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Claudia Dalbert

Schnell, schneller, Dalbert

VON ALEXANDER SCHIERHOLZ, 28.02.11, 22:25h, aktualisiert 28.02.11, 22:31h
Claudia Dalbert
Claudia Dalbert (MZ-ZEICHNUNG: STEFFEN BIEDERMANN/MZ)
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HALLE (SAALE)/MZ. Erst jüngst war die Szene wieder zu beobachten beim Neujahrsempfang der Landesregierung und dem 75. Geburtstag von Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU): Eine Frau mit aschblonden Haaren steht etwas abseits, beobachtet den Trubel. Und viele Gäste fragen sich: Wer ist das eigentlich? Das ist das Problem von Claudia Dalbert: Sie wirkt immer so, als fremdele sie ein wenig. Und viele kennen sie noch nicht.

Das soll sich ändern. Claudia Dalbert, 56, Professorin für pädagogische Psychologie in Halle, will die Grünen in Sachsen-Anhalt als Spitzenkandidatin zurück in den Landtag führen. Nach 13 Jahren. Kaum jemand zweifelt ernsthaft daran, dass das gelingt. In Umfragen lag die Partei zuletzt bei sieben Prozent. Es ist der Bundestrend, der die Grünen trägt. Niemand in der Partei bestreitet das. Gleichzeitig sagen aber alle, der Höhenflug sei auch auf eigenes Engagement im Land zurückzuführen. Nur ist davon nicht viel wahrzunehmen.

Wenn Claudia Dalbert wahrgenommen wird, dann in erster Linie als Bildungspolitikerin. Da ist sie souverän. Etwa als sie bei einer Debatte mit Schülern im Landtagsrestaurant für Gemeinschaftsschulen und längeres gemeinsames Lernen wirbt: "Wir wollen kein Kind verlieren", ruft sie da in den Saal, "nur weil wir es im Alter von zehn Jahren aussortieren." Das sitzt.

"Bei uns ist alles Bildung"

Wer mit Dalbert spricht, merkt: Sie hat sich auch in andere Themen eingearbeitet, etwa die erneuerbaren Energien, der zweite Schwerpunkt der Grünen im Landtagswahlkampf. Doch öffentlich merkt man davon wenig. Und das merkt auch die Basis: "Bei uns ist alles Bildung, Bildung, Bildung", moniert ein Grüner. Das sei wichtig, man dürfe darüber aber die grünen "Kernkompetenzen" - sprich das Thema Umwelt - nicht vergessen.

Claudia Dalbert pariert solche Spitzen mit der ihr eigenen Nüchternheit und Bestimmtheit, manche sagen: Kühle. "Ein Fachgebiet zu beherrschen, sehe ich als Stärke an, nicht als Schwäche." Das ist fein ausgedrückt. Vielleicht hat Dalbert das von ihrem Vater gelernt. Mit Politik ist sie groß geworden, quasi am Abendbrottisch. Ihr Vater war lange Jahre Ratsherr in Köln, übrigens für die CDU. Seine Tochter tritt als junge Studentin in Trier der Sozialistischen Unabhängigen Studenteninitiative bei. Sie macht Hochschulpolitik, engagiert sich in der Anti-Atom- und in der Friedensbewegung. Eine typisch westdeutsche Sozialisation.

Parteifreunde in Sachsen-Anhalt sagen, das merke man heute noch: "Ost-Grüne", sagt ein Vorständler, "brauchen klare Ansagen, aber auch Atmosphäre." Man müsse die Leute mitnehmen können, dürfe Dinge nicht zu sehr zuspitzen. "Das hat sie lernen müssen." Dennoch ist Dalbert schnell nach oben gekommen in der Partei: Erst 2007 tritt sie ein, schon im Herbst 2008 wird sie zur Landesvorsitzenden gewählt. Eine Karriere, die auch der dünnen Personaldecke geschuldet ist: Die Grünen haben zwar mittlerweile mehr als 600 Mitglieder, so viele wie noch nie. Aber immer noch gilt: Wer etwas werden will, der wird auch etwas. Und Claudia Dalbert wollte. Seit 1998 lebt und arbeitet sie in Halle. Sie hatte sich eingerichtet, 2007 stand für sie fest: Sie würde bleiben. "Das war der Moment, in dem ich wieder Lust auf Politik vor Ort hatte." Die Grünen, sagt sie, seien schon immer ihre Partei gewesen. Vielleicht hat das auch zu tun mit dem Thema ihrer Habilitation: "Über den Umgang mit Ungerechtigkeit." Was es mit Menschen macht, ungerecht behandelt zu werden - das treibt sie um. Und die Spitzenkandidatur? Das, sagt sie, sei doch folgerichtig: "Wenn Sie in einer Partei Landesvorsitzende sind, dann läuft es meist darauf hinaus."

Die 56-Jährige legt Wert darauf, dass sie nicht erst Politik macht, seit sie der Partei angehört. Sie pocht auf ihre Erfahrungen in der Wissenschaftspolitik. Sie arbeitete im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie mit, war Präsidentin einer internationalen Organisation von Gerechtigkeitsforschern. "Da habe ich viele Erfahrungen sammeln können, wie man sich auf glattem Parkett bewegt."

Erfahrungen, die ihr schon zugute gekommen sind bei dem überraschenden Putsch gegen ihren Co-Vorsitzenden Christoph Erdmenger im Sommer vergangenen Jahres. Der Dessauer war auf einem Parteitag abgewählt worden. Erst im September war ihm die Rückkehr in den Vorstand gelungen. Auch dank Dalbert: Die Landeschefin schaffte es damals in vielen Gesprächen, die Kritiker einzubinden und deren Stimmung aufzunehmen. Dalbert sagt von sich, sie sei gut verankert in den Kreisverbänden. Das bescheinigen ihr mittlerweile auch anfängliche Kritiker. Tatsächlich ist sie viel unterwegs in der Partei: Sie sucht den Kontakt zur Basis, lässt kaum eine bedeutendere Veranstaltung aus.

Wenn man Claudia Dalbert fragt, wie ihre Partei vorbereitet ist auf den Einzug in den Landtag, verweist sie gerne auf die 22 Listenkandidaten, die alle für verschiedene Themen stünden, von Wirtschaft über Inneres bis zur Sozialpolitik. Aber reicht das? Nein, fürchten manche in der Partei. "Der Bundestrend ist nur ein Vorschuss", warnt ein führendes Mitglied. Die hohen Erwartungen der Wähler müssten auch erfüllt werden: "Das wird eine riesige Herausforderung." Dalbert versucht die Skeptiker in den eigenen Reihen zu beruhigen: Es werde nach dem Einzug in den Landtag sofort Initiativen zu verschiedenen Themen geben. Doch ob sie es in ihrer nüchternen Art schaffen wird, Parteifreunde und Wähler auch emotional mitzureißen und für einen Schub zu sorgen, das ist bei den Grünen umstritten.

Ein Satz, der nicht zu ihr passt

An einem Abend Anfang Februar steht Claudia Dalbert in einer Magdeburger Studentenkneipe. Dielen, schlichtes Holzmobiliar, Selbstbedienung am Tresen. Es gibt Biobier und frischen Pfefferminztee, für einen Euro. Eine Live-Band spielt. Die Grünen feiern ihren Wahlkampfauftakt, rund 100 Gäste sind gekommen. Star des Abends ist Renate Künast, die Vorsitzende der Bundestagsfraktion. Vor ihr spricht Dalbert. Sie wirkt angestrengt, hält sich am Rednerpult fest. Sie doziert über Bildung und erneuerbare Energien, sie wirft mit Argumenten, Fakten und Zahlen um sich. Aber von den Stühlen reißt sie niemanden. Zum Schluss ruft sie: "Ärmel hochkrempeln, raus und ran an die Menschen!" Es klingt bemüht, es ist ein Satz, der nicht zu ihr passt. In der Partei gilt sie nicht als begnadete Rednerin, doch an diesem Abend findet das niemand schlimm: "Sie wird in ihre Rolle noch hineinwachsen", meint eine Besucherin.

Sie wird es müssen. Claudia Dalbert hat angekündigt, sich nach einem Einzug der Grünen in den Landtag zur Fraktionsvorsitzenden wählen zu lassen.

Als nächtes lesen Sie das Porträt über Jens Bullerjahn (SPD).


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