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Mitteldeutsche Zeitung | Eine besondere Liebe: 50 Jahre HFC: Verdammt und vergöttert
26. January 2016
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Eine besondere Liebe: 50 Jahre HFC: Verdammt und vergöttert

Volles Haus in den 80er Jahren im alten Kurt-Wabbel-Stadion.

Volles Haus in den 80er Jahren im alten Kurt-Wabbel-Stadion.

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MZ-Archiv

Es ist alles vorbei, vorüber, erledigt an diesem Märzabend 2001. Gestandene Männer haben Tränen in den Augen, wütende junge Leute singen „Lieber ein Verlierer sein, als ein dummes Affenschwein“. Michael Schädlich, damals noch Vize-Präsident des Halleschen FC, wirkt verzweifelt. „Auch ich will diese Scheiß-96 nicht im Namen haben“, ruft er den aufgebrachten Fans im HFC-Lokal „Bischoff“ zu. Aber Alternativen gibt es nicht: „Für uns sind keine neuen Finanzquellen erschließbar.“

Es ist der tiefste Punkt im tiefen Tal, wieder mal. Der Hallesche FC, am 26. Januar 1966, heute vor 50 Jahren auf Geheiß des Fußballverbandes der DDR gegründet, steht vor dem Aus, zumindest aus Sicht vieler Fans. Die geplante Fusion mit dem Ortsrivalen VfL Halle 96 gilt Männern wie Sven Rutke, Michael Müller und Jens Schumann als Beerdigung zweiter Klasse. Mit einer 96 im Vereinsnamen, sagen sie, wäre der HFC nicht mehr der HFC, dem sie in den dunklen Jahren nach dem Abstieg in die fünfte Liga auf die Dörfer gefolgt sind. Dann lieber untergehen, lieber ein Verlierer sein, aber seinen Stolz behalten.

Im Mittelfeld eingerichtet

So war das in Halle meistens. Abgesehen von einem dritten Platz in der DDR-Oberliga 1971 richtet sich der Klub von der Saale im Mittelmaß ein. Nach oben ist bei Platz fünf Schluss, unten fungiert die zweite Liga zweimal als Auffangbecken. Erst mit dem Ende der DDR folgt ein fast schon gespenstischer Aufschwung. Zum Erstaunen auch der eigenen Fans überflügelt der HFC in dieser letzten Oberliga-Saison die Konkurrenz aus Magdeburg, die international erfahrenen Jenaer und die damals inbrünstig verachtete Lok aus Leipzig. Platz vier bedeutet den Aufstieg in die zweite gesamtdeutsche Liga.

Was folgt, ist aber wieder typisch Halle: Der Beginn der größten Talfahrt eines DDR-Traditionsvereins. Obwohl Ex-Trainer Karl Trautmann bis heute sicher ist, in Halle eine Mannschaft hinterlassen zu haben, „die locker in der zweiten Liga mithalten kann“, geht es über Liga drei und vier bis hinunter in die fünfte Spielklasse. Ulrich Holesowsky, damals Präsident des sinkenden Dampfers, beschreibt es im Nachhinein als Mischung aus Pech und Unkenntnis. „Es wurde zu viel ausgegeben, und die Buchhaltung war nur andeutungsweise vorhanden.“ Der Abstieg habe dann eine Kettenreaktion in Gang gesetzt.

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Der stolze Klub aus Halle, in seinen besten Tagen Europacup-Teilnehmer, ist am Ende, eine Witznummer, verlacht von den Stadtoberen, die lieber die Konkurrenz vom Zoo zur Nummer eins der Stadt machen. Und bald auch vergessen von den Fans, die zu DDR-Zeiten zu Zehntausenden ins Kurt-Wabbel-Stadion geströmt waren.

Die fürchterlichste Saison

Auf dessen Tribünen verlieren sich bloß noch ein paar Hundert. Die eint allerdings ein neues Selbstbewusstsein, das sich aus einem Nun-gerade-und-erst-recht speist. Beim HFC dieser Tage gibt es nichts zu gewinnen, keinen Fußball zum Genießen, keine Meisterschaften zu bejubeln, nicht mal die Aussicht auf einen Pokalsieg. Führt die HFC-Elf gegen Gera oder Arneburg mal 2:0, ahnen die Kummer gewohnten 200, 300 auf den bröckligen Rängen, dass Torwart Maik Völkner gleich noch zweimal hinter sich greifen muss. Mindestens.

Die fürchterlichste Saison endet 1995: In 30 Spielen holt der HFC drei Punkte. Die junge Mannschaft, mangels anderer Spieler ein A-Jugend-Team, in dem der heutige Co-Trainer Dieter Strozniak als Libero versucht, das Schlimmste zu verhindern, schießt 17 Tore und kassiert 83 Gegentreffer. Ein Sieg gelingt nie, als Tabellenletzter mit 19 Punkten Rückstand auf den Vorletzten steigt der HFC ab.

Peter Patan vom HFC-Fanclub 69 ist dabei gewesen. Er nennt die Männer, die damals das Rot und das Weiß trugen, „die beste Mannschaft, die wir jemals hatten“. Diese Elf mit Spielern wie Sven Kitzinger, Raik Wawrzyniak und Nils Böttcher habe für den Klub gespielt und „den Kopf hingehalten, als es ganz ernst war“. Patan bekam bei einem Fanklub-Turnier eine Blindenbinde mit drei Punkten. „Auf das Ding bin ich bis heute stolz“, sagt er.

Maik Völkner ist damals Torwart, ein Posten, von dem der gebürtige Hallenser immer geträumt hat. Mit 20 Jahren ist er am Ziel. Dann sagt ihnen der Trainer bei einer Versammlung auf dem Rasen, tut uns leid, der Verein hat kein Geld mehr. Wir können euch nichts mehr bezahlen, keine Schuhe, keine Handschuhe. Wer gehen will, dem nehmen wir nichts übel. Völkner bleibt. Er erlebt ein 2:12 gegen Bayern München, nach eigener Führung durch Sven Kitzinger. Ein guter Tag, sagt er. Und es wird noch besser. Nach einem Jahr gibt es endlich auch wieder mal einen Sieg. „2:1 in Gräfenhainichen, das war wie die Weltmeisterschaft“, schwärmt Völkner noch Jahre später, ein bisschen staunend über sein früheres Selbst. „Wir haben uns eine Klatsche nach der anderen geholt, kein Geld bekommen und waren doch glücklich, für den Verein spielen zu dürfen.“

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Mit so einer Liebe zu einem Fußballklub ist es wie mit jeder anderen: Man sucht sie nicht aus, man wird ausgesucht. Fans wie Patan, wie Korni, Rudi oder Grabbel wissen das, wie es Andreas Muth ebenso weiß, nur anders. 1971 stand der kleine Andreas unter der Anzeigetafel des Kurt-Wabbel-Stadions, als der HFC im Europapokal vor 35 000 Zuschauern ein 0:0 gegen den PSV Eindhoven ertrotzt. 25 Jahre später wird der Jungunternehmer HFC-Präsident, weil es kein anderer machen will. Muth bleibt vier Jahre und rudert „in jedem einzigen davon um die blanke Existenz“. Jahre im Keller, von denen er später sagt, dass es „nie darum ging, aufzusteigen oder vorn mitzuspielen, sondern immer nur darum, am Leben zu bleiben“.

300 oder 400 Zuschauer kommen damals zu den Spielen der Mannschaft, die sie trotzig immer noch Chemie nennen. „Die Fans passten alle unter einen Regenschirm“, erinnert sich Jens Herrmann, der noch genau weiß, wie er Mitleid erntete, sobald er zugab, dass er nicht Bayern- und nicht Schalke-, sondern ja, doch, HFC-Fan sei. „Alle haben einen angeguckt, als komme man vom Mond.“ So wirkt auch das Wabbel-Stadion in Schlagerpartien gegen Suhl, Borna und Grimma: Ein großer, zugiger Kessel, gefüllt mit enttäuschten Erwartungen.

Zehn Jahre werde in Halle sportlich nichts mehr gehen, ist sich Lutz Schülbe sicher, der das HFC-Zweitliga-Team bis zu einem Kreuzbandriss noch auf Kurs Klassenerhalt gehalten hatte. Es dauert sogar noch länger. Nur wenige zweifeln nie daran, „dass wir eines Tages wieder die Nummer eins in der Stadt werden, wenn wir es nur schaffen, bis dahin zu überleben“, wie Muth sich stets vorsagte.

Übermächtiger Ortsrivale

Ende der 90er Jahre ist der Ortsrivale VfL schier übermächtig. Hier ist das Geld, hier sitzen die Politiker auf der Tribüne. Hier halten Chefs von städtischen Unternehmen Hof, um zwischen Pausenpils und Abpfiffwurst Geschäfte zu machen. Die Blau-Roten vom Zoo spielen in der dritten Liga gegen die alte Oberliga-Konkurrenz Union Berlin, Dynamo Dresden und Erfurt. Der HFC misst sich mit Calbe, Völpke und Amsdorf. Eine ganze Fan-Generation in Halle und Umgebung hat das erlebt. Fußball nicht als Spiel, in dem es ums Gewinnen geht. Sondern als Ereignis, an dem man mit Verliererstolz teilnimmt, wie Mario Rutke sagt.

Klare Fronten bis zu eben jenem Märzabend 2001, an dem Geld und Umfeld sich zusammentun wollen, wie Michael Schädlich formuliert. Es ist die Entscheidungsschlacht, die von denselben Gefühlen gewonnen wird, die den HFC bis in seinen schwärzesten Stunden haben weiterspielen lassen, obwohl es keinen Grund gab außer dem, dass all die Geschichte, all die Tradition, die Erinnerung an grandiose Siege und schmerzhafte Niederlagen von Chemie so nicht enden kann.

Tut sie nicht. Zu groß ist der Widerstand, die Seele des Vereins an den Erfolg zu verkaufen. Über acht Jahre quält sich der HFC stattdessen durch die vierte Liga. Keine glücklichen Jahre, für niemanden. Aber wo die Liebe hinfällt, bleibt keine Wahl, selbst wenn die Belohnung für Treue und Hingabe ausfällt: Als endlich der Aufstieg gelingt, sorgt eine Reform der Spielklassen dafür, dass auch die neue Liga wieder die vierte ist. Pech. Aber nun gerade. Und erst recht erst recht. Es sind lange Jahre im Mittelfeld der Tabelle, es ist ein Jahrzehnt mit Spielen gegen Pößneck, Gotha und Meuselwitz, das den mentalen Zustand vieler Fans bis heute erklärt: Dankbarkeit, trotz alledem noch da zu sein, überwiegt das selbstbewusste, laute Anspruchsdenken, das Vereine weiter nördlich prägt.

Weitere interessante Fakten zum HFC-Geburtstag lesen Sie auf Seite 4.

Lieben heißt leiden, treu sein heißt dulden. Und so sind die Fans immer da, immer öfter sogar mehr, als es dem HFC gut tut. Immer wieder kommt es in jenen wilden Tagen der Rückverwandlung eines Amateur- in einen professionellen Fußballverein zu gewalttätigen Ausschreitungen und rassistischen Beleidigungen. Ein Teil der HFC-Fans erarbeitet dem Klub einen Schreckensruf. Die Klubführung zahlt Zehntausende Euro Strafe. Eine gläserne Decke liegt auf dem alten Stadion, in das regelmäßig um die 1.500 Zuschauer kommen.

Zeit, die nie vergeht

Nicht mehr, ehe nicht in einem Kraftakt ein neues Stadion auf dem Fundament der alten Mitteldeutschen Kampfbahn von 1936 gewachsen ist. Dann allerdings geht es ganz schnell: Der HFC steigt nach genau 20 Jahren im Amateurbetrieb wieder in den Profifußball auf. Der Zuschauerschnitt verfünffacht sich. Die alte, intime Fankultur der störrischen Männer, die wie Patan, Rutke oder Herrmann die ganze Talfahrt samt all der Tragödien mitgemacht haben, verschwimmt, aufgelöst in einem größeren Zusammenhang.

„Auf einmal sind sie alle da“, beschreibt Mario Rutke sein neues, zwiespältiges Fan-Gefühl im schicken Stadion, das nun „Erdgas-Sportpark“ heißt. Kaum einer wisse hier doch noch, wie er damals „mit hundert Hanseln nach Aschersleben gefahren“ sei. Eine Zeit, die nie vergeht.

Doch auf der Tribüne grüßt inzwischen der Theaterchef den Innenminister, der Klempnermeister den Oberbürgermeister. Vor großen Spielen müssen die Fans manchmal nach Karten anstehen. Zum heutigen 50. Klubgeburtstag gibt es einen Jubiläumsempfang im Kongresszentrum. Und alles in allem geht es auch beim HFC ums Gewinnen, nicht mehr nur darum, mit erhobenem Kopf zu verlieren und so zu tun, als störe es einen nicht. Nach 50 Jahren ein normaler Fußballverein, dessen Fans fürchterlich grantig werden, wenn sie zum Jubelfest daheim gegen die verabscheuten Magdeburger verlieren und die im HFC-Duktus nur „Magdedorfer“ genannten Gäste auch noch laut im Erdgas-Sportpark herumbrüllen dürfen.

Liebe hin, Leiden her und Treue bis ins tiefste Tal: Der HFC lernt gerade, dass Siegen am Ende doch das Schönste ist. (mz)

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