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Dopingprozess: Sportler müssen ab Montag zittern

Uhr | Aktualisiert 24.01.2013 17:43 Uhr
Die Gerichtsverhandlung gegen den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes hat das Potenzial, der spektakulärste Dopingprozess der Sportgeschichte zu werden. (ARCHIVFOTO: DPA) 
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Die Gerichtsverhandlung gegen den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes hat das Potenzial, der spektakulärste Dopingprozess der Sportgeschichte zu werden. Nicht nur Radsportler, sondern auch Fußballer, Tennisprofis, Leichtathleten und Schwimmer müssen ab Montag zittern.
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Köln/Madrid/sid. 

Keine zwei Wochen nach Lance Armstrongs seichter Doping-Beichte droht dem Sport ein echtes Erdbeben. Ab Montag steht in Madrid der berüchtigte spanische Dopingarzt Eufemiano Fuentes vor Gericht. Der Prozess hat das Potenzial, nicht nur erneut die Radsport-Welt, sondern auch erstmals die der Fußballer in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ähnlich wie bei Armstrong spektakuläre Enthüllungen ausbleiben. „Es wird nicht viel herauskommen, das lässt schon die bisherige Aufarbeitung erahnen, die mehr Fragen aufgeworfen statt Antworten gegeben hat“, sagte der ehemalige Radprofi und geständige Dopingsünder Jörg Jaksche, der am 11. Februar als Zeuge in Madrid aussagen soll, im SID-Gespräch. Beinahe sieben Jahre ist es her, dass die spanische Guardia Civil im Rahmen der „Operacion Puerto“ (Operation Gebirgspass) bei mehreren Razzien Blut- und Plasmabeutel sowie eine Vielzahl Dopingmittel sicherstellte - unter anderem in Fuentes' Wohnung.

Die Aktion war quasi die Geburtsstunde eines ernsthaften Anti-Doping-Kampfes in Spanien, Kritiker bezeichnen das Land trotzdem noch heute als Eldorado für Betrüger. Die Blutbeutel führten die Ermittler damals zu Jan Ullrich, dessen tiefer Fall begann, und zu 57 weiteren Radprofis. Doch Fuentes, ein Frauenarzt aus Las Palmas, zählte etwa 200 Sportler zu seinen Kunden. „Namen, die auftauchen müssten, wurden noch nicht genannt, ich weiß nicht, warum“, sagte Fuentes 2006 in einem seiner seltenen Interviews und hob hervor, dass er auch Profis aus anderen Sportarten betreute, „vor allem Fußballer“. Auch Leichtathleten, Schwimmer und Tennisspieler sollen dazu zählen.

Doch bis heute nannte der 57-Jährige keine Namen - und wird es wohl auch weiterhin nicht tun. „Man hat mich mit dem Tode bedroht, dreimal, ein viertes Mal wird es nicht geben“, sagte Fuentes der französischen Zeitung Le Monde im Dezember 2006. Seitdem wurde Fuentes mehr und mehr zum Phantom. Angeblich wohnt er auf Gran Canaria, wo oder für wen er arbeitet, ist unbekannt. Aktuelle Bilder oder gar Aussagen von ihm gibt es nicht. Einst gerierte er sich als Menschenfreund, der Sportler nur vor der Überlastung schütze, die ein unmenschliches System ihnen aufbürde: „Wenn der Sportler seine Gesundheit gefährdet mit der Ausübung seines Sports, reagiere ich wie ein Arzt. Wenn das Medikament, das ihm hilft, auf der Liste der verbotenen Substanzen steht, ist das sekundär.“

Nun wird ihm und fünf seiner Komplizen, darunter seine Schwester Yolanda, in Madrid der Prozess gemacht. Mehr als 30 Zeugen und 10 Experten sollen gehört werden. In den Akten der Staatsanwaltschaft stehen ebenso wie auf der Zeugenliste ausschließlich Vertreter des Radsports. Knapp 8000 Seiten umfasst die Fallakte der Guardia Civil, etwa 7000 mehr als die der US-Antidoping-Behörde USADA im Fall Armstrong. Doch angeblich gelang es den Ermittlern nicht, die durch Fuentes verschlüsselten Namen zweifelsfrei weiteren Personen zuzuordnen. Nur bei 58 soll es gelungen sein - ausnahmslos Radsportler.

„Das ist schon rein statistisch unwahrscheinlich, oder alle Radsportler sind einfach nur dumm“, sagte Jaksche im SID-Gespräch. Eine Vertuschungsaktion ergibt für den Kronzeugen, der auch in Madrid „die Wahrheit“ sagen will, eher Sinn: „Das ist wie Brot und Spiele im alten Rom: Halte dein Volk bei Laune - auch wenn 50 Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind.“ Wenn die Wirtschaft keine Hoffnung mehr geben könne, dann halt der Sport, sagt Jaksche: Wahrscheinlich sei es so, dass das spanische Volk „die Wahrheit nicht ertragen könnte“. Auch der französische Journalist Stephane Mandard, der „Puerto“ kennt wie kaum ein Zweiter, ist Jaksches Meinung.

„Klar ist, dass die spanischen Behörden nicht wollen, dass Fuentes auspackt und enthüllt, welche Sportler noch zu seinen Kunden zählten“, sagt der Le-Monde-Sportchef im SID-Interview. Mandard hat vor sechs Jahren lange mit Fuentes gesprochen: „Er hat mir beispielsweise erklärt, dass die Polizei seine Büros in Las Palmas nicht durchsucht hat, wo er alle seine Akten aufbewahrte. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen: Zu seinen Kunden zählten nicht nur Radfahrer.“

Nicht nur Mandard befürchtet, dass der Prozess in Madrid vieles im Dunkeln lassen wird. Weil es 2006 in Spanien noch kein Doping-Gesetz gab, sind Fuentes und Co. nur wegen „Gefährdung der öffentlichen Gesundheit“ angeklagt. Ihnen drohen zwei Jahre Haft und/oder ein entsprechendes Berufsverbot. „Es geht hier nicht um die Sauberkeit des spanischen Sports, die muss schon der Sport selbst untersuchen, nicht die Justiz“, sagte Oberstaatsanwalt Eduardo Esteban dem WDR-Magazin Sport inside.

Der Prozess ist angesetzt bis zum 21. März, nach einer wahrscheinlichen Revision könnte erst Mitte 2014 eine endgültige Entscheidung fallen. Und obwohl in dem Prozess ein eingeschränktes Aussageverweigerungsrecht bestehen soll, glaubt Jaksche nicht, dass neue, spektakuläre Erkenntnisse zu erwarten sind. „Zur Not“, sagt er, „können sich die Leute halt nicht erinnern.“

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