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«Costa Concordia»

Nie wieder auf ein Schiff

VON PETRA WOZNY, 18.01.12, 10:19h, aktualisiert 18.01.12, 10:33h
Der Weißenfelser Marcel Zuhn
Der Weißenfelser Marcel Zuhn zu Beginn der Schiffsreise. (FOTO: PRIVAT)
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WEISSENFELS/MZ. Marcel Zuhn sitzt mit seiner Frau und der kleinen Tochter im Wohnzimmer des Einfamilienhauses in Rödgen, einem verschlafenen Dorf nahe der Stadt Weißenfels und kann es selbst nach Tagen nicht fassen. "Ich habe keinen Pass, kein Handy und keine Geldkarte - alles Pillepalle. Ich habe überlebt." Der 42-Jährige ist einer der rund 4 000 Passagiere, die sich an Bord der Costa Concordia befanden, die am vergangenen Freitag vor der italienischen Insel Giglio auf Grund lief. Die Bilder gehen dem Juristen nicht mehr aus dem Kopf. Er berichtet der MZ:

"Es war am letzten, dem siebenten Tag der Reise mit meinem Freund Matthias Hanke aus Leipzig. Uns verbindet der Beruf und so mancher Kumpelurlaub", schildert Zuhn. Leger gekleidet in Jeans und T-Shirt gehen die Männer in eine Bar in der vierten Etage, bestellen sich Cocktails. "Es war gegen 21.30 Uhr", erzählt Zuhn, "da gab es ein dumpfes Geräusch. Wir haben uns nichts weiter gedacht, zumal auch gleich in mehreren Sprachen eine Lautsprecherdurchsage kam. Es habe ein Generatorproblem gegeben. Wir waren also nicht beunruhigt."
«Costa Concordia»
Experten befürchten, dass die «Costa Concordia» in tieferes Wasser abrutschen könnte. (FOTO: DPA)
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Plötzlich folgt ein zweiter Ruck und der rund 300 Meter lange Luxusliner neigt sich dramatisch zur Seite. Da sei Unruhe unter den Gästen aufgekommen. Sessel, Tische, Aschenbecher, Vasen, Gläser fliegen durcheinander. Die Stimme aus dem Lautsprecher dirigiert die panische Masse in Richtung Rettungsboote. Dann folgt nur noch ein schriller Dauerton. Zuhn dazu: "Spätestens jetzt wusste ich: Hier ist Gefahr im Verzug." Stewards brüllen: "Raus, raus hier!" Die beiden Männer rennen. Ein Durchkommen wird unmöglich, denn alles schubst, schreit. Der Strom fällt aus, es wird dunkel. Schließlich gelangen Zuhn und Hanke nach etwa einer halben Stunde an ein Rettungsboot. Der Platz darin wird ihnen verwehrt. Nur für die Crew heißt es lapidar, währenddessen sich das Schiff weiter neigt.

Zuhn und Hanke beschließen quer durch das Schiff auf die andere Seite zu laufen. Auf dem Weg dahin treffen sie zwei ältere Frauen aus Offenbach. "Die waren vollkommen verängstigt und haben nur noch gewimmert. Wir haben sie mitgeschleift", sagt Zuhn. Wasser dringt ein. Der panische Kampf nach draußen geht nur Meter um Meter. Immer wieder seien die Männer zurückgespült worden. An einem Aufzugsschacht verlieren die Männer die beiden Seniorinnen. Die Tür des teilweise mit Wasser gefüllten Fahrstuhlschachtes, an denen sich die Offenbacherinnen gelehnt hatten, bricht nach innen. "Wir hörten nur noch spitze Schreie, einfach grässlich. Ich weiß nicht, was aus den beiden wurde", meint Zuhn und fügt hinzu: "Es war das blanke Chaos. Ich hatte Todesangst. Das war's, hämmerte es in meinem Schädel." Während sein Freund schwimmend nach außen gelangt, hangelt sich Marcel Zuhn verbissen an einem Handlauf hinauf. "Es war Nacht, nur manchmal habe ich ein flackerndes Licht gesehen. Plötzlich war ich auf der Außenhaut des Schiffes."

Über eine Strickleiter gelangt er in ein Boot der Küstenwache, die als eines der letzten Passagiere des havarierten Schiffes an Land bringt. Auf der Insel trifft er seinen Freund wieder. "Es gab für uns keinen Tee, keine Decken, einfach nichts. Die Bergungsarbeit war eine einzige Katastrophe. Wir waren nass, völlig fertig und entkräftet", erinnert sich Zuhn. Gemeinsam mit weiteren 15 blutenden und verstörten Passagieren wird er in ein italienisches Krankenhaus gefahren. Von einem Militärflugplatz aus geht es von Rom nach München, später Richtung Leipzig.

"Auf ein Schiff kriegt mich keiner mehr", ist Marcel Zuhns Resümee und er fügt hinzu: "Ich will mir nicht vorstellen, wenn ich die Reise mit meiner Frau und der Tochter gemacht hätte."

Fotogalerie: Tote nach Katastrophe auf Kreuzfahrtschiff

Costa Concordia

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