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Eishockey: Von wegen Rumstehen...

Uhr | Aktualisiert 04.01.2011 22:46 Uhr
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Torschuss

Voller Körpereinsatz ist gefordert, wenn der Puk aufs Tor zufliegt. (FOTO: A. LÖFFLER)

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Die Redakteure der MZ haben Sportler in Halle und dem Saalekreis besucht und sich selbst versucht. In der Eissporthalle geht es zum Eishockey - als Torhüter.
Halle (Saale)/MZ. 

Irgendetwas ist anders an diesem Morgen. Ich bin schon oft durch diese Eingangstür der Eissporthalle gegangen. Aber dieses Gefühl ist neu. Hat dieser Ort schon immer diese Respekt einflößende Ausstrahlung? Dieses Mal bin ich selbst der Sportler. Ich will mich in einen Eishockey-Torwart verwandeln.

Es ist acht Uhr morgens. Und ich bin mir sicher: Das hier ist eine großartige Idee.

Alles auf Schlittschuhen?

Vor dem Umziehen schweift mein Blick aufs Eis. Die Sportschüler der Saale Bulls trainieren, Coach Alexander Rusch lässt Richtungswechsel üben, dabei dürfen die Jungs nie den Puck vom Schläger verlieren. Ich ertappe mich bei einem ziemlich dämlichen Gedanken. Müssen Eishockey-Spieler echt so gut Schlittschuhlaufen können? Meine Erinnerung quält mich. "Wann bist du eigentlich das letzte Mal Schlittschuh gelaufen?" Irgendwann als Student muss das gewesen sein. "Okay, wirklich begabt warst du damals auch nicht", sage ich mir. "Aber es ging doch eigentlich ganz ordentlich." Damals.

Es ist kurz nach acht. Doch, das hier ist eine gute Idee.

Das Umziehen

Schon die Verwandlung zum Torwart ist beschwerlich. Unten in den Katakomben warten die Spieler Tomas Burian und Benjamin Thiede. Und natürlich Erik Reukauf, einer der Torhüter der Saale Bulls. Ohne ihn, das ist mir schnell klar, wird hier gar nichts gehen. Vor Reukauf türmt sich ein Berg von Klamotten. All das soll ich anziehen? Aber wie? In welcher Reihenfolge?

Schritt für Schritt lotst er mich durch das Programm. Erst die Hose und den Tiefschutz, dann die Schlittschuhe und die riesigen Schienbeinschoner. Die werden mit fünf Bändern an meinen Unterschenkeln befestigt, ein sechstes Band verknotet Schoner und Schlittschuhe. Und es geht weiter. Oberkörper-Panzer, Halskrause, dann das Trikot. Vor allem der Panzer ändert mein Körpergefühl. Auf einmal wird jede Bewegung beschwerlich. Ich habe das Gefühl, ich bewege mich wie ein Roboter. Und dieser Panzer ist auch noch grau. Warum schießen mir nur gerade die Borg aus der Serie Star Trek in den Kopf?

Es ist kurz vor neun. Ich bin 20 Kilo schwerer, quasi unbeweglich und stehe auf zwei Kufen. Aber zumindest sehe ich schon mal aus wie ein Eishockey-Torwart. Eine ordentliche Idee.

Ab aufs Eis

Nun also beginnt sie, meine Karriere. Peppi Heiß, Helmut de Raaf, Karl Friesen - ich bin einer von ihnen. Ich quäle mich die Treppe hinauf, tipple bis hin zur Bande. Und dann kommt er, der ominöse erste Schritt aufs Eis. Es geht. Ich strauchle zwar leicht, aber ich stehe. "Immerhin", denke ich. Und ahne noch nicht, was jetzt kommt.

Ich muss die paar Meter bis zum Tor laufen. Nur: Meine Füße lassen sich nicht heben. Ich habe diese klobigen Biester an den Unterschenkeln. Wie ich es auch versuche, meine Füße werden wie Magnete auf das Eis gezogen. Diesen Aha-Effekt hatte ich nun gar nicht auf der Rechnung. So muss es sich anfühlen, wenn man mit Ziegelsteinen an den Beinen schwimmt.

Es ist kurz nach neun. Die Idee ist ganz okay.

Stehen mit X-Beinen

Ich habe den Weg geschafft, ich stehe im Tor. Erik Reukauf versucht, mir die Grundhaltung zu erklären: Oberkörper tief, die Knie zusammen, die Füße auseinander. X-Beine quasi. Hat der übersehen, dass ich auf Schlittschuhen stehe und unter mir Eis ist? "Der Mann hat 'nen Knall", denke ich. "Wie soll man so stehen können?" Ich versuche es trotzdem. Doch Bewegen, allein das Stehen, das alles kostet brutal viel Kraft. Von auf die Kniewerfen und blitzschnell wieder Aufstehen ganz zu schweigen.

Es ist kurz vor halb zehn. Ich habe Zweifel, dass ich hier richtig bin. Eine echt bescheidene Idee.

Demütigung mit zehn km / h

Jetzt geht es erst richtig los. Tomas Burian und Benjamin Thiede lassen die ersten Schüsse auf mich ab. Immer schön auf meine linke Seite, direkt auf die Fanghand. Kein Ding, ich fange die Pucks tatsächlich. Jedenfalls einige. Fangen, das habe ich als Handballer und Fußball-Torwart nun wirklich gelernt. Doch schon bald kommt die hohe Schule. Thiede lässt einen, naja, Kracher folgen: einen Flachschuss mit gefühlt zehn km / h. Der Puck kullert und kullert, links an mir vorbei ins Tor. Mein Schläger kriegt ihn nicht, mein Schlittschuh nicht, meine Fanghand schon gar nicht. Es ist meine erste Demütigung als Torwart. Und sie ist im Video dokumentiert (siehe Minute 1:59).

Viel schlimmer aber ist, dass ich völlig fertig bin. Weil ich überhaupt keine Technik auf Schlittschuhen habe, kostet mich allein das Stehen höllisch viel Kraft. Ich schwitze aus jeder Pore. Keine Überraschung bei der Montur. Aber zumindest ist es in dieser Halle angenehm kalt. Ich setze mich aufs Eis. Völlig fertig vom Rumstehen.

Es kurz nach halb zehn. Das hier war wirklich keine gute Idee.

Masse mal Beschleunigung

Trotzdem will ich es noch einmal wissen. Und Daniel Mischner, der Präsident der Saale Bulls, ermutigt mich. "Du musst wenigstens einmal ein echtes Torwart-Feeling erleben." Also einen richtig strammen Schuss. Dann erzählt er etwas von "Kraft ist gleich Masse mal Beschleunigung". Er sagt Dinge wie: "Tomas Burian 160 km / h. Puck 150 g. Kurz und schmerzlos." Eine kurze Physik-Grundausbildung?

Ich habe keine Ahnung mehr, wie spät es ist, aber eines weiß ich jetzt sicher: Das hier ist auf jeden Fall eine restlos dumme Idee.

Nur ein Knallen an der Bande

Burian haut also drauf. Natürlich nicht in Richtung Tor. Er schießt mit Absicht ein, zwei Meter vorbei. Trotzdem versuche ich zu reagieren. Doch bevor ich überhaupt zucken kann, ist der Puck schon hinter mir in der Bande eingeschlagen. Ich höre es nur knallen. Wie um Himmels Willen macht das eigentlich ein echter Torwart?

Ich habe genug. Mischner hat Erbarmen und schiebt mich vom Eis. Wieder an Land lasse ich mich auf einen Stuhl krachen. Ich lebe - und bin unverletzt. Die Rückverwandlung geht weitaus schneller als das Anziehen. In der Kabine bekomme ich einen starken Kaffee. Schwitzen tue ich noch immer. Aber die Kraft kehrt langsam zurück.

Es ist kurz nach zehn. Und ehrlich: Es war eine brillante Idee.

Lesen Sie am Samstag in Teil 7:

Eine Drehung mit Verletzungsrisiko

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