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Skispringen: Adler auf der Zwergenschanze

Uhr | Aktualisiert 05.01.2011 23:17 Uhr
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Am Schanzentisch

MZ-Sportredakteur Michael Pietsch beim Absprung von der großen Schanze in Rothenburg. Oder nicht? (FOTO: ANDREAS LÖFFLER)

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Die Redakteure der MZ haben Sportler in Halle und dem Saalekreis besucht und sich selbst einmal versucht. Im Rothenburger Nussgrund testete Michael Pietsch das Skispringen.
ROTHENBURG/MZ. 

Die Zufahrt in den Nussgrund, entlang der Felsformation über dem Rothenburger Saaletal, ist verschneit. Eine einzelne Autospur auf der schmalen Straße verrät, dass ich schon erwartet werde. Oben, an der einsam am Berg liegenden Schanzen-Anlage des SFV Rothenburg. Sie ist mein Ziel. Wenigstens einmal möchte ich wie einst Sven Hannawald oder Andreas Wank, der hier das Sprung-Abc lernte und nun bei der Vierschanzen-Tournee startet, das erhebende Gefühl eines Ski-Adlers erleben. An der Baude begrüßt mich mit FSV-Chef Patrick Valentin ein guter alter Bekannter. Sein "Ski heil" klingt vertraut. Man kennt sich. Schon mehrfach habe ich von den Mattenspringen berichtet - in der Sommersaison. Diesmal ist alles anders. Es liegt Schnee, und der Akteur bin ich.

Zugegeben: Die Nacht vor diesem Tag war grausam. Ich hatte kein Auge zubekommen. Statt Wank sehe ich mich jetzt "Eddie the Eagle" näher. Jenem Briten Michael Edwards, der Ende der 80er Jahre eher als Sprung-Clown denn als Virtuose galt und bei Olympia 1988 in Calgary übergewichtig und ungelenk Letzter wurde. Immerhin: Eddie landete unfallfrei.

Genau dieses Ziel habe ich mir für meinen Abenteuer-Ausflug vorgenommen. Das Drama beginnt schon lange, bevor ich auch nur einen Fuß auf jene Schanze setzen kann, von der ich mich stürzen soll: in der Kleiderkammer. Mein Trainer, Motivator und Seelentröster Patrick Valentin hat längst meinen ratlosen Blick auf die dort hängenden Springermonturen bemerkt. So sagt der ehemalige Skispringer: "Wir finden schon einen geeigneten Anzug. Nur, Skispringer sind normalerweise sehr, sehr schlank." Ein Schmunzeln kann sich der 23-jährige Ex-Landesmeister bei dieser Bemerkung nicht verkneifen.

Aha, denke ich, normalerweise. Und zeige auf ein schönes blaues Exemplar der weitgehend luftundurchlässigen Kleidungsstücke. Das könnte passen. Das Problem: Knapp 83 Kilogramm bei 1,78 Meter Körperlänge müssen in dem Anzug Platz finden. Ohne Hilfe ein Unding. Valentin zupft und zerrt mit, bis ich mich in das eng anliegende Outfit gezwängt, die Problemzonen per Atemtechnik weggedrückt habe. Nach fünf Minuten passt alles, halbwegs. Nun die Sprung-Stiefel, Helm, Handschuhe - und aus dem Sportredakteur ist ein Skispringer geworden. Rein äußerlich.

Nur die Ski fehlen noch. Christian Wunsch, im Sommer als Mattenspringer aktiv, leiht mir seine aus. Ich glaube bei ihm einen sehnlichen Blick zu erhaschen, dass er die Bretter auch im Normalzustand zurück bekommt. Mit diesen Ski, auch ohne jene Wunderbindung mit dem gebogenen Aluminiumstab, mit der Doppel-Olympiasieger Simon Ammann im letzten Winter die Konkurrenz düpierte, will ich meine Mutprobe bestehen.

Also los, hoch auf den Bakken! Was so gewaltig klingt, trägt den Namen "Zwergenschanze". Hier, auf der kleinsten der drei Rothenburger Schanzen, lernen sonst Vier- bis Sechsjährige, wie man sicher springt und landet. Ihr liebevoller Spitzname: "Vorrutscher".

Als solcher fühle ich mich, als ich nach dem mühevollen Anmarsch mit den Ski auf der Schulter am Ablauf stehe. Schon hier ziehe ich gedanklich den Hut vor dem Mut der Knirpse. Gott sei Dank steht mir Valentin bei. "Und Gott sei Dank sehen mich jetzt meine Kollegen nicht", denke ich beim Blick in die Tiefe. Dass die Neigung des Klein-Bakkens 29 Prozent beträgt, ist mir jetzt völlig egal. Mehr beschäftigt mich die durchschnittliche Absprung-Geschwindigkeit von 15 km / h und der kritische Punkt bei sieben Metern.

"In die Hocke. Arme seitlich anwinkeln, leicht nach vorn beugen, Körper straffen." Valentin gibt knappe Anweisungen. Er scheint an mich zu glauben. Ich soll, wenn es los geht, vor allem die Ski parallel halten, um in der Spur zu bleiben. Auch nach der Landung bitte. Okay. Ich hole tief Luft, bekomme noch mit, wie die Ski über die Kante des Starttisches nach vorn kippen. Ich nehme Fahrt auf, hopse ab - und bin schon wieder auf dem Boden. Kurios: Den Moment des Abhebens vom Schanzentisch habe ich nicht registriert, eher bewusstlos durchgestanden. Erst, als meine Hände hinten in den Schnee fassen, bin ich wieder bei mir.

Der Versuch gilt als gestürzt. Diese Schmach will ich nicht auf mir sitzen lassen und klettere erneut nach oben. Abkippen und los! Ich stehe den Versuch, wenn auch nicht mit Telemark-Landung, dafür diesmal ganz bewusst. Immerhin: Zum Schanzenrekord - er soll bei acht Metern liegen - fehlen nur zwei Meter. Voller Adrenalin recke ich die Faust in den Himmel. Geschafft, jetzt bin auch ich ein Ski-Adler, wenn auch nur auf der Zwergenschanze.

Der Abstecher auf den 35-Meter-Bakken - nur zum Schauen - ist das i-Tüpfelchen auf den Flugtag.

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