dass sie dabei nur knapp einen torkelnden Spieler Spaniens verpassten, der den 28:24-WM-Viertelfinalsieg vom Vorabend ein wenig zu lang gefeiert hatte, dürfte ihnen herzlich egal gewesen sein.

Dennoch hätten die Gefühlswelten kaum besser auf den Punkt gebracht sein können. Das WM-Aus hing nach, die Nationalspieler und auch Bundestrainer Martin Heuberger traten mit gemischten Gefühlen die Rückreise an. "Ich bin noch immer etwas traurig, wir haben ein gutes Spiel gegen die Spanier abgeliefert", sagte Heuberger. "Trotzdem lässt sich auf der tollen Entwicklung der Mannschaft bei diesem Turnier aufbauen."

Nach den vergangenen drei Jahren, als die Auswahl bei Welt- und Europameisterschaften nur Zehnter, Elfter und Siebter geworden war und gar die Olympischen Spiele von London verpasst hatte, zeigt der Trend nun wieder nach oben. Die vor der WM als Gurkentruppe verschriene Mannschaft mit sieben Neulingen hat sich mehr als achtbar geschlagen. Sie wird offiziell als Turnier-Fünfter geführt.

Bemerkenswert war vor allem, dass sich über das Turnier hinweg eine Eigendynamik entwickelt hat, die nun transportiert werden soll. "2015, 2016 wollen wir mal wieder das Halbfinale erreichen, das sollte schon unser Anspruch sein", sagte der Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Handballbundes (DHB), Horst Bredemeier.

Vertrauen in Heuberger

Doch um dieses Ziel zu erreichen, muss das Niveau ausgebaut werden. Und geht es nach Bredemeier, sollte dieses Ziel auf jeden Fall mit Martin Heuberger als Coach angegangen werden. "Es gibt ganz wenige Trainer, die fachlich so viel vom Handball verstehen wie er", findet Bredemeier, der von 1989 bis 1992 selbst Bundestrainer war. "Martin hat es verdient, das entsprechende Vertrauen zu erhalten und bis 2016 weiterarbeiten zu dürfen." Heubergers aktueller Vertrag läuft bis 2014.

Er selbst sieht sich gewappnet für die Zukunft. "Wir sind in der Breite wirklich gut aufgestellt, das hat dieses Turnier gezeigt", befand der Bundestrainer. Und das zurecht. Denn zahlreiche Topspieler wie Holger Glandorf, Lars Kaufmann, Uwe Gensheimer (Verletzung) oder Christian Sprenger fehlten dem Team in Spanien. Heuberger setzte gezwungenermaßen auf Spieler, die nicht bei den Topvereinen in Lohn und Brot stehen, sondern bei eher mittelmäßigen Ligaklubs. Und gerade Spieler wie Kevin Schmidt, Steffen Weinhold oder der Magdeburger Stefan Kneer deuteten ihr Potenzial an.

Man darf also darüber stolpern, wenn Heuberger noch in Saragossa durchblicken ließ, er werde künftig nicht nur nach Qualität nominieren, sondern auch nach Mentalität. Heißt: Er will in Zukunft verstärkt auf junge, willige Spieler setzen, die lieber bei Vereinen aus dem Bundesliga-Mittelfeld Spielpraxis sammeln statt bei Topklubs auf der Bank zu sitzen. "Die Jungs müssen für die Nationalmannschaft spielen wollen."

Was tun mit Glandorf und Kaufmann?

Heuberger stand immer noch unter dem Eindruck der vergangenen Tage, als sich seine Spieler zu einer Einheit zusammengefunden hatten, die, so hörte man aus dem Mannschaftskreis, in der jüngeren Vergangenheit seinesgleichen suchte. Es dürfte also Konflikt-Potenzial bergen, wenn die gesundeten Stammkräfte wieder ins Nationalteam zurückkehren wollen - für sie müsste Heuberger dann wohl oder übel WM-Fahrer streichen.

Vor allem die Personalien Glandorf und Kaufmann dürften für Diskussionen sorgen, immerhin hatte der Bundestrainer Glandorf vor der WM angezählt. Er spüre beim Flensburger kein Feuer für die Auswahl, während Glandorf selbst nach einer schweren Fußverletzung, verursacht durch eine Infektion im Rahmen eines Nationalmannschafts-Lehrgangs, über Herz-Kreislauf-Probleme klagte.

Ob ein Lars Kaufmann aufgrund der neuen Alternative wie Kneer oder Steffen Fäth überhaupt noch gebraucht wird, erscheint ebenfalls fraglich. Während Heuberger diese Diskussion als hypothetisch abtut, sagt Horst Bredemeier: "Wir sollten uns dem nicht verschließen. Mit dem einen oder anderen erfahrenen Spieler wäre vielleicht schon bei dieser WM mehr drin gewesen."

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