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Radball: Verzweiflung auf zwei Rädern

Uhr | Aktualisiert 10.04.2013 09:40 Uhr
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Tipps vom Profi

Ein Übungsleiter des RSV Zscherben erklärt MZ-Redakteur Karl Ebert die Geheimnisse eines Radball-Fahrrades. (FOTO: ANDREAS LÖFFLER)

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Die Redakteure der MZ haben Sportler in Halle und dem Saalekreis besucht und sich selbst einmal versucht. In der kleinen Sporthalle von Zscherben geht es zum Radball.
ZSCHERBEN/MZ. 

Seit ein paar Tagen habe ich so ein flaues Gefühl in der Magengegend. Und das weicht auch nicht, als die Sporthalle der Radballer des RSV Zscherben an diesem kalten Winterabend in mein Blickfeld kommt. Komisch, eigentlich bin ich ein Wettkampftyp und werde ruhiger, je näher der Start rückt. Dieses Mal nicht.

Ich habe gute Erfahrungen mit vielen Ballsportarten. Fußball habe ich elf Jahre lang aktiv gespielt. Basketball und Volleyball gehörten zur Pflicht während meiner Zeit in der Abiturstufe. Und kurze Ausflüge zum Handball brachte der Beruf als Sportreporter mit sich, um regelkundig zu werden. Doch Radball? Das war für mich ein Buch mit sieben Siegeln.

Gleich beim Betreten der Radballer-Halle merke ich: Das ist kein Trainingsabend wie jeder andere. Zwar übt Trainer Gerhard Gerdes wie gewohnt mit dem Zscherbener Nachwuchs und wartet anschließend auf die Elite. Doch irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass Kiebitze in der Halle sitzen, die nicht immer zusehen. Dass sich heute ein Sportredakteur blamieren will, hat sich wohl herumgesprochen.

Während ich mich umziehe, spüre ich die ersten Schweißperlen auf der Stirn. Keine Angst, aber eine leichte Nervosität steigt in mir auf. Dabei ist die erste Übung alles andere als anstrengend. Im Geräteraum bringe ich die Reifen des 15 Kilogramm schweren Rades mit einem Kompressor auf den erforderlichen Druck von zwölf Atmosphären. Danach zeigt mir Gerhard Gerdes, wie ich das Rad mit seiner starren Übersetzung, die das Rückwärtsfahren und das Stehen im Tor ermöglicht, in Bewegung bringe. "Im Sitzen langsam anfahren und dann stehend weiter, sonst geht es nach hinten los", sagt er. Gesagt, getan. Recht hat er. Ich bin zu ängstlich, komme nicht in den Stand, der Schwerpunkt fällt nach hinten, das Vorderrad bäumt sich auf wie ein bockiges Pferd und ich sitze ab. Von der Koordination meiner knapp zwei Zentner Gewicht und 1,83 Meter Körpergröße ganz zu schweigen. Beim fünften Versuch klappt es. Ich atme tief durch. Doch Gerdes hat sich schon wieder etwas ausgedacht. Vier rot-weiße Kegel in der Mitte der Halle sagen mir: Slalomfahren. Nachdem ich ein paar einfache Runden durch die Halle unbeschadet überstanden habe, räume ich nur beim ersten Mal einen Kegel ab. Danach klappt's. Nun aber kommt der Ball ins Spiel. Dieses 600 Gramm schwere Zubehör, gefüllt mit Ross- oder Rehhaaren, das mich zur Verzweiflung treiben soll. Meine Stehversuche lassen arg zu wünschen übrig. Das Anheben des Vorderrades über den Ball klappt gar nicht. Ein 14-jähriger Steppke neben mir absolviert die gleiche Übung wie im Schlaf und lächelt mich dabei an. Oder vielleicht aus? Egal, die wenigen Schweißperlen auf meiner Stirn haben sich mittlerweile zu einem regelrechten Strom entwickelt. Gerdes sieht das und hat Mitleid. "Das hatte ich nicht anders erwartet", sagt er. "Zwei bis drei Mal Training in der Woche, dann hast du nach einem Vierteljahr den Status eines Anfängers." Na prima! Aber auch die Kiebitze am Rande nicken beifällig. Kein hämisches Wort kommt über ihre Lippen. Sie oder ihre Kinder haben schließlich selbst einmal so angefangen.

Noch aber entlässt mich Gerdes nicht. Mindestens ein Torschuss ist Pflicht. Dabei weiß der alte Haudegen längst, dass er mich vor eine unlösbare Aufgabe stellt. Gerade einmal zwei Meter schubse ich den Ball mit dem Vorderrad von mir. Jeder Torhüter wäre über diesen sanften Rückpass erfreut gewesen. Doch ich gebe noch nicht auf. Und während ich bei meinen mickrigen Schussversuchen fast immer vom Rad zu fallen drohe, fährt mir Zscherbens Deutscher Meister Sven Broedel mit seinen Teamkollegen um die Ohren. Mit einem Ruck stellt er sein Vorderrad zur Abwehr fast in Kopfhöhe vor mir auf. So muss das also aussehen, denke ich. Nach einer Stunde stelle ich das Rad im Geräteraum ab und trotte desillusioniert zur Umkleide.

Radball - beeindruckend. Und wie! Ich sollte nämlich noch tagelang daran zurückdenken. Denn ich bekam Muskelkater an Körperstellen, von denen ich das bisher nicht kannte: Gesäß, Hüfte und rechtes Schulterblatt.

Lesen Sie in Teil 4:

Wo eine Begrüßung mit der linken Hand nichts Ungewöhnliches ist.

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