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Fechten: Stilvolle Attacke mit Ballestra

Uhr | Aktualisiert 29.12.2010 23:11 Uhr
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Petra Szag

Frau Szag ist bereit, wo ist Frau Schulz? (FOTO: ANDREAS LÖFFLER)

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Redakteure der MZ haben sich selbst versucht. In der Neustädter Schulturnhalle testete Petra Szag das Fechten.
Halle (Saale)/MZ. 

Herrlich, dieses Gefühl der Vorfreude. Die Neugier auf das, was mich bei meinem Selbstversuch wohl erwartet, ist immens. Natürlich weiß ich, dass der Fechtsport mit jener Romantik, die uns die alten Mantel- und Degen-Filme vorzugaukeln versuchen, nichts zu tun hat. Und doch macht sich erst einmal leise Enttäuschung breit nach einem ersten forschenden Blick auf das - wegen der Ferien - verwaiste Hauptquartier der halleschen Fechter. Das soll die Trainingsstätte der Besten im Lande sein: eine nüchterne, ganz normale Schulturnhalle? Mit Basketballkorb an der Wand und einem Handballtor an der Seitenlinie. Zumindest die lang gezogenen weißen Markierungen auf dem Parkett verraten, dass hier nicht nur Bälle hin- und hergeworfen werden. Das dürfte demnach die so genannte Planche sein, die Kampfbahn. Und da sind noch die grünen und roten Lämpchen an der Wand, ein weiteres Indiz für den vermeintlich elitären weißen Sport, der hier am Rande von Halle-Neustadt betrieben wird. Alle anderen Utensilien sind offenbar verstaut im Geräteraum.

Dann kommt meine Lehrmeisterin, Diana Schulz, seit Jahren die Beste aus ganz Sachsen-Anhalt im Umgang mit Stichwaffen und neuerdings auch Trainerin bei der TSG. "Einen Fechtanzug habe ich mitgebracht. Der Rest ist schnell hergerichtet", sagt die 31-Jährige auf meinen fragenden Blick und schickt mich mit einem Bündel ordentlich zusammengelegter Wäsche erst einmal in den Umkleideraum.

Während ich in die knielange weiße Hose steige, in der sonst Landespräsident Thomas Riedel durch die Halle hetzt, versuche ich mir einzureden: "Jetzt bist du eine Fechterin". Doch so richtig will der Psychotrick nicht klappen. Die wahren Könner ihres Fachs, das weiß ich spätestens seit meiner Beobachterrolle bei der Europameisterschaft im Sommer in Leipzig, zeichnen sich durch Eleganz aus, ein gutes Auge und vor allem ein unglaublich schnelles Reaktionsvermögen. Alles Eigenschaften, die ich nicht verkörpere. Auf der anderen Seite sage ich mir, macht das die Sache für mich doch nur noch umso spannender. Und für meine Trainerin zu einer großen Herausforderung.

Bevor ich mich mit dem obligatorischen Brustschutz, der Jacke, der schweren Kontaktweste und dem gepolsterten Spezialhandschuh bewaffne, befolge ich gehorsam den Rat der Fachfrau und erwärme mich. Da bin ich ausnahmsweise mal ganz uneitel, man will sich schließlich nichts auswischen angesichts des fortgeschrittenen Verfallsdatums. Schon diese allgemeinen - und doch nicht alltäglichen - Übungen wie Kniebeugen und Hock-Streck-Sprünge nimmt mein Körper als ungewohnte Belastung wahr, schnell bin ich sogar über der erforderlichen Betriebstemperatur.

Das Vorgeplänkel ist für mich als Neuling alles andere als üblich: Erst wählt Diana Schulz eine passende Schutzmaske aus. Dann verkabelt sie mich mit der Trefferanzeige. Und schließlich und endlich muss noch die Waffe präpariert werden. Heißt Klinge senkrecht stellen und ein Gewicht auf die Spitze setzen. So wird überprüft, erklärt mir Diana Schulz, ob die Druckfeder am Ende der Waffe korrekt gespannt ist. Weitere technische Details erspart sie mir. Meine Ungeduld, endlich zur Sache zu kommen, muss sie wohl von ihren Eleven kennen.

Und dann wird es endlich ernst: Als Erstes bringt mir Diana Schulz im Schnelldurchlauf die Grundschritte bei. Oder besser gesagt, sie zeigt mir, wie sie gehen, die Patinando, Radobio, Ballestra oder Fleche. Den einfachen Ausfallschritt bekomme ich noch problemlos hin. Mit dem doppelten, dem gesprungenen oder gar der Sturzangriffsversion bin ich jedoch heillos überfordert.

Dann kommen auch noch die Arme dazu. Erst einmal steche ich auf ein Kissen ein, das auf Augenhöhe an der Wand hängt. Wie einfach. Und irgendwie auch angenehm: Das wehrt sich nicht und lässt mit sich machen, was ich will. Jetzt wird die Angriffsfläche größer. Auge in Auge stehe ich einer Fechterin aus Fleisch und Blut gegenüber. Wenn auch hinter Gitter. Die Maske soll mir Sicherheit verleihen. Doch ich habe das Gefühl, sie nimmt mir den Atem. Zeit darüber zu sinnieren, bleibt allerdings nicht. "Alléz!" ruft meine Gegnerin und fordert mich unverblümt auf, mit dem Florett, das vom französischen Fleur, also Blume abgeleitet ist, zu attackieren. Expertin Schulz lässt mir den Spaß, den ersten Treffer zu setzen. Touché! Das grüne Lämpchen an der Trefferanzeige leuchtet auf und signalisiert mir, dass der Kontakt zwischen meiner Waffenspitze und ihrer metallenen Weste hergestellt wurde. Ein-, zweimal noch darf ich das Gefühl auskosten, auszuteilen. Dann geht alles rasend schnell und meine geschickte Lehrmeisterin wirbelt ihre Waffe durch die Luft, dass mein Auge ihr nicht mehr folgen kann, geschweige denn meine Arme und Beine.

Trotzdem, ich will alles geben, nur mir nicht eine Blöße. Also mache ich weiter. Bis die Muskeln brennen, der Puls rast und der Atem immer schwerer wird. Natürlich bewahre ich mir Reserven. Wenn ich umfiele, bliebe ja der Spaß auf der Strecke. Und den habe ich bei der ersten - und wahrscheinlich auch letzten - Fechtlektion meines Lebens.

Gelernt habe ich dennoch viel. Respekt nicht, den hatte ich vorher schon den waffenschwingenden Damen und Herren entgegengebracht. Und den zolle ich zum Abschluss meiner Kontrahentin mit einer Geste, die ganz einfach zum Fechten dazugehört und auf Gegenseitigkeit beruht: Wir geben uns die Hand. Ganz stilecht mit links, denn in der Rechten ruht die Waffe.

Lesen Sie

am Dienstag in Teil 5:

Wo Schweiß, Blut und Veilchen zum Alltag gehören.

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