Nachrichten aus Sachsen-Anhalt, Mitteldeutschland und der Welt
Mitteldeutsche Zeitung | Interview mit Hans Sarpei: „Warum malt man sich schwarz an?“
08. July 2014
http://www.mz-web.de/812106
©

Interview mit Hans Sarpei: „Warum malt man sich schwarz an?“

Hans Sarpei spielte unter anderem für Fortuna Köln, Schalke und Bayer 04.

Hans Sarpei spielte unter anderem für Fortuna Köln, Schalke und Bayer 04.

Foto:

Dahmen

Herr Sarpei, das Thema Rassismus ist bei dieser WM ziemlich präsent. Gegen deutsche Fans wurde von der Fifa ermittelt, weil sie sich vor dem Ghana-Spiel die Gesichter schwarz angemalt hatten – als karnevalserprobter Rheinländer würde man darüber eher hinweggehen, vor allem wenn man nicht schwarz ist...

Hans Sarpei: Ich glaube eher nicht, dass die Leute, die sich da die Gesichter schwarz gemalt haben, Rassisten sind. Aber ich verstehe auf der anderen Seite, dass Leute sich beschwert haben, weil so eine Aktion rassistisch sein könnte. Einfache Frage: Warum malt man sich schwarz an, wenn man gegen Ghana spielt? Das macht ja auch keiner, wenn es gegen andere Mannschaften geht. Wenn sie gegen Frankreich spielen, ziehen sie sich ja auch kein Frankreich-Trikot an. Man muss diesen Leuten sagen, dass sie da ein bisschen sensibler sein sollten – wir sind ja nicht beim Karneval.

Obwohl es manchmal so aussieht in den Stadien...

Sarpei: Ja, aber deutsches Trikot tragen und Gesicht schwarz anmalen? Wenn sie für Ghana sind, gut – aber dann sollen sie ein Ghana-Trikot anziehen. Wenn Deutschland-Fans das machen, ist das für Ghanaer schwer nachzuvollziehen.

Wie ist generell Ihr Eindruck?

Sarpei: War das auch beim Ghana-Spiel, wo der Flitzer über den Platz gerannt ist? Der mit den SS-Zeichen? Das ist traurig, wenn so was zu sehen ist. Aber generell findet die WM in einem Land statt, wo Schwarz, Weiß und Gemischt miteinander leben, weitaus mehr als in Deutschland. Deshalb hatte ich schon vorher nicht gedacht, dass es größere Probleme geben würde.

Nun ist die Fifa in diesem Bereich sehr aktiv: Bei den Viertelfinalspielen hielten die Mannschaften die Fifa-Banner mit dem Slogan „ Say no to racism“ für Milliarden von Zuschauern unübersehbar in die Kameras; die Mannschaftskapitäne verlasen Botschaften für Gleichheit und Gleichberechtigung. Sehr plakativ – und dennoch richtig?

Sarpei: Ich glaube schon, dass es etwas nützt. Fifa oder nicht – es ist richtig, die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken. Es ist wichtig vor allem für Jugendliche, damit die mit diesem Thema überhaupt in Berührung kommen. Wenn die sich fragen, was das soll und dann darüber sprechen, ist schon was erreicht. Wobei: Für Kinder ist das in der Regel ja gar kein Problem, die spielen alle zusammen, egal welche Hautfarbe, Nationalität oder Religion jemand hat. Kinder sind also sehr viel offener, wenn sie mit dem Thema in Berührung kommen. Das Problem ist doch häufig so: Leute, die auf dem Dorf aufwachsen, die kommen ja in Kindergarten oder Schule nicht mit Schwarzen in Kontakt. Und wenn sie dann später mit den falschen Leuten zusammen sind, dann entstehen die Probleme. Schon von daher ist viel Aufmerksamkeit gut. Und bei einer WM gucken viele Leute zu.

Also Lob für die Fifa. Das ist selten.

Sarpei: Naja, die Mannschaften zeigen das Plakat, die Kapitäne lesen was vor, immer dasselbe, was man ihnen halt in die Hand drückt und die Frage bleibt: Stehen die Mannschaften eigentlich dahinter? Da ist vielleicht mehr möglich: Sollen sich die Mannschaften doch selbst etwas ausdenken, soll sich der nationale Verband doch etwas einfallen lassen, was er gerne transportieren möchte. Aber die Fifa will ja alles kontrollieren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang, dass beinahe alle Mannschaften Spieler unterschiedlicher Hautfarben haben? Wird dadurch nicht offensichtlich, dass für Rassismus kein Platz ist?

Sarpei: Das stimmt. Aber es geht ja nicht nur um Fußball. Die Botschaft sollte sein: Hier auf dem Platz gibt es keinen Rassismus; Ihr könnt sehen, wie schwarz und weiß zusammen arbeiten; jetzt macht Euch Gedanken. Und wenn jemand kommt und erklärt, die Schwarzen und die Ausländer, die nehme Euch die Arbeit weg, dann funktioniert das nicht bei Leuten, die darüber schon mal nachgedacht haben. Die Botschaft aus dem Fußball war ja so: Egal ob schwarz oder weiß, du musst hart arbeiten.

Haben Sie den Eindruck, dass diese Botschaft in der Gesellschaft ankommt?

Sarpei: Ich glaube schon. Aber es wird immer irgendwo in den Stadien oder auf den Plätzen zu rassistischen Vorfällen kommen. Es ist nicht die Mehrheit, es sind meist kleine Gruppen. Aber die sind immer da. Ziel muss sein, dass auch diese Gruppen verschwinden.

Irgendwann.

Sarpei: Ja, irgendwann. Als ich mit 20 Jahren für Fortuna Köln gespielt habe, da hatte ich meinen ersten Kontakt damit. Wir haben in Cottbus gespielt, im Stadion der Freundschaft (lacht).

Schöner Name...

Sarpei: Ja, so freundschaftlich war es dann aber nicht. Es war brutal. Die Fans haben mich ausgepfiffen, wenn ich am Ball war, sie haben Affengeräusche gemacht und Bananen geschmissen. Und das wirklich Schlimme war: Keiner hat mir oder den anderen schwarzen Spielern geholfen. In den Berichten kam das nicht vor, keiner hat sich darum gekümmert, wie die Spieler damit zurecht kommen. Da hat sich in den letzten 15 Jahren – so lange ist das jetzt her – schon einiges entwickelt, bei den Vereinen, beim Verband, bei der Fifa. Aber natürlich kann man mehr tun. Ich denke manchmal, dass DFB und Fifa vor allem Punkte auf einer Liste abarbeiten: So, Thema Rassismus, Haken dran. Erledigt. Nachhaltig ist das nicht.

Naja, immerhin sind rassistische Vorfälle in den Strafenkatalog der Fifa aufgenommen wurden. Schiedsrichter können Spiele abbrechen deswegen, den Klubs drohen erhebliche Strafen. Ist das nicht ein Schritt in die richtige Richtung?

Sarpei: Auf jeden Fall. Es ist ja nicht einfach, die jeweils Verantwortlichen herauszupicken.

Ihr Freund Kevin-Prince Boateng hat einmal den Platz verlassen, als er beleidigt wurde. Seine Teamkameraden vom AC Mailand haben sich angeschlossen.

Sarpei: Das war eine starke Aktion von Kevin. Aber das war ein Freundschaftsspiel. Ich weiß nicht, ob er das bei einem Punktspiel auch gemacht hätte. Und ich weiß nicht, ob seine Mitspieler dann auch solidarisch geblieben wären. Denn da gilt die Regel: Weiterspielen. Aber es ist gut, wenn in Deutschland die großen Vereine mit ihren Fan-Betreuern aktiv sind und zur Not gegensteuern. Aber das ist Bundesliga, wir haben über WM geredet. Das sagt leider nichts aus darüber, wie es in den Kreisklassen aussieht, da wo keine Kameras sind und keine großen Plakate gegen Rassismus.

Was von da zu hören ist, auch aus dem Jugendbereich, das klingt manchmal nach Krieg: Deutsche gegen Ausländer, schwarz gegen weiß, Gymnasiasten gegen Hauptschüler...

Sarpei: Ja, leider. Hinzu kommen noch die Zuschauer. Dann spielt ein Schwarzer bei einer Mannschaft, und wenn der sehr gut ist, wird er bepöbelt und beleidigt. Und die armen Schiedsrichter mittendrin. Darum muss sich gekümmert werden. Die Zeichen, die von der WM kommen, sind wichtig. Aber sie lösen das Problem nicht.

nächste Seite Seite 1 von 2

Es gibt neue Nachrichten!

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?