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Kommentar zu den Fanprotesten: Der Fußball braucht die kritischen Stimmen der Ultras

Fluch und Segen: Die HFC-Fankurve feiert den 50. Vereinsgeburtstag mit einer tollen Choreographie - und Pyrotechnik.

Fluch und Segen: Die HFC-Fankurve feiert den 50. Vereinsgeburtstag mit einer tollen Choreographie - und Pyrotechnik.

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imago/Manngold

Halle (Saale) -

TV-Talkerin Sandra Maischberger bezeichnete sie als „die Taliban der Fußballfans“, NRW-Innenminister Ralf Jäger wollte sie „konsequent bekämpfen“, für die Gewerkschaften der Polizei sind sie ein rotes Tuch und auch manch Fußballfan verteufelt sie: die Ultras. Sie fallen auf. Sie sind das auffälligste Merkmal in den deutschen Fankurven. Fahnen, Megafone, Choreographien - und immer wieder Ärger mit Gewalt und Pyrotechnik rücken sie in den Fokus. Sie treten in großen, organisierten Gruppen auf, engagieren sich im Vereinsleben, äußern ihre Meinung. Einfach ist es mit ihnen nicht, für keinen der am Fußball Beteiligten. Aber wer kritisch ist, ist meistens nicht ganz einfach.

Einfach sind all jene, die den Fußball konsumieren, wie er ihnen gereicht wird: weniger Steh- für mehr VIP-Plätze, teurere Tickets bei steigenden TV-Einnahmen, alkoholfreies Bier zu höheren Preisen – egal, Hauptsache der Ball rollt, der Lieblingsverein steht auf dem Rasen und die Stimmung ist gut. Wo das endet, sieht der Fußballfan gar nicht weit von uns, im Mutterland des Fußballs. Die englische Liga feiert sich für den teuersten TV-Deal aller Zeiten, der den Premier-League-Clubs in den kommenden Jahren sieben Milliarden Euro in die Kassen spülen wird. Doch gleichzeitig haben sich die einst so stimmungsvollen Arenen in London, Manchester oder Liverpool atmosphärisch dem Tennis-Turnier von Wimbledon angepasst: sitzen, konsumieren, ab und an mal klatschen, so lauten dort die Vorschriften. „Support your Club – and buy!“ (Unterstütze deinen Vereinen – und kaufe ein!) prangt auf einem Plakat im Fanshop von Arsenal London. Damit ist vieles gesagt. Ultras in England? Kaum vorstellbar.

Weniger Fan-Probleme - weniger Stimmung

Und natürlich ersparen sich die englischen Vereine damit auch allerlei Probleme. Weniger Geldstrafen und schlechte Presse für Ausschreitungen oder Pyrotechnik, keine aktive Opposition aus der Fankurve, niemand, der den Finger in die Wunden legt. Die Premiere-League-Vereine haben es einfach – und werden dabei maßlos, wie die jüngsten Planungen des FC Liverpool zeigten. Trotz des Rekord-TV-Deals sollten die Ticketpreise dort um mehr als 30 Prozent angezogen werden. Ein später Wachruf für viele Fans auf der Insel, die den Verein daraufhin mit einem großangelegten Protest zu einer Entschuldigung und Rücknahme der Pläne zwangen.

Wenn nun also Dortmunder Ultras beim Pokalspiel in Stuttgart Tennisbälle aufs Spielfeld werfen, aus Protest gegen die aufgerufenen Ticketpreise, dann ist dies eine Form der Kritik, die jeder Fußball-Liebhaber aushalten muss. Zehn Sekunden Spielunterbrechung, damit die Spieler vor laufenden Kameras die Bälle vom Feld räumen – das sollte es wert sein, wenn so auf einen Missstand hingewiesen wird, der sich von England aus immer weiter in Richtung der Bundesliga ausweitet. Wer bei besagtem Pokalspiel im Oberrang hinter dem Tor sitzen wollte, musste dafür fast 50 Euro zahlen. Auf den Geraden begannen die Preise bei 62,50 Euro aufwärts – neben der Tennisball-Aktion, honorierten die Fans dies vor allem durch ihr Wegbleiben. Mehr als 15.000 Plätze blieben für dieses Viertelfinalspiel zwischen zwei fanstarken Clubs „unverkauft“.

Wichtiges Gegengewicht

Ultras mit sich bringt, auszuhalten und auf kollektive (Vor-)Verurteilungen zu verzichten. Jeder Fall von Gewalt ist einer zu viel, Pyrotechnik im Stadion gefährdet Unbeteiligte –

das steht nicht zur Debatte. Wen Polizei und Ordnungskräfte beim Ausüben solcher Straften identifizieren, der darf sich über entsprechende Strafen nicht beschweren. Doch das darf nicht darüber hinweg täuschen, dass es vor allem die Ultras sind, die im deutschen Fußball ein erforderliches Gegengewicht zur fortschreitenden Kommerzialisierung bilden und dabei gleichzeitig die Stimmung in den Fankurven bereichern.

Diese Stimmung und die vollen Stadien sind ein großer, vielleicht der größte Wert der heimischen Liga. Die DFL und ihre Vereine nutzen ihn aus, um bunte Bilder, gespickt mit energiegeladener Atmosphäre, rund um die Welt zu schicken und damit für das eigene Produkt zu werben. Wie schnell aber aus tobenden Fankurven trostlose Tribünen werden, haben die aktiven Fußballfans zuletzt immer wieder bewiesen, indem sie ihre Dienste einfach quittiert und die Stimmungsmache boykottiert haben. Niemand, vom Fußballfan bis zum Innenminister, kann ernsthaft wollen, dass dies irgendwann zum Dauerzustand wird.

Ultras sorgen abseits des Platzes genauso für grandiose als auch für verzichtbare Momente. Gemeinsam mit den vielen deutlich weniger radikalen Fanclubs- und Organisationen, sind sie ein wichtiger Bestandteil des deutschen Fußballs. Weil sie kritisch sind, ihre Meinung öffentlich kundtun und gelernt haben, für ihre Ziele zu kämpfen. Sie gehören zum Stadionbesuch in Deutschland wie er gut und richtig ist: für alle Schichten bezahlbar, stimmungsvoll und farbenfroh. Nur so macht die Bundesliga Spaß.

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