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Boxen: Völlig K. o. auch ohne K. o.

Uhr | Aktualisiert 04.01.2011 08:55 Uhr
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Körperhaken

Jetzt geht's richtig los: Karpe setzt einen Körperhaken. (FOTO: ANDREAS LÖFFLER)

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Die gute Nachricht kommt vom blauen Ringboden: Die dunkelroten Blutflecke dort sind längst getrocknet, also nicht frisch, also nicht von mir. Das nehme ich gerade noch wahr, während ich mich auf den Untergrund plumpsen lasse.
Halle (Saale)/MZ. 

Dann sagen mir meine verbliebenen Sinne: Okay, die linke Augenbraue brennt, die Nase schmerzt leicht. Kontrolle mit der Zunge. Gut, die Zähne stehen alle an ihrem Platz und nicht schiefer als vorher. Wenn da nicht diese Mattigkeit wäre. Ich schnaufe wie eine alte Dampflok, schwitze aus jeder Pore und bin einfach platt, eben K.o. - auch wenn ich nicht K.o. gegangen bin.

Siegfried Vogelreuter tippt mir lächelnd auf die Schulter und versucht so, Aufmerksamkeit zu aktivieren. "War doch gar nicht schlecht. Für einen ernsthaften Wettkampf reicht es zwar nicht mehr. Aber man hat gesehen, dass du dich schon mal mit unserer Sportart beschäftigt hast", sagt der Trainer. Die Sportart ist Boxen. Ich habe gerade im Ring gestanden. Mein Gegner (war er wirklich einer - oder besser: ich?) hieß Sebastian Knigge, der deutsche U-21-Meister in der Klasse bis 69 Kilo. Der grinst. "Naja, die Deckung lässt zu wünschen übrig. Die Bewegungen sind nicht rund. Aber ansonsten nicht übel", sagt der junge Mann, der zuvor seinem Nachnamen alle Ehre gemacht hat.

Höflich, rücksichtsvoll hat er mich machen lassen. Ernsthaft geschlagen hat er mich nicht. Danke! Natürlich hätte er mich strecken können, wenn er gewollt hätte. Was hätte ich ausrichten können? Nur wenig. Ich habe es auch gar nicht ernsthaft probiert, ihn so hart wie möglich zu treffen. Dazu fehlte mir die Courage. Denn das Echo hätte ich nicht vertragen. Hätte Sebastian Ernst gemacht, müsste ich vielleicht doch ein paar meiner Zähne vom Boden klauben.

Hätte, hätte - vorbei. Geschafft! Ich habe mich in einer Sportart probiert, die im Schulsport bei Siegfried Käsebier an der Thomas-Müntzer-EOS vor etwa 30 Jahren auf dem Plan stand. Boxen hat mich immer fasziniert. Ich saß als Teenager beim Chemiepokal auf der Tribüne, sah Teofilo Stevenson, den großen Kubaner. Später im Job erlebte ich schon Henry Maskes Anfänge, berichtete über Sven Ottke, Wladimir Klitschko, Halles Amateure und viele andere. Nun das Ziel: Ich versuche es selbst, jetzt mit 48, bevor die Arthrose um sich greift und es dafür endgültig zu spät ist.

Als ich in die Halle komme, bin ich eher aufgeregt als besorgt. Steffen Kretschmann, der Profi, die einst größte deutsche Hoffnung im Schwergewicht, ist gerade fertig mit dem Training. Er sitzt in der engen Umkleide und empfängt mich mit: "Den Geruch nicht beachten." Hier müffelt es tatsächlich herb nach mannhaften Ausdünstungen. Vielleicht von den Socken hinter der Heizung? Egal. Boxen riecht so. "Ich kehre zurück in den Ring", kündigt Kretschmann noch sein Comeback an, bevor ich sein erster Spaß-Gegner bin. Beim Reichweiten-Vergleich lacht er sich kaputt. Ich fuchtle 20 Zentimeter vor seiner Kinnspitze herum, er hält mich mit seinem langen rechten Arm vom Körper weg. Dann imitieren wir ein Sparring - für die Kamera.

Nun tritt Coach Vogelreuter auf den Plan. Schluss mit lustig. Er hat vor, mich richtig zu schinden - und setzt das in die Tat um. Drei Minuten Seilspringen. Ich spüre wie die Polster unter dem Trikot wippen. Prima. Die Waage hatte es ja schon gezeigt: Mit meinen knapp 77 Kilo (daheim waren es zwei Stunden zuvor 800 Gramm weniger) bin ich ein Halbschwergewicht. Reichlich viel für 175 Zentimeter Körperhöhe. Aber nun nicht mehr zu ändern.

Mein Coach lässt mich in den Reifen steigen. Hula-Hupp. Ich schaffe sogar einige Runden. Dann gibt's Gymnastik, Rolle vorwärts, aufspringen, Drehung, schlagen - und zurück. Nun die erste Einweisung: So geht die Gerade, so der Aufwärtshaken. Übungshandschuhe an. Vogelreuter hat die Pratzen übergestreift. Ich haue drauf, so derb ich kann. "Du willst mir wohl wehtun", scherzt der einstige Chemiepokalsieger mit dem gefürchteten Leberhaken. Dann heißt es ran an den Sandsack. Und volle Pulle. Ich haue das Leder, doch schon am Ende der ersten drei Minuten - die Rundenzeit - sind die letzten Lungenbläschen zum Zerreißen gespannt. Nochmal. Mist. Ich hätte doch öfter zum Training meines Fußball-Kreisklassen-Teams der TSG Kröllwitz gehen sollen. Und als ich schon gar wie eine mehlig gekochte Kartoffel bin, soll es zur Sache gehen.

Erst gibt es Schattenboxen mit Sebastian Knigge. Dann werden die Hände bandagiert. Ich bekomme richtige Handschuhe übergestreift, den Kopfschutz auf und das Dress der Boxer vom SV Halle an. Ab in den Ring. "Ich bestimme die Rundenzeiten", sage ich flehend, weil die Konditionsreserven nach einer Stunde Training schon dahingeschmolzen sind. Kein Problem. Knigge schmunzelt. Also los. Ich versuche umzusetzen, was ich eben gelernt und jahrelang beobachtet habe. Mein Gegenüber lässt mich gewähren, weicht aus und ich folge ihm. Schlag, Deckung, Schläge, klein machen, ausweichen. Geht ja. Knigge weckt mich mit Nasenstübern aus dem Übermut-Anfall. Zweite Runde, gleiches Bild, doch die Knie schlackern. Die Hände entwickeln ein Eigenleben - noch dazu nicht in der Höhe, wo ich sie gern hätte. Kontrolle ist anders. Ich schnaufe und transpiriere rekordverdächtig. Dann setze ich eine verzweifelte Schluss-Attacke. Sebastian ist längst nicht mehr da, wo ich hinfuchtle. Reflexartig kommt die Eingebung: Wenn er jetzt durchzieht, bin ich erbärmlich offen. Gefahr! Es drohen ernsthaft Schmerzen als Strafe für Schlaffheit. Ich drehe mich ab, was verboten ist. Vogelreuter ermahnt mich mit einem unwirschen: "Hey". Ich weiß. Doch ich hebe die Hände: Genug, Schluss, Aus, ich kann nicht mehr. Dann sinke ich auf den Hosenboden. Puh, Glück gehabt, sollen hier doch andere bluten.

Lesen Sie am Mitttwoch in Teil 6:

Wenn schon Herumstehen eine Herausforderung ist

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