mz-web.de
Campus
mz-web.de > Nachrichten > Campus
Pharmazie

Wettlauf mit der Resistenz

VON JULIA KLABUHN, 13.07.10, 18:47h, aktualisiert 13.07.10, 18:56h
Der hallesche Pharmazeut Wolfgang Sippl
Der hallesche Pharmazeut Wolfgang Sippl konzipiert am Computer Substanzen, die gegen die Tropenkrankheit Bilharziose eingesetzt werden sollen. (FOTO: THOMAS MEINICKE)
Bild als E-Card versenden Bild als E-Card versenden
HALLE/MZ. Die Gefahr lauert im Wasser. Sie ist einen halben Millimeter groß und liebt warme Gewässer und die Schnecken, die dort leben. Die Rede ist von den Larven des Pärchenegels. Sie rufen die Tropenkrankheit Bilharziose hervor, an der jedes Jahr rund 280 000 Menschen sterben. Der Wurm lebt parasitär, das heißt, er braucht für seine Vermehrung Wirtsorganismen. Der Zwischenwirt ist die Wasserschnecke, in der sich die Larven entwickeln und vermehren. Anschließend befallen sie Menschen, indem sie sich durch die Haut bohren, über die Blutgefäße in den Körper wandern und dort Organe, etwa die Leber und die Milz, angreifen.

"Die Patienten haben Fieberschübe und Schwächephasen. In manchen Fällen kann es auch zum Organversagen kommen", sagt Wolfgang Sippl, Professor für Pharmazie an der Martin-Luther-Universität Halle. Er leitet am Institut für Pharmazie die Arbeitsgruppe Medizinische Chemie, die sich an einem internationalen Projekt beteiligt, um neue Wirkstoffe gegen Bilharziose zu finden. Gemeinsam mit Forschungsinstituten und Unternehmen aus Schweden, Frankreich und Brasilien soll ein neues Antibiotikum entwickelt werden.

"Es gibt derzeit nur ein Antibiotikum gegen Bilharziose", sagt Sippl. In Afrika und Südamerika, in denen die Krankheit am häufigsten vorkommt, befürchte man, dass die Pärchenegeln in fünf bis zehn Jahren Resistenzen gegen dieses Medikament entwickeln könnten. Bei 200 Millionen Krankheitsfällen im Jahr könnte das verheerende Folgen haben. In Mitteleuropa komme die Krankheit zwar nur bei Patienten vor, die sich bei Fernreisen infiziert haben, sagt Sippl. Dennoch sei das europäische Engagement in der Bilharzioseforschung sehr wichtig. "Für Pharmaunternehmen ist die Entwicklung von Medikamenten gegen Krankheiten, die fast nur in wirtschaftlich schwachen Regionen vorkommen, oft nicht lukrativ", sagt der 44-Jährige.

Die hallesche Arbeitsgruppe bringt in das Forschungsprojekt ihre Erfahrungen auf dem Gebiet der epigenetischen Regulationsmechanismen ein. Diese beruhen darauf, dass Proteine regeln, welche Gene im Erbgut aktiviert werden, um damit bestimmte Prozesse im Körper in Gang setzen. Wenn diese Proteine, Enzyme genannt, in ihrer Funktion gestört werden, können sie die Gene nicht mehr aktivieren. Das funktioniert, vereinfacht gesagt, indem eine Substanz entwickelt wird, die diejenige Stelle blockiert, mit der das Enzym sich eigentlich an die Gene anheften soll. Und genau hier wollen die Forscher den Pärchenegel treffen.

Bei der Entwicklung von Substanzen gegen Krebs hat die Arbeitsgruppe um Sippl dieses Prinzip schon angewendet. Wichtig sei, dass nur die gewünschten Enzyme gestört werden. Im Falle eines Wirkstoffes gegen Bilharziose also nur die Enzyme der Parasiten, nicht aber die der Menschen. Am Computer erstellt Sippl dazu Simulationen von Substanzen, die genau diese Voraussetzung erfüllen. Die eigentliche Arbeit im Labor - die Herstellung der Substanzen und die Tests ihrer Wirksamkeit - übernehmen die Projektpartner.

Das Vorhaben ist auf vier Jahre angelegt. Ein bis drei wirksame Substanzen, so die Hoffnung, sollen in dieser Zeit gefunden werden. Daraus können anschließend Medikamente entwickelt werden. Das wiederum werde acht bis zehn weitere Jahre in Anspruch nehmen. Ein Wettlauf mit der Zeit. Denn wie lange das bislang einzige Medikament gegen Bilharziose noch wirkt, vermag keiner genau zu sagen.


Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

    
    






Anzeige
Anzeige