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Sportlicher Jahresrückblick: Vom Schlossberg zum Betzenberg

Uhr | Aktualisiert 03.01.2013 21:56 Uhr
«Ich habe mir meinen Kindheitstraum erfüllt.» sagt Jörg Waßmann (FOTO: RALF KANDEL ) 
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Das Sportjahr 2012 bestand und besteht nicht nur aus Ergebnissen. Hinter den blanken Zahlen "verstecken" sich erfolgreiche, glückliche, aber auch traurige und nachdenkenswerte Episoden. In einer kleinen Serie möchte die MZ-Sportredaktion von solchen Höhepunkten, aber auch Enttäuschungen abseits der blanken Ergebniswelt berichten.
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SANGERHAUSEN/MZ. 

Jörg Waßmann ist Fußballer aus Leidenschaft, er kennt sich mit dem Spiel an sich und seinen Besonderheiten bestens aus. Natürlich auch mit den Fußballweisheiten. Waßmann weiß, wenn es mal läuft, dann richtig gut. Richtig gut ist es für ihn im Jahr 2012 gelaufen. Privat sowieso. 30 Jahre ist er Anfang Dezember geworden, seit sechs Wochen ist er Vater einer kleinen Nina. Und berufsmäßig, also dienstlich? Die Antwort auf die Frage kommt wie aus der Pistole geschossen. "Es ist der helle Wahnsinn, ich habe mir meinen Kindheitstraum erfüllt", so der Allstedter. Eben jener Kindheitstraum ist ein Job im Profi-Fußball.

In Erfüllung ging der Kindheitstraum allerdings nicht im heimischen Allstedt, sondern gute 450 Kilometer weit entfernt, und zwar in Kaiserslautern. Hier arbeitet Jörg Waßmann seit dem 1. August beim Fußball-Zweitbundesligisten 1. FC Kaiserslautern als Referent für Vertragswesen. "Ich habe immer davon geträumt, einmal irgendwas mit dem Profifußball zu tun zu haben. Jetzt ist dieser Traum wahr geworden", sagt der 30-Jährige. Und fügt, fast klingt es, als müsse er sich selbst den Wahrheitsgehalt seines Traums bestätigen hinzu: "1996 habe ich im Fernsehen gesehen, wie Stefan Kuntz mit Deutschland Fußball-Europameister geworden ist. Jetzt ist sein Büro nur drei Türen weiter, wir gehen manchmal zusammen zum Mittagessen und haben dienstlich miteinander zu tun.

Der Weg vom heimischen Allstedter Schloss- bis zum Betzenberg in Kaiserslautern war allerdings weit. Und das nicht nur entfernungsmäßig. Mehr als zehn Jahre dauerte es nach dem Abitur im Sangerhäuser Schiller-Gymnasium, bis Waßmann am Ziel, also im Profifußball gelandet ist.

"Ich bin nach dem Studium in Göttingen zum Basketball gekommen, wie die Jungfrau zum Kind. Nach der Bewerbung war ich auf einmal dabei. Dann habe ich alles mitgemacht, Höhen und Tiefen. Das was ich mitgemacht habe, erleben andere in zehn Jahren nicht", fasst Jörg Waßmann die fünfjährige Zeit als Manager in Göttingen zusammen. Absoluter Höhepunkt war der Europapokal-Sieg im Jahr 2010, der Tiefpunkt war der Abstieg aus der 1. Bundesliga im Jahr 2012.

Der Allstedter hielt sich nicht lange mit lamentieren auf, und suchte eine neue Herausforderung. Die fand er in Kaiserslautern. Zunächst allerdings nicht im Hurra-Stil. "Ich habe erfahren, dass Kaiserslautern eine Stelle neu besetzen wollte. Da hab ich mich einfach mal blindlings beworben", erzählt er. Und davon, dass er einer von 80 Bewerbern insgesamt, und von vier, die zu einem Vorstellungsgespräch geladen wurden, war. Aber das hat er ohne hin erst später erfahren. Jedenfalls dauerte das erste Vorstellungsgespräch zwei Stunden. Kurze Zeit darauf, genauer gesagt zwei Wochen später, stand das Zweite auf dem Programm. Dabei ging es ans "Eingemachte." Mehr als dreieinhalb Stunden lang stand Waßmann in einer VIP-Loge im Fritz-Walter-Stadion dem Kaiserslauterer Vorstand um dessen Finanz-Vorstand Fritz Grünewalt Rede und Antwort. "Da ging es rund, in so einer Intensität habe ich so etwas noch nie erlebt", erinnert sich Jörg Waßmann.

Was dann kam, erscheint ihn manchmal noch heute unglaubwürdig. Drei Tage vor dem 1. August kam die Zusage, am 1. August war Waßmann in Kaiserslautern und ein Bestandteil des 1. FCK. Schnell lernte der nunmehrige Referent für Vertragswesen, dass der 1. FCK für die Pfälzer mehr als ein Verein ist. "In der Pfalz gibt es nichts anderes. Die ganze Region lebt für den 1. FC Kaiserslautern, an jedem zweiten Haus hängen die FCK-Fahnen", ist er begeistert von der Euphorie und der Treue zum Verein. Und von der "Leidensfähigkeit" der Fans, die ihrem Klub auch nach dem Abstieg in die 2. Bundesliga zur Seite stehen.

Dazu, dass der FC Kaiserslautern schnell wieder erstklassig wird, will Jörg Waßmann seinen Beitrag leisten. Was denn so ein Referent für Vertragswesen zu tun hat? "Jede Menge", erklärt der Allstedter. "Zum Beispiel eben das klassische Vertragsmanagement, das heißt Abschlüsse und Aufarbeitung aller Verträge beim 1. FCK."

Das betrifft bei weitem nicht nur die Spieler-Verträge, sondern in viel größeren Rahmen auch die Sponsorenverträge. Weit mehr als 300 Schriftstücke dieser Art gilt es derzeit zu erfassen und zu bearbeiten. "Rechte und Pflichten sind dabei schon ein komplexes Gebiet, da geht es manchmal um Millionenbeträge", fügt er hinzu.

Auf der Strecke bleibt da schon mal ein gehöriges Stückchen persönlicher Freizeit. Selbst Fußball zu spielen ist für Jörg Waßmann, einst ein passabler Landesliga-Kicker, nicht mehr realistisch. Die Zeit reicht einfach nicht. Ohnehin ist es nicht einfach, Arbeit und die junge Familie, Waßmann ist verliebt, aber noch nicht verheirate und eben junger Vater, unter einen Hut zu bringen. Die räumliche Entfernung spielt dabei ebenso eine Rolle, wie die Tatsache, dass so manches Zweitliga-Punktspiel eben an einem Sonnabend über die Bühne geht. Doch das ist längst Alltag für Jörg Waßmann, dessen "Jugendliebe" im Übrigen nicht der 1. FC Kaiserslautern sondern Köln war und dessen Herz nach einem kurzem Praktikum beim VfL Wolfsburg noch ein ganz klein wenig für die Wölfe schlägt. Alltag ist auch, dass Vater Dieter, selbst sportbesessen vom Scheitel bis zur Sohle längst das violette Sammelsurium der Fanklamotten der Göttinger Basketballer mit dem Outfit der Kaiserslauterner Fußballer getauscht hat, und jetzt im roten Fanschal vorm Fernseher sitzt. Und natürlich längst schon das Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern und damit die neue Wirkungsstätte seines Sohnes inspiziert hat.

Keinen Alltag, sondern ein Fest wünscht sich Jörg Waßmann für das Jahr 2013. "Ich hoffe so sehr, dass Kaiserslautern in die Bundesliga aufsteigt", sagt er. Und wünscht sich, dass die Mannschaft einen ähnlichen "Super-Lauf" erwischt wie er im Jahr 2012.

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