Dessau-Roßlau
Neues Holz und gediegene Patina

40 000 Euro investiert
Beinah vier Jahre schwiegen aus statischen Gründen die Glocken in Mühlstedt. Am Sonntag wurde ein neuer Glockenstuhl geweiht. Im Gottesdienst, den Kreisoberpfarrer Jürgen Tobies hielt, in dem der Chor St. Marien Roßlau sang und Christin Eichelbaum Cello spielte, läuteten die Glocken, und die Gemeinde sang mit ihnen: "Großer Gott wir loben dich", alle, Cherubim und Seraphinen, Himmel, Erde, Luft und Meere. Vorher gab es Kuchen und Kaffee. Ortsbürgermeister Dietmar Böhme führte Interessenten auf den Turm.
40 000 Euro haben der Neubau des Glockenstuhls, der Einbau einer elektronischen Läuteanlage und die Reparatur der Turmuhr gekostet. 15 000 Euro gab die Landeskirche Anhalts. Den Löwenanteil hat die kleine Kirchengemeinde aus ihrem Sparstrumpf gezogen. Dienlich war zudem der Verkauf der alten Balken, die nach dem Dreißigjährigen Krieg in den Turm kamen. Die Kirchengemeinde Rodleben erwarb die betagte Eiche, aus der Altar und Kanzel entstehen sollen.
12 und 18 Uhr läuten die Glocken
Die Firma Glocken und Turmuhren Beck aus Kölleda war zuständig für alle Arbeiten, betreut von DS Architects Köthen. Ein rötlicher Schimmer: Eichenbalken sind es nicht geworden, aber auch so erscheint der Stuhl vertraulich. Die alte Bronzeglocke hängt wieder an einem geraden und nicht mehr an einem stark gekröpften Joch, welches den Schwerpunkt in vorteilhafter Übertragung der Kräfte nahezu vermittelte, aber die Glocke weniger frei klingen ließ.
Auch der Glöckner von Mühlstedt muss nun an keinem Seil mehr ziehen. Unabhängig von der Turmuhr wird das Läutewerk zu den Gottesdiensten sowie täglich um 12 und um 18 Uhr aktiv. Mittags schlägt die tiefe eiserne, abends die bronzene Glocke.
Falls Stunden- und Glockenschlag einmal nicht harmonieren, sei, so Turmuhrmacher Frank Kübitz, den Glocken zu trauen, der Elektronik. Das Uhrwerk, erstellt Ende des 19. Jahrhunderts, muss wieder per Hand aufgezogen werden. Die Uhr war schon einmal elektrifiziert, aber das habe ihr zu Schaffen gemacht. Nun wird das Gewicht wieder sechs Meter in die Höhe gezogen, ausreichend für einen Tag. Auch die Zeigerleitung wurde neu verlegt, Wellen, die gut sechs Meter nach oben und um rechte Ecken laufen.
Nun wird für die Orgel gespart
Drei Bronzeglocken hingen im Turm, bis 1663 eine nach Neeken verkauft, Jahrhunderte später eine zweite für Kriegsdienste eingeschmolzen wurde, ersetzt 1958 durch zwei eiserne Glocken. Die alte Bronzeglocke nennt Friedrich Winfrid Schubart in "Die Glocken im Herzogtum Anhalt" von 1896 "ein seltsames Stück". Der Ballenstedter Hofprediger spekulierte über die Vögel oberhalb des Querholzes auf der erwähnten Kreuzigungsdarstellung. "Aasvögel", schrieb er, widersprächen dem "christlichen Empfinden". Des Rätsels Lösung bietet ein Schriftband: SOAECC. 1282 wurde Mühlstedt an das Benediktinerinnen-Kloster zu Ankuhn verkauft. Die Majuskeln stünden, so Schubart, für SOfia Abatissa Electa Conventus Cerwist. Äbtissin Sofia stand dem Kloster vor, als es zwischen 1292 und 1298 von Ankhun nach Zerbst zog. Somit wären die Vögel Zeichen des Ordens, eine Taube und, für Benedikt von Nursia, ein Rabe.
Das Bild findet sich variiert zweimal auf der Glocke. Anstelle des Schmetterlings hier schwebt dort ein Engel über dem Kleeblatt-Kreuz. Das Kruzifix der Kirche zitiert heute diese Form, eine Arbeit aus dem Umbau von 1892, als die spätromanische Kirche neoromanisch überformt wurde.
Nun läuten die Glocken wieder und die Gemeinde spart für die Sanierung der Orgel, was den Kalkanten, den Balgtreter, sparen würde.



























